Archive for November, 2020

Gewiefte Verkäufer, geprellte Anleger

Monday, November 16th, 2020

Zwei Jungunternehmer verkauften Aktien ihrer Startups zu überrissenen Preisen. Nun wehren sich Anleger, die sich ­getäuscht fühlen.

Fredy Hämmerli

Stolz präsentierten sich Fredy Piller und Oliver Scheuerer Mitte 2018 auf einem grossformatigen Foto im Wirtschaftsmagazin «Bilanz» (Bild im PDF). Die Zeitschrift hatte sie soeben zu den reichsten jungen Leuten des Landes gekürt.

Ihr Vermögen von 50 bis 100 Millionen Franken sollen sie mit Start-up-Firmen gemacht haben. Dazu gehören insbesondere Unternehmen wie die Screen24 AG, die Recycling Services AG und die Hyposcout AG. Screen24 vertreibt Handy-Ladestationen mit Werbebildschirmen, Recycling Services ist ein Abholdienst für wiederverwertbare Abfälle, und Hyposcout vermittelt Immobi­lienfinanzierungen.

Dokumente zeigen, dass Piller bei Screen24 aktuell rund die Hälfte und bei Recycling Services gut ein Drittel der Aktien kon­trolliert, Scheuerer gut 10 beziehungsweise 5 Prozent. An Hypo­scout sind die beiden inzwischen nicht mehr be­teiligt. Scheuerer sitzt noch im Verwaltungsrat.

Betreibungen und ­Pfändungen in Millionenhöhe

Heute, zwei Jahre später, stuft die «Bilanz» das Vermögen der beiden ehemaligen Studenten der Hochschule St. Gallen nur noch mit 20 bis 50 Millionen Franken ein. Doch auch das dürfte weit übertrieben sein. Denn gegen die beiden Jungunternehmer und ihre Firmen laufen Betreibungen und Pfändungen über Millionen­beträge. Gegen Piller waren es im Juni 1,4 Millionen, gegen Scheuerer rund 2,3 Millionen, bei Screen24 sind es rund 1,5 Millionen und bei Recycling Services 600000 Franken. Auf der Gläubigerliste finden sich Forderungen über Hunderttausende von Franken von Steuerämtern, Sozialversicherungsanstalten und Lieferanten. Die grössten Forderungen aber stammen von Investoren und Darlehensgebern, die sich getäuscht fühlen.

Wenig bewanderte ­Investoren zum Kauf von Aktien überredet

Die meisten von ihnen kauften Aktien der genannten Firmen über die Venstone AG (K-Geld 4/2018 und 3/2019). Venstone betreibt ein Callcenter, das vermeintlich wohlhabenden, aber in Finanzdingen wenig bewanderten Investoren Aktien am Telefon andrehte. Darunter befinden sich Kleinunternehmer sowie Aka­demiker wie ein ehemaliger Professor für Medizin, eine ehema­lige Linguistik-Professorin oder ein Sozialpädagoge. Sogar ein Steuerberater liess sich zum Kauf von Aktien überreden. Er wurde kurz nach seinen letzten Käufen von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde wegen seiner Demenz verbeiständet. Insgesamt verkauften allein die Recycling Services und die Screen24 Aktien im Umfang von gegen 10 Millionen Franken.

Venstone verlangte als Vermittler für die Screen24-Aktien mit Nennwert 5 Rappen bis zu Fr. 9.90. Das entspricht bei 8,2 Millionen Aktien einem rechne­rischen Firmenwert von über 81 Millionen Franken. Heute bietet Venstone die 5-Rappen-Aktien für Fr. 3.50 an. Die Credit Suisse bewertete sie vor zwei Jahren mit 12 Rappen, was einen Unternehmenswert von unter einer Million Franken ergibt.

Ähnlich sieht es bei Recycling Services aus: Venstone verkaufte deren Aktien mit Nennwert 1 Rappen für einen Preis bis zu Fr. 5.50 pro Stück. Das ­würde ­einem Firmenwert von rund 56 Millionen Franken entsprechen. Nathan Landshut ist einer der Anlegeranwälte. Er sagt: «Nach klas­sischen Bewertungsmethoden – also einer Substanz-, Umsatz- und Gewinnanalyse − sind Screen24 und Recycling Services wertlos.» 

Tatsächlich sind die Umsätze und Gewinne bei beiden Firmen bescheiden: Bei Recycling Services lag der Bruttoerlös im letzten Jahr bei 784000 Franken  – minus 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es resultierte ein operativer Gewinn von 337000 Franken. Bei Screen24 lag der Bruttoerlös 2018 bei 1,51 Millionen Franken – minus 24 Prozent. Der Verlust beläuft sich allein für dieses Jahr aber auf 3,18 Millionen Franken. Das ist doppelt so viel wie der Umsatz. 

Recycling Services und Screen24 sind buch­mässig überschuldet

Gravierender ist jedoch, dass ­beide Firmen riesige Verlustvor­träge mitschleppen: Bei Screen24 sind es 4,9 Millionen, bei Recycling Services 2,8 Millionen Franken. Im Klartext: Beide Firmen sind buchmässig überschuldet. Die Revisionsfirmen akzeptierten darum die Abschlüsse erst, nachdem die beiden Gründungsaktionäre Piller und Scheuerer sowie weitere Beteiligte einen Rangrücktritt beziehungsweise einen Verzicht auf ihre Darlehen erklärten.

Bei Screen24 geschah dies ­allerdings nur mit Vorbehalt: Die Fortführung der Gesellschaft sei ohne neues Kapital «stark ge­fährdet respektive verunmöglicht», schreibt die Transcontag AG, die Revisionsstelle der Screen24. Zudem kritisiert die Transcontag, dass die Generalversammlung zum Geschäftsjahr 2018 erst im August 2019 stattfand. Laut Gesetz hätte sie spätestens im Juni 2019 abgehalten werden müssen. In diesem Jahr soll es laut Oliver Scheuerer gar «Anfang November» werden. Scheuerer ist der einzige Verwaltungsrat der Screen24. Schuld ­daran sei «ein Chaos in der Buchhaltung», sagt Scheuerer. Die gesamte Buchhaltung 2019 habe nochmals erfasst werden müssen.

Haussmann, die Revisions­stelle der Recycling Services, moniert, dass die Gesellschaft jahrelang eigene Aktien von den Gründungsaktionären zurückkaufte – mit einem Aufschlag von 9900 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis. Das wäre laut Aktiengesetz nur zulässig, wenn das Unternehmen über freie Kapitalreserven verfügen würde – was nicht der Fall ist. Verwaltungsratspräsident Fredy Piller beant­wortete keine Fragen von K-Geld. 

Ähnliches geschah zum Jahreswechsel 2017/2018 bei Screen24: Im Rahmen einer Kapitalerhöhung kauften Piller und Scheuerer 3 Millionen Aktien für 5 Rappen pro Stück. Diese Anteile verkauften sie umgehend wieder an ihre Gesellschaft zurück – zum Preis von ­einem Franken. Den Sofort­gewinn von 95 Rappen pro Aktien liessen sie als Darlehen in der Gesellschaft stehen. Scheuerer sagt gegenüber K-Geld, dieses Vorgehen habe man «aus bilanztechnischen Gründen gewählt, um eine Überschuldung zu vermeiden». Das Geld sei auf ein Sperrkonto ge­flossen und von dort «als Geschenk» zurück an die Gesellschaft. Die ­Revisionsstelle habe das Vorgehen akzeptiert.

Ein betroffener Investor sieht darin jedoch «eine klare Benach­teiligung der übrigen Aktionäre». Diese zahlten für die Aktien 70 Mal mehr als das Duo Piller/Scheuerer. Der als «Rückschenkung» dekla­rierte Darlehensverzicht sei erst auf Druck der Revisionsgesellschaften erfolgt. 

Der Investor ist nicht allein mit seiner Meinung: Anleger beauftragten mehrere Anwälte mit Zivil- und Strafklagen gegen die genannten Firmen und ihre beiden Gründungsaktionäre. Ein Zivilprozess ist bereits vor dem Bezirksgericht Höfe in Wollerau SZ hängig. Betroffene Investoren und Darlehensgeber wollen ihr Geld zurück. Denn ein Verkauf auf dem freien Markt ist praktisch ausgeschlossen. Immerhin verspricht Scheuerer, dass «jedem Verkaufswilligen ein faires Angebot» gemacht werde – «mindestens zum Einstandspreis». Ein Schreiben an den Finanzchef der betroffenen Firmen genüge. K-Geld bleibt dran und wird überprüfen, ob dieses Versprechen tatsächlich eingehalten wird.

Hochriskante Investition in Diabetes-Unternehmen

Monday, November 16th, 2020

Christian Bütikofer

Mitarbeiter der Nordstein AG rufen ungefragt potenzielle Kleinanleger an und werben für Investitionen in die Urdorfer Firma Secure­cell AG. Dabei droht schlimmstenfalls ein ­Totalverlust.

Anfang Mai erhielt K-Geld-­Leser Alex S. aus Zürich einen Anruf aus heiterem Himmel. Am anderen Ende war ein Mann, der sich als «Herr Benz» der Zürcher Nordstein AG vorstellte. Der Telefon­verkäufer sagte Alex S., er solle die Gelegenheit beim Schopf packen und zu einem günstigen Preis ­Aktien der Firma Securecell AG kaufen – und zwar noch vor deren geplantem Börsengang: Für 90 Franken pro Aktie sei er dabei. Das sei ein Super­preis, denn der Aktienwert ­werde sich später auf 800, ja sogar 1500 Franken erhöhen. In Zukunft ­werde die Urdorfer Medizinaltechnikfirma mit Milliarden be­wertet. 

Aus Neugier bestellte Alex S. die Unterlagen. Nordstein schickte ihm Dokumente, die S. «eher als Werbematerial» einstufte. Man legte ihm etwa einen Artikel der Zeitung «Finanz und Wirtschaft» von diesem Januar bei, in dem prominent von einem bevorstehenden Börsengang der Securecell AG die Rede ist. «Dadurch erscheint die Securecell in ­einem seriösen Licht», kommentiert Alex S. Als er dann einen weiteren Anruf der Nordstein erhielt, bat er um die Zustellung eines Geschäftsberichts samt Erfolgsrechnung und Bilanz. Diese erhielt er – samt einer Einladung für ein Investorentreffen am 24. September in Zürich. 

Die AG bewirbt ihr Produkt «Seraccess». Das soll eine künstliche Bauchspeicheldrüse für Diabetiker sein. Bei Diabetes-Patienten reguliert sich der Blutzuckerspiegel nicht mehr von selbst. Dieses Problem soll «Seraccess» angeblich dank sehr genauer Messung lösen. Nach Jahren der Forschung existiert aber bis heute kein auf dem Markt erhältliches Produkt.

Securecell-­Chef Carlo Andretta schreibt dazu: ­«Unser Messverfahren wurde über sieben Jahre entwickelt und Ende 2019 auf der Basis von Prototypen­elementen erfolgreich abgeschlossen und qualifiziert.» Nach heu­tigem Erkenntnisstand werde die erste Anwendung der «Seraccess»-­Technologie Ende 2022 oder Anfang 2023 am Markt eingeführt.

Securecell lebt weitgehend vom Verkauf von Aktien

Trotz einem fehlenden Produkt werben aggressive Aktienverkäufer bei Schweizer Kleinanlegern immer wieder für die Securecell. Vor fünf Jahren beispielsweise kamen die Telefon­anrufe nicht von Nordstein, sondern von der Salfried AG. Auch damals wurde bereits ein Börsengang von Securecell ins Spiel gebracht. Potenzielle Anleger waren schon für etwas mehr als 20 Franken dabei.

Eine Analyse der Geschäfts­berichte zeigt, dass Securecell weitgehend vom Verkauf der Aktien lebt: Der grösste Teil des Ertrags der letzten vier Jahre stammt daraus. Der Nennwert einer Aktie liegt bei 10 Rappen pro Stück, der Verkaufspreis bei 90 Franken. Zurzeit sind mehr als drei Millionen Aktien von Secure­cell im Umlauf. So können die Urdorfer Firma und die Nordstein AG massenhaft Aktien ver­kaufen und Geld verdienen.

K-Geld hatte Kontakt mit In­sidern, die Securecell gut kennen. Eine Person sagt: «Den Investoren wird nicht gesagt, dass Nordstein und vorher Salfried weit mehr als 30 Prozent der Investments ver­langen.» Das heisst: Bei einem Preis von 90 Franken für eine Aktie gehen 27 Franken an den Vermittler, also die Nordstein AG. Secure­cell-Chef Andretta bestätigt, dass 25 bis 35 Prozent an die Nordstein als Kommission gehen. Man sei mit der Nordstein sehr zufrieden.

Weiter bemängeln Insider Andrettas hohes Gehalt, das eines Start-ups unwürdig sei. Er verdient nach eigenen Angaben bis zu 240000 Franken netto pro Jahr. Dazu kommt ein Bonus bis zu 30000 Franken, der erfolgsabhängig vom Verwaltungsrat festgelegt werde. Der Grund für die Kommission an die Nordstein sei der erhebliche Aufwand für die Akquisition bei Privatinvestoren. 

Nicht börsennotierte Aktien bringt man kaum los

Für Anleger ist eine solche Inves­tition in der Regel kein gutes Geschäft. Wichtig zu wissen: Wer Geld in Firmen steckt, deren Aktien und Obligationen nicht an der Börse gehandelt werden, kann die Anteile schlecht verkaufen. Denn es gibt dafür kaum einen Markt. Solche Firmen sind auch nicht zur Transparenz verpflichtet. 

Die Masche mit solchen Privat­investitionen ist nicht neu: Die Telefonverkäufer der Salfried AG verkauften auch Aktien des Zuger Pharmaunternehmens Amvac und kassierten dafür Millionen an Provisionen. Von jedem Verkauf sackten sie 60 Prozent des Geldes ein. Inzwischen ist die Amvac pleite, Anleger verloren Millionen (K-Geld 4/18). 

Die Staatsanwaltschaft Zug erhob im August 2019 Anklage gegen den Geschäftsführer der Salfried AG, unter anderem wegen gewerbsmässigen Wuchers und Gehilfenschaft zum gewerbsmässigen Betrug. Der Staatsanwalt beantragt eine Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren. Er befragte den Beschuldigten während der Unter­suchung auch zur Nordstein AG. Doch dazu wollte sich der Salfried-­Geschäftsführer in Anwesenheit ­seines Anwalts nicht äussern. Letzterer ist seit der Gründung der Nordstein AG einziger Verwaltungsrat. Mit­arbeiter, die früher für Salfried tätig waren, zügelten zu Nordstein.