Die Schweiz: seit 1970 eine internationale Drehscheibe für Atomschmuggel

Die Tinners sollen illegal Atom-Technik an Pakistan verkauft haben. Doch sie sind bei weitem nicht die einzigen. Ohne Schweizer Firmen und die lange Jahre lasche Atom-Gesetzgebung Berns wäre das Land nie derart schnell zur Atommacht aufgestiegen. von Christian Bütikofer

Dem Vater Friedrich und seinen Söhnen Urs und Marco Tinner wirft der eidgenössische Untersuchungsrichter Andreas Müller vor, die Entwicklung von Atomwaffen gefördert zu haben. Er beantragt bei der Bundesanwaltschaft, die Angeschuldigten wegen Widerhandlung gegen das Kriegsmaterialgesetz anzuklagen.

Die Tinners sind kein Einzelfall. Seit den 70er-Jahren handelte sich die Schweiz immer wieder internationalen Ärger ein, weil sie als Drehscheibe für Technologie- und dazugehörige Finanztransfers galt. Die Geschichte von Pakistans erfolgreichem Aufstieg zur Atommacht zeigt dies exemplarisch.

Ausbildung in Europa als Grundlage

Pakistans Erzfeind Indien trat das Atomrüsten definitiv los, als das Land am 18. Mai 1974 unterirdisch seinen ersten Atomsprengsatz zündete. Pakistan versuchte schon vorher, zur Atommacht aufzusteigen, doch von diesem Zeitpunkt an wurde dieses Ziel zur obersten Staatssache erkoren – auch bei wechselnden Militärdiktaturen; die Bombe wollten alle Machthaber in Islamabad.

Ende 1975 kehrte der pakistanische Wissenschafter Abdul Kadir Khan von Europa in sein Heimatland zurück. In den 60er-Jahren hatte er in Deutschland und den Niederlanden studiert, bevor er 1972 Zugang zur europäischen Atomfabrik Urenco im holländischen Almelo erhielt.

Pläne in ziviler Uran-Anreicherungs-Firma geklaut

Dort wurde U-235 in tausenden Gaszentrifugen angereichert. Der Brennstoff U-235 ist im Natururan nur in einer Konzentration von 0,7 Prozent enthalten. Auf 90 Prozent angereichert, kann man damit bombenfähiges Material herstellen. Urenco reicherte U-235 aber höchstens auf fünf Prozent an, weil dies fürs Betreiben von Kernkraftwerken völlig ausreicht. An Urenco waren Unternehmen aus Holland, Deutschland und Grossbritannien beteiligt.

Khan klaute während seiner Zeit bei Urenco hochsensible Konstruktionsunterlagen und Listen von Zulieferern. Nach seiner Heimkehr wurde er sofort zum Chef des geheimen pakistanischen Atombomben-Projekts erkoren.

Geld-Drehscheibe Zürich

Während Jahren koordinierte die pakistanische Botschaft in der damaligen westdeutschen Hauptstadt Bonn die weltweiten – illegalen – Technik-Einkäufe fürs Atom-Projekt. Diverse europäische Studienkollegen Kahns fungierten als Zwischenhändler.

Eine Razzia der holländischen Wirtschaftskriminalitäts-Behörde Economische Controledienst (ECD) bei einem Niederländer zeigte, wie die finanziellen Fäden in Zürich zusammenliefen. Die Agenten verfügten regelmässig über Gelder, die von der Pakistanischen Botschaft auf ein Konto der OPAK Intertrade Ltd in Zürich überwiesen wurden.

Betreut wurde die OPAK von Steuerberater Leonard Jacob Stolk, der hier für diverse Firmen im Verwaltungsrat sass. Nach Recherchen des deutschen Journalisten Egmont R. Koch verwaltete der gebürtige Holländer Stolk die Gelder Pakistans für die Beschaffung von Technologie für eine von Kahns Atomfabriken.

Deutscher Konzern mit Vorlieben fürs Rheintal

Um Uran-235 im grossen Stil anzureichern, genügten Kahn die aus Holland gestohlenen Plänen nicht. Dafür konnte er auf die Hilfe des Kölner Industriekonzerns Leybold zählen. Als Zulieferer waren die Kölner über die geheimen Projekte der Urenco in den Niederlanden bestens informiert.

Die zwei Leybold-Direktoren Otto Heilingbrunner und Gotthard Lerch liessen nach geheimen Urenco-Plänen, in deren Besitz sie als Zulieferer gekommen waren, Anlagen für Pakistan in der Schweiz nachbauen.

Das zeigten Dokumente, die die Bundesanwaltschaft 1986 bei Gotthard Lerch in Buchs beschlagnahmte.

1983 tauchten die zwei Deutschen erstmals bei den Metallwerken Buchs auf. Das Unternehmen war damals im Besitz der Vaduzer Treuhänder der Präsidial-Anstalt. Für mehrere Millionen Franken sollten die Buchser darauf diverse Komponenten herstellen, die Pakistans Atombomben-Professor für sein Projekt benötigte.

Geheimpläne nach Liechtenstein verschoben

Doch 1984 gabs unerwartete Probleme: Ein deutscher Urenco-Teilhaber bemerkte, dass die Schweizer über einen Teil seiner Konstruktionspläne verfügten. Der österreichische Geschäftsführer der Präsidial-Anstalt, Helmut Eder, reagierte sofort. Er sammelte alle Pläne ein, verschob sie nach Liechtenstein und verdonnerte die Metallwerke-Mitarbeiter zu absolutem Stillschweigen. Dann traf er sich mit den Leybold-Direktoren.

Um die deutschen Urenco-Teilhaber zu täuschen, wurde flugs eine dritte Partei erfunden, die den Metallwerken diese Pläne habe zukommen lassen. Die Finte gelang, Eder, Heilingbrunner und Lerch liessen Gras über die Sache wachsen.

Aber bereits 1985 wurden sie wieder aktiv. Die honorige Präsidial-Anstalt verlegte das auch zu ihr gehörende und von Gotthard Lerch gegründete Unternehmen «AVE Apparate, Verfahren und Engineering AG» von Winterthur ebenfalls nach Buchs.

Eder und Leybold-Direktor Lerch übernahmen das Ruder und schafften die geheimen Pläne zurück in die Schweiz.

Sofort machten sich die Ingenieure der Buchser Metallwerke an den Bau der Anlagen für Kahns Atomprogramm.

Grosse Hektik an Weihnachten

Doch Ende 1985 gabs schon wieder Ärger: Der Nationalrat revidierte das Schweizer Atomgesetz – ab dem 1. Januar 1986 wurde jede Lieferung aus der Schweiz nach Pakistan illegal. In Sonderschichten fertigten die Buchser noch Ende Dezember 1985 einen Grossteil der Bestellung.

Bis zu dieser Gesetzesänderung war es aus der Schweiz völlig legal möglich, so genanntes «schweres Wasser» tonnenweise in Möchtegern-Atommächte zu exportieren.

Schweres Wasser unterscheidet sich äusserlich nicht von normalem Wasser, wird in seiner chemisch unterschiedlichen Zusammensetzung aber benötigt, um spaltbares Nuklearmaterial zu gewinnen. Das Endprodukt: waffenfähiges Plutonium.

Razzias der Bundesanwaltschaft

Anfang 1986 beschlagnahmte der Schweizer Zoll einige der Geräte. Wenige Tage später fuhr die Bundesanwaltschaft bei den Metallwerken ein und eröffnete Ermittlungsverfahren, auch gegen den damaligen Chef der Präsidial-Anstalt Peter Ritter.

Die Bundesanwaltschaft führte auch bei Otto Heilingbrunner eine Razzia durch – heute wird er von deutschen Hochschulen als verdienter Wissenschafter hofiert.

In seinen Unterlagen wurde klar, wie der Industriekonzern Leybold jahrelang in die pakistanischen Atombomben-Geschäfte verwickelt war: Schon 1978 flogen pakistanische Herkules-Transportflugzeuge unter den Augen der Schweizer Regierung wichtige Geräte nach Islamabad. Die Anlagen wurden im Auftrag der Kölner Leybold von der Buchser Vakuum Apparate Technik (VAT) hergestellt.

Nach Verurteilung gleich wieder frei

Die Hilfe aus Europa blieb nicht ohne Folgen. Am 28. Mai 1998 bestätigte Pakistan mit unterirdischen Tests den erfolgreichen Abschluss seines Atomprogramms. Abdul Kadir Khan gilt seither als Volksheld. Pakistan dürfte bereits seit Beginn der 80er-Jahre im Besitz von Kernwaffen sein.

Seit 1990 versuchte die deutsche Justiz Gotthard Lerch wegen Verstössen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz hinter Gitter zu bringen. Erst Ende 2008 wurde er deswegen verurteilt. Er musste seine fünfjährige Haftstrafe jedoch wegen der langen Dauer des Verfahrens und der internationalen Berichterstattung nicht antreten.

Der Deutsche kehrte als freier Mann nach Grabs zurück und geniesst seither die allabendlichen Umrisse der Ostschweizer Berggipfel.

© az Aargauer Zeitung, 24.12.2010

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