Archive for May, 2010

«Das Maskulinum ist nicht mehr das, was es einmal war»

Monday, May 24th, 2010

Nicole Soland hat im «P.S.» mit Luise F. Pusch ein längeres Interview geführt. Die feministische Sprachwissenschafterin Pusch hat grundlegende Arbeiten zur deutschen Linguistik geleistet.

Ihre feministische Sprachkritik war ziemlich erfolgreich. So bereiteten ihre Arbeiten unter anderem den Weg für geschlechtergetrennten Sprachgebrauch in  Verwaltungen vor.

Im Interview sagt sie: «Das Maskulinum ist nicht mehr das, was es einmal war. Beschämt sitzt es in der Ecke und beweint seinen verlorenen Anspruch auf Alleinvertretung der Geschlechter.»

Niklaus Meinenberg kritisch betrachtet

Unter anderem beleuchtete sie auch Niklaus Meienbergs Texte kritisch. In ihrer Analyse «Das Schmettern des Schweizer Gockels» attestierte sie ihm «unverwüstliche Frauenfeindlichkeit» – und löste damit eine Kontroverse bei der Linken aus.

Der Titel ihrer Kritik ist eine Anspielung auf Meienbergs Frankreich-Reportagen «Das Schmettern des gallischen Hahns», erschienen 1976 im Luchterhand Verlag.

Actionfilme und Computergames Schuld an Machos?

Das Interview im «P.S.» gibts leider nur auf Papier. Dabei wäre es interessant, ihre heutige These im Web kritisch zu beleuchten. Im Interview meint sie nämlich auf die Frage von Nicole Soland:

Solidarität und Verständigung im Gespräch könnten auch Männer lernen, haben Sie einmal geschrieben: Haben es die Männer gelernt?

Überwiegend haben sie genau das Gegenteil gelernt – Actionfilme, Gewalt-Computerspiele und Pornoseiten im Internet predigen eine widerwärtige Machokultur, der mann sich schwer entziehen kann.

Das tönt ziemlich monokausal und riecht ein wenig nach altbekannten Kritikmustern von Intellektuellen, die mit Populärkultur wenig anzufangen wissen.

So zerrte Roger de Weck die CS-Geldwäscher ans Licht

Thursday, May 20th, 2010

SRG-Generaldirektor Roger de Weck möchte mehr investigative Geschichten im Schweizer Fernsehen. Eine löbliche Idee, finde ich. De Weck weiss, wovon er spricht: Als 24-jähriger Journalist recherchierte er 1977 mit seinem älteren Kollegen Max Mabillard in der «Tribune de Genève» hartnäckig über die Bankfiliale Chiasso der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA).

Die SKA wurde später zur Credit Suisse, was die Gitterstäbe vor den Fenstern der Fassade am Paradeplatz noch heute bezeugen.

Was recherchierte de Weck?

Während sechzehn Jahren baute und verbaute Ernst Kuhrmeier, Direktor jener Filiale, ein eigenes Imperium im Schatten der Grossbank.

Milliardenverlust durch Spekulationen

Seine Machenschaften fügten der SKA einen Verlust bei, der die Milliardengrenze überschritt. Hand in Hand arbeitete der Filialdirektor mit dem angesehenen Tessiner Anwaltsbüro Maspoli & Noseda (die verlinkte Spiegel-Geschichte ist lesenswert).

Bei der SKA in Zürich wurde Kuhrmeiers Treiben lange geduldet. Als die ersten Anzeichen öffentlich wurden, versuchte man erst den Fall kleinzureden. Danach distanzierten sich die Bosse in Zürich von Kuhrmeier und liessen ihn fallen.

Mabillard und de Weck waren die ersten, die der Geschichte permanent nachgingen – notabene Journalisten einer liberalen Zeitung, fern jeglicher «linker» Verdächtigkeit.

Sie nahmen schlicht ihren Beruf als Journalisten ernst.

Auch die TAT (die damalige Migros-Zeitung, die den aufkommenden «Blick» konkurrieren wollte – einfach eher von der Perspektive des linken «Blick»-Winkels…) mit dem heutigen Sonntagszeitung-Journalisten Hanspeter Bürgin landeten mehrere Male Recherche-Primeurs in dieser Sache.

Perfektes Geldwäsche-System

Die Chiasso-Affäre beherrschte die Medien monatelang. Es war auch das erste Mal, wo richtig öffentlich wurde, wie der Schweizer Finanzplatz zum Handlanger Krimineller wurde und wie die Drogenmafia Italiens und der USA hier unbemerkt ein Zentrum zur Geldwäsche aufbauten.

Die Affäre führte dazu, dass Heinz Wuffli, Generaldirektor der SKA, wegen Chiasso seinen Hut nahm.

Sein Sohn Peter Wuffli wurde 2001 Konzernchef der Konkurrenzbank UBS (damals hiess sie SBG) und trat dort 2007 überraschend zurück – offenbar wegen Führungsfehlern, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Aber das nur nebenbei.

Journalistisches Lehrstück

Das Buch «Der Fall Chiasso» ist ein journalistisches Lehrstück: Auf einfache Weise erklären Mabillard und de Weck die komplizierten Tricks, welche Kuhrmeier und seine Komplizen erdachten, um aus italienischem Fluchtkapital Profit zu schlagen.

De Weck beschäftigte sich also schon vor über 30 Jahren mit einem Thema, das in der Schweiz aktueller nicht sein könnte.

Das Buch ist vergriffen. Man findet es aber sicher online bei Abebooks oder in grossen Bibliotheken wie der Zentralbibliothek Zürich.

PS: Den mit Abstand besten biographischen Abriss Roger de Wecks veröffentlichte Kollege Christian Mensch in der Basler Zeitung.


Basler Zeitung
19 Mai 2010

Fundi-Plakate soweit das Auge reicht

Wednesday, May 19th, 2010

Da fährt man nichtsahnend durchs Zürcher Oberland und bemerkt am Strassenrand immer wieder mal ein Plakat, das die Landschaft verschandelt.

Erst denkt man an einen Scherz:

Aber nein, – ZACK! – es ist tatsächlich wahr: Darwins Evolutionstheorie, alles eine grosse Lüge!

Wie Kollege Hugo Stamm im Tagi schreibt, steckt der grosse Meister Harun Yahya alias Adnan Oktar dahinter, ein Türke, der offenbar eine ziemlich schillernde Figur ist.

Schuld am ganzen Weltschmerz sind mal wieder die Ungläubigen, die sich erfrechen, die Evolutionstheorie doch tatsächlich ernst zu nehmen.

Denen es seltsam erscheint, dass unser Planet  in sechs Tagen entstanden sein soll. Die Nachfahren jener kritischen Geister also, die auch nicht so recht daran glaubten, die Erde sei eine Scheibe.

Hunderte Domains reserviert

Nicht nur der Kanton Zürich ist mit diesen Plakaten zugepflastert. «24 heures» schreibt mehrmals über Harun Yahyas farbigen Traktaten: Bevor er Zürich beglückt, erklärt er am 25. Mai den Lausannern «wissenschaftlich», warum Darwin ein Scharlatan ist.

Seine «Wissenschaft» ist der Kreationismus, mit dem sich der amerikanische Politkomödiant Bill Maher auch schon mal eingehend beschäftigte.

Yahya hat hunderte Domains in diversen Sprachen registriert:

Immer wieder erstaunlich, wie sehr Fundis Fundis gleichen, egal ob christlich oder muslimisch.


24 Heures
18 Mai 2010

Schweizer IT-Journalisten: Fragwürdiges Ranking

Tuesday, May 18th, 2010

Wir Journalisten lieben Ranglisten. Wer ist top, wer flop? Auch die Werbeindustrie steht darauf.

In der Medienszene gibts das auch schon lange. Kein Jahr, wo der «Schweizer Journalist» nicht auf Ratingtour geht.

Jetzt hat sich die Firma «Performance Research Centre Ltd» mit der Website «Apollo Research» den IT-Journalisten angenommen (registrieren kann man sich gratis).

Sehr spannend, wer nach diesen Fachleuten die Schweizer Top-IT-Journalisten sind. Auch Backoffice-Mitarbeiter sind da drin… Da ist ja das Rating vom «Schweizer Journalist» geradezu topseriös.

Sorry, kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Wie Facebook Privacy-Optionen versteckt

Monday, May 17th, 2010

Die New York Times hat eine *kleine* Infografik erstellt, wie man sein Facebook-Profil abdichtet.

Die Facebook-Macher verstehen es, ein paar Klicks in x verschiedenen Rubriken zu verstecken.

Absichtliche Usability gegen den Kunden, sage ich schon lange.

Verleger Lebrument und die Gewerkschaften

Sunday, May 16th, 2010

Im Medienmagazin «Klartext» schreibt Kollegin Bettina Büsser über Lebruments Auftritt bei Giacobbo / Müller (auch ich empfehle, den Ausschnitt unbedingt anzusehen).

Sie zitiert die verqueren Aussagen des Hanspeter Lebrument, warum bei ihm Gewerkschaften nicht willkommen sind.

Nun, früher, da war er viel direkter, da musste er nicht derart rumeiern. Dies zeigt das alte verstaubte Buch «Liquidiert» (Lenos Verlag, 1978).

«Liquidiert» dokumentierte die fristlose Entlassung Roger Schawinskis als Chefredaktor der «TAT» und was danach passierte. Die Zeitung war ein investigatives Boulvardblatt der Migros.

Nach Schawinskis Abgang warf die Migros die Journalisten auf die Strasse und stellte das unbequeme Blatt ein. Was zur Folge hatte, dass erstmals in der Schweiz eine Zeitungsredaktion streikte.

Wo kommt da Lebrument ins Spiel? Als Kommentator mischte er aktiv mit. So ist im Buch zu lesen:

[…] schliesslich liefern sich Ex-TAT-Inlandredaktor Kurt W. Zimmermann und Hanspeter Lebrument, Chefredaktor der ‘Bündner Zeitung’, im Hotel ‘Drei Könige’ in Chur ein Podiums-Redegefecht. Im überraschend gut gefüllten Saal stehen sich zwei Thesen gegenüber: “Es lohnt sich, für eine kritische unabhängige Presse einzustehen” (Zimmermann) und “Eine Zeitung sollte der Wirtschaft grundsätzlich freundlich gegenüberstehen” (Lebrument) […]

Man kann sich jetzt natürlich fragen, ob damals tatsächlich DER Zimmermann mit Worten focht, den man von Tamedia kannte und der aktuell in der Weltwoche schreibt. Die Antwort: Aber scho sicher!

Zurück zu Lebruments «Bündner Zeitung»: Der Streik erregte in der ganzen Schweiz Aufsehen und wurde von der Presse natürlich kommentiert. Die «Bündner Zeitung» war staatsmännisch angewidert:

Schawinski war wohl das Aushängeschild der “Tat”, aber er war nie Ideologe, in seiner politischen Haltung nicht in ein begrenztes Feld einzubringen. Die Leute, die letztlich innerlich bestimmten und jetzt auch den Streik ausgelöst haben, blieben lange im Hintergrund. Sie haben jetzt jedoch deutlich gemacht, dass ihnen diese Zeitung — und eine Zeitung, ein Organ, das stets auch ein Stück Oeffentlichkeit verkörpert, musste es sein — zum inneren Experimentierfeld gewerkschaftlicher Kampfführung und Ausgestaltung der Mitbestimmung diente. Die fromm-bürgerliche Auffassung, die Kampfmassnahmen gefährdeten die weitere Herausgabe des Blattes und damit Arbeitsplätze, kann doch in diesen Kreisen nicht verfangen. Den Arbeitskampf an einer Zeitung, die sich stets in die Schlagzeilen gedrängt hat und bei einem der grössten Arbeitgeber des Landes, der seiner inneren Konstruktion den Begriff des “Sozialen” herausgestrichen und auch vorexerziert hat, zu führen, ist doch eine nicht mehr wiederholbare Gelegenheit.

Der Kommentar ist selten ungelenk, die Stossrichtung aber trotz Bandwurmsätzen und Gedankenstrichen klar: Diese streikenden Journalisten sind völlig verantwortungslos und benutzen eine Zeitung als Experimentierfeld. Streik als Missbrauch.

Ich denke, das sagt doch einiges.

CH-Lehrer-Mobbing in Relation zu Kolumbien

Sunday, May 16th, 2010

Heute hat der «Sonntag» eine Titelgeschichte über Lehrer-Mobbing in Facebook gebracht. Natürlich ist die virtuelle Pöbelei nicht schön.

Dabei ist mir aber einfach eine Meldung von «El Tiempo» in den Sinn gekommen, welche die Facebook-Story ein wenig einzuordnen hilft: In Kolumbien verzeichnete man 2009 alleine vier Morde an Lehrern, dieses Jahr sind es schon drei, berichtet die Lehrergewerkschaft Sindicato Único de Trabajadores de la Educación del Valle (Sutev).

Alles ganz real, nichts Virtuelles dort.

Die letzten zwei Todesfälle ereigneten sich im Departement Valle del Cauca, mit seiner Hauptstadt Santiago de Cali – bekannt als die Hauptstadt des Salsas. Dort allein wurden 2008 80 Lehrkräfte bedroht. 2009 waren es 170 und dieses Jahr sind es schon 30.

Santiago de Cali (oder einfach nur Cali) in der Provinz Valle del Cauca:


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Radio DRS: Peinliche Suchfunktion

Sunday, May 16th, 2010

Bei etlichen Schweizer Medienwebsites sind Suchfunktionen eingebaut, die völlig ungenügend sind. Ein besonderer Murks klatschten die Verantwortlichen von Radio DRS hin.

Sucht man etwa nach “Dignitas”, ergibt das null Treffer, obwohl vor einigen Tagen mit deren Geschäftsführer ein Interview ausgestrahlt wurde. Das soll eine “Volltextsuche” sein?

Da hilft wieder mal nur eins: Mit dem Befehl “site:drs.ch” und dem entsprechenden Stichwort auf der Google-Website nach Treffern suchen. Resultat: Immerhin 33 Ergebnisse.

4 Militärs, 193 Jahre Knast

Saturday, May 15th, 2010

Sie zerrten ihn aus der Hütte und behaupteten, er sei ein Guerillero. Dann erschossen die vier kolumbianischen Armeeangehörigen den Bauern Luis Sandoval aus Chita im Departement Boyacá.

Die Provinz Boyacá im Nordosten Kolumbiens:


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Für das Verbrechen erhielt ein Gefreiter 58 Jahre, die drei Soldaten je 45 Jahre Gefängnis, vermeldete der zuständige Staatsanwalt. Die Meldung ist u.a. bei «El Tiempo» nachzulesen.

London hat genug von grossen Noten

Saturday, May 15th, 2010

Die Britischen Wechselhäuser und Banken rücken ab sofort keine 500er-Euroscheine mehr raus. Dies darum, weil die Noten häufig für Geldwäsche genutzt würden – die Missbrauchsrate liege bei 90 Prozent.

500er-Noten waren praktisch. So konnte ein Gauner ganz einfach 20’000 Euro in einer Zigarettenschachtel transportieren. Die Meldung gibts u.a. online beim «Figaro».