Webabzocker mit immer dreisteren Methoden

Von Christian Bütikofer

Webseiten mit angeblichen Gratisangeboten entpuppen sich oft als Abofallen. Anschliessend werden die Geneppten mit Anwaltsschreiben belästigt.

Tamedia-Informatiker C. staunte nicht schlecht. Vor einigen Tagen suchte er im Internet eine Software und surfte auf die Seite Opendownload.de. Zum Herunterladen des Gratisprogramms musste er dort vorher ein unscheinbares Formular ausfüllen. Kurze Zeit später erhielt er Post vom norddeutschen Anwalt Olaf Tank aus Osnabrück. Inhalt: C. schulde ihm 138 Euro für die Benutzung der Webseite. Eine Frechheit, findet C. – er konnte die Software nicht einmal herunterladen. Und wird den angemahnten Betrag nicht bezahlen.

Wie Foreneinträge beim «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens zeigen, ist C. bei weitem nicht alleine. Unzählige Personen beschweren sich dort über das «Gratis»-Angebot auf Opendownload.de der Content Services Ltd. aus Mannheim. Gegründet wurde die Briefkastenfirma im Juli 2007 vom 28-jährigen Alexander Varin. Er dürfte als Strohmann fungieren. Einmal gibt er als Land, in dem er sich aufhält, die Slowakei an, dann will er wieder in Frankfurt am Main leben.

Ein Anwalt für alle Fälle

Die Content Services betreibt gleich Dutzende Webseiten mit versteckter Kostenpflichtigkeit, so etwa Grusskarten-suchen.de oder Jede-Frau-Abschleppen.de. Verwaltet werden alle Seiten in Österreich bei der Firma Maxolution. Für die Webseiten macht Rechtsanwalt Olaf Tank gehörig Druck beim Inkasso. Er ist in der Internetszene einschlägig bekannt. Sein Geschäft scheint zu brummen. Inzwischen hat er Zweigstellen in Düsseldorf, Hamburg und München. Zu Beginn seiner Karriere als Inkasso-Anwalt verschickte er 2005 Briefe für den Abzocker Brian Corvers (23). Der beschäftigte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden. Unter der Domain Probino.de bot er einen «Warenprobeneintragsservice» an. In Wahrheit handelte es sich um ein kostenpflichtiges Abonnement – die übliche Masche, bei der die Kostenpflichtigkeit im Kleingedruckten erwähnt wird. Nicht lange, und die bekannten Tank-Briefe mit der Inkasso-Mahnung landeten bei den Geneppten. Bei den Geschäften Corvers, für die Tank auf Inkasso-Tour ging, besteht der Verdacht, dass es sich um nichts anderes als Betrug handelte. Im Internet warben getäuschte Verbraucher dafür, Anzeige zu erstatten – über 1500 trafen bei der Staatsanwaltschaft Wiesbaden ein. Der zuständige Staatsanwalt wirft Corvers inzwischen vor, in 1638 Fällen versuchten Betrug und in 66 Fällen vollendeten Betrug begangen zu haben. Die Probino-Abzocke füllt gegen 100 Aktenordner, wie der «Wiesbadener Kurier» unlängst berichtete.

«Prix Blamage» für die Schmidtleins

Nach dieser Episode wandte sich Olaf Tank einem neuen Kunden zu: den Schmidtlein-Brüdern aus Südhessen. Die gaunerten jahrelang im Web mit Pseudo-Gratis-Webseiten herum. Auch hier wurden die Kosten im Kleingedruckten genannt, Opfer waren meist Schüler. Bei den Hereingefallenen sorgte Olaf Tank anschliessend für Druck durch die bekannten Inkasso-Briefe. Die Schmidtleins wurden letztes Jahr vom Landesgericht Darmstadt zu einer Strafe von rund 40’000 Franken verurteilt. Und das Konsumentenmagazin «Der Beobachter» «ehrte» die Schmidtleins 2007 und 2008 mit dem «Prix Blamage».

Als Olaf Tank selbst mal einen Anwalt brauchte, liess er sich vom Münchner Bernhard Syndikus vertreten. Auch er ist in Deutschland dafür bekannt, immer wieder mit dubiosen Mandaten für Negativschlagzeilen zu sorgen, etwa mit der von der Polizei 2005 ausgehobenen Raubkopienseite FTP-Welt, über die Software verkauft wurde.

Wie man sich wehrt

Die Schweizerische Kriminalprävention rät, auf keinen Fall die Rechnungen zu zahlen, denn es handelt sich um absichtliche Täuschung oder Irreführung. Das Gleiche rät auch der «Ktipp» sowie andere Verbraucherzeitschriften. Wer ganz sicher gehen will, schreibt Olaf Tank und der Firma einen eingeschriebenen Brief mit folgendem Inhalt: «Ich fechte den Vertrag an und erkläre ihn für nichtig, weil er irreführend ist.» Damit sind alle Bedingungen erfüllt, um vor Gericht zu bestehen.

Bislang ist in der Schweiz kein einziger Fall bekannt, bei dem Olaf Tank seine angeblichen Forderungen auf dem Rechtsweg geltend machen wollte. Der Aufwand für die kleinen Summen lohnt sich für ihn wohl nicht. Lieber verstopft er weiter die Briefkästen mit seinen leeren Drohungen.

© Tages-Anzeiger, 02.02.2009

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