Für Zivilcourage hinter Gitter

Vor 20 Jahren mussten sie ins Gefängnis, weil sie den Militärdienst oder Zivilschutz verweigerten. Werner Bächtold und Köbi Hirzel erinnern sich – und bereuen nichts.

Von Christian Bütikofer

«Der Chor, in dem ich mitsang, kam einmal in den Gefängnishof singen. Ich bin voll gesessen, keine Halbgefangenschaft, sondern 12 Tage Einzelhaft im Winter.

Ein kleines Fenster, ein kahler Raum, durch eine Klappe in der Tür schob man mir das Essen rein. Alle privaten Dinge, auch Bücher, wurden eingezogen. In der Zelle gab es eine Bibel und die Gefängnisordnung. Alle, die drei Viertel Jahre so sitzen, sind danach psychisch verändert und nicht etwa resozialisiert, sagte mir mein Anwalt.»

Werner Bächtold war damals, im Jahr 1988, 35 Jahre alt, Reallehrer, Zivilschutzverweigerer. Er machte Militärdienst, und auch in den Zivilschutz rückte er anfangs ein.
Im Zivilschutz übte er das Überleben der atomaren Katastrophe. Nichteinrücken wurde mit Gefängnis bestraft, denn Zivilschutz, das war Landesverteidigung im Privaten.

Im «Nagelseminar» Bombe überleben

Wenn Russen und Amerikaner beim Streit über die Weltherrschaft mit ihren Bomben die Erde in eine atomare Einöde verwandeln würden, dann überlebten die Schweizer den Weltuntergang, war die Vorstellung.

Geschützt in Betonbunkern und Kajütenbetten, dafür zuständig war der Zivilschutz. Über 270 000 private und öffentliche Schutzräume wurden während des Kalten Krieges gebaut, für 95 Prozent der Bevölkerung. Werner Bächtold und seine Kameraden zersägten im Zivilschutz vor allem Holz- und Dachlatten, hämmerten Betten zusammen, um sie gleich wieder abzubrechen. Sie nannten es «Nagelseminar».

Dann kam der Super-GAU. 1986 explodierte das Atomkernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine, damals Teil der Sowjetunion. Grosse Mengen radioaktiver Materie verteilten sich im Osten. Sogar hier war die Katastrophe spürbar.

«Wir kauften Trockenfisch und tranken Trockenmilch»

Die Leute kauften Trockenmilch, im Luganersee verstrahlten die Fische. In Bern seien sie noch am Studieren, sagte man Werner Bächtold, als er wissen wollte, was man denn nun im Zivilschutz unternehme.

Nun reichte es ihm. Fortan weigerte er sich einzurücken. «Ich war nicht mehr bereit, jeden Schabernack mitzumachen. Ich habe dem Zivilschutz geschrieben, ich komme wieder, wenn sinnvolle, menschenfreundliche Einsätze möglich werden. Erst Jahre später war es so weit: Ich leistete einige Einsätze in der Betreuung von Asylbewerbern.» Werner Bächtold mochte einfach nicht mehr länger den Leuten Sand in die Augen streuen, Alibiübungen zu machen für einen Atomkrieg, vor dem man sich sowieso nur wenige Wochen im Bunker schützen konnte.

«Ohne diese Katastrophe wäre ich zum Verweigern zu bequem gewesen»

«Wenn Tschernobyl nicht gewesen wäre, wäre ich zum Verweigern zu bequem gewesen», sagt Werner Bächtold. Er war mit seiner Meinung nicht allein.

Die Zeitungsarchive der 80er-Jahre sind voll mit Meldungen über Zivilschutzverweigerer. Bächtold lernte in Schaffhausen gleich Gesinnte kennen.

Mit sechs Mitstreitern gründete er die Gruppe «Kopf aus dem Sand», eine Anspielung auf die damals lebhafte politische «Beton-Debatte», die die 80er-Jahren prägte: Über den Sinn der Zivilschutzbunker, Armeeaufrüstung und AKW-Bauten wurde gestritten. Die Gruppe verweigerte fortan den Zivilschutz und nahmen bewusst Gefängnisstrafen in Kauf. «Ich bin mir nicht sicher, ob alle verweigert hätten, wären sie alleine gewesen», sagt Bächtold. Um zu zeigen, dass sie sofort einen in ihren Augen sinnvollen Dienst leisten wollten, arbeiteten die Männer freiwillig auf einem Bauernhof.

In Uniform an Demo gegen Waffen

Zur Gruppe gehörte auch Köbi Hirzel. Er war mit Jahrgang 1949 mit Abstand der Älteste. Er wusste bereits, was Gefangenschaft heisst. Hans-Jakob Hirzel war Oberleutnant der Infanterie und leistete 667 Militärdiensttage. Er stammte aus einer gutbürgerlichen Familie im Zürcher Oberland. Als einer von zwei Nachfolgern eines alteingesessenen Handwerksbetriebes liess er sich als Möbelschreiner ausbilden. Dann kam 1981 die «Seetaler Waffenchilbi», wie er sie heute nennt. «An dieser Waffenschau wurde das Militär derart verherrlicht, es kam mir vor wie die Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau. Ich merkte in mir: Ich muss dagegen protestieren. An einer Demonstration gegen diese Militärschau lief ich dann in Uniform mit. Das passte einigen Leuten überhaupt nicht, und es gab beinahe ein Handgemenge. Ich hatte ziemlich Angst.»

Die Reaktion kam prompt. Köbi Hirzel wurde degradiert, aus der Armee ausgeschlossen und im August 1981 zu 6 Monaten Gefängnis unbedingt verurteilt. Bei seinem Gerichtstermin erschienen über 100 Leute, die ihn unterstützten, sodass die Verhandlung verschoben und in einen grösseren Saal verlegt werden musste. Im Gefängnis bekam er Briefe von Fremden. «Als ich im sankt-gallischen Saxenriet hockte wegen Militärverweigerung, bekam ich plötzlich Post aus England. Wahrscheinlich hatte Amnesty International dort eine Aktion gestartet», vermutet Köbi Hirzel.

Generationenkonflikt und ohne Job

Die Konsequenzen seines Entscheids waren drastisch. Er fand lange keinen Job, mit Glück bekam er eine Stelle beim Blindenfürsorgeverein in Zürich. Sein Verhalten belastete die Beziehung zu den Eltern schwer. «Vor allem mein Vater hat die Militärdienst- und Zivilschutzverweigerung überhaupt nicht begriffen. Erst nach vielen Jahren war es dann o. k., als er sah, dass aus mir doch noch etwas Rechtes geworden ist. Eigentlich waren mein Vater und ich gar nicht so verschieden. Er hatte eine Schreinerei in Wetzikon, beschäftigte zwischen 20 und 30 Leute. Er war ein Patron nach alter Sitte: Er schaute für seine Arbeiter, die Firma sah er als Familie, wo man miteinander etwas erreicht. Das Miteinander-etwas-erreichen-Wollen habe ich von ihm. Ich wollte immer einen Dienst für die Gesellschaft leisten.»

Doch genau dies wurde den Militärdienst- und Zivilschutzverweigerern immer wieder abgesprochen. Auch im Fall der so genannten Schaffhauser Prozesse, als die Gruppe «Kopf aus dem Sand» um Werner Bächtold und Köbi Hirzel 1988 mit fünf weiteren Schaffhausern wegen Nichteinrückens in den Zivilschutz im Grossratssaal der Rathauslaube zu Strafen zwischen 12 und 20 Tagen Gefängnis verurteilt wurde.

Köbi Hirzel empfand den Zivilschutz als «militärische Institution auf ziviler Ebene». Damit drückte er aus, was der heutige Geschichtsprofessor der Universität Zürich, Jakob Tanner, 1988 in seinem Buch «Schutzraum Schweiz» so ausdrückte: Der Zivilschutz sei kein Schutz des Zivilen, sondern dessen Bedrohung, weil er alle Kritiker als Feinde diffamiere, eine gesamte Bevölkerung der «Gesamtverteidigung» unterwerfe und Denkverbote auferlege.

Als Drückeberger gebrandmarkt

Am meisten getroffen hat Köbi Hirzel und Werner Bächtold, dass sie mit ihrer Verweigerung als Parasiten verunglimpft wurden. «Es wurde immer von Dienstverweigerung gesprochen. Das hat mich immer gestört, weil damit gesagt wurde, wir würden einen Dienst an der Gemeinschaft verweigern, seien Drückeberger, wollten nur profitieren, aber nichts leisten für die Gesellschaft. Dabei stimmte das überhaupt nicht», sagt Köbi Hirzel.

Kurz nach den Schaffhauser Prozessen geschah 1989 das Unfassbare: Die Sowjetunion zerbrach, der Mauerfall in Berlin vereinte Deutschland wieder, der Kalte Krieg war vorbei, die Stimmung kippte. Als der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt für den damaligen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel eine Rede hielt, verglich er ihn mit Leuten wie Köbi Hirzel und Werner Bächtold. Havel sass lange Jahre wegen seiner abweichenden politischen Meinung im Gefängnis, und Dürrenmatt meinte: «Ist aber die Überzeugung gar politisch – wie es Ihre war, lieber Havel -, dann fällt in der Schweiz auf den politischen Dienstverweigerer die ganze Strenge des Gerichts, wie es auf Sie in der Tschechoslowakei fiel. So sind unsere Dienstverweigerer die schweizerischen Dissidenten.»

Als eines der letzten Länder wurde es fast zehn Jahre später 1997 auch in der Schweiz möglich, statt Militärdienst und Zivilschutz einen Zivildienst zu leisten, wie ihn Köbi Hirzel, Werner Bächtold und Tausende andere Männer seit Jahrzehnten wünschten. Beide bereuen nichts. «Für mich war der Schritt zum Neinsagen der wichtigste gewesen. Wenn man etwas machen muss, das einem so zusetzt, wird der Energieaufwand fürs Mitmachen immer grösser, sodass ein Entscheid wie der zur Verweigerung befreiend wirkt», meint Werner Bächtold.

Heute arbeitet Köbi Hirzel Teilzeit als Hausmann und Mobilitätslehrer für Sehbehinderte. Werner Bächtold ist Projektleiter der Stadt Winterthur und politisch aktiv: «Auf den gleichen Stühlen, wo ich damals in den Knast geschickt wurde, sitze ich heute im Kantonsrat von Schaffhausen.»

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