Archive for the ‘White-Collar Crime’ Category

Adressbuchbetrüger sind im Aargau per Fax auf Kundenfang

Wednesday, November 9th, 2011

Eine Adressbuchbetrüger-Bande verschickt massenhaft Faxe für ein «Orts-/Stadtplan Baden». Im Kleingedruckten versteckt sich dann die Hauptsache: Ein heftiger Preis für ein Produkt mit praktisch null Gegenwert. von Christian Bütikofer

Momentan erhalten Firmen im Aargau unerwünschten Fax-Spam: Eine anonyme Firma, die sich nur durch die Fax-Nummer 061 544 73 83 zu erkennen gibt, verschickt ihren Opfern einen «Eintragunsantrag» für einen «Orts-/Stadtplan Baden», bzw. ein «Branchenbuch Baden». Damit man die vorgedruckten Adressangaben auch wirklich bestätigt und unterschreibt, wird man in fetten Lettern zur «Redaktionsüberprüfung» aufgefordert.

Formular Baden

Formular Baden (PDF)

Quelle: az

Horrende Preise

Im Kleingedruckten gut versteckt ist dann die Hauptsache untergebracht: Faxt man den Wisch unterschrieben zurück, ist man 1800 Franken los (24 Monate à 75 Franken pro Monat für den «Eintrag»). Zum Vergleich: Ein Basiseintrag im Swisscom-Branchenbuch Directories ist gratis.

Diese Masche ist als Adressbuchbetrug oder Anzeigenbetrug bekannt. Es gibt dazu diverse Bundesgerichtsurteile, die zum Schluss kommen, dass diese Art der «Kundengewinnung» gegen das Gesetz des Unlauteren Wettbewerbs (UWG) verstösst. Einer der prominentesten Gerichtsentscheide trägt die Nummer 6B_272/2008/sst und ist online einsehbar.

Hinter Faxnummer versteckt

Das aktuelle Beispiel ist darum besonders dreist, weil die Angeschriebenen in keiner Weise wissen, wie das «Branchenbuch» heisst oder wo es veröffentlicht wird. Die Gauner verstecken sich anonym hinter einer Fax-Nummer, die sie beim Genfer Ableger der Brüsseler Firma Voxbone SA mieteten.

Würde man die Kosten übersehen und auf das Angebot hereinfallen, kann man sicher sein, dass sich dann einige Wochen später die Bande per Telefon oder Brief meldet und einen wiederholt zum Zahlen anhält – mitunter auch durch Betreibungsandrohungen.

Formular Lenzburg

Formular Lenzburg (PDF)

Quelle: az

Generell sollte man sich nur bei Mitgliedern des Schweizer Adressbuch- und Datenbankverleger-Verband SADV eintragen lassen. Auf der Homepage des SADV widmet sich der Verband der Plage der Adressbuchbetrüger ausgiebig: http://www.sadv.ch/vorsicht-adressbuchschwindel.html

Ein Angebot zur Stellungnahme nahmen die anonymen Adressbuchschwindler nicht wahr, auch diverse Fragen blieben unbeantwortet.

© az Aargauer Zeitung, 09.11.2011

Badener Kampfsport-Promoter muss vor Gericht

Thursday, September 1st, 2011

Dem Veranstalter der «Grand Casino Fight Night» wird Steuerhinterziehung vorgeworfen. Er hat auch bereits seinen Gerichtstermin in Deutschland. Das Casino Baden wusste von den Vorwürfen an die Adresse des Kampfsport-Promotors nichts. von Christian Bütikofer

In Baden sind die Thaiboxer los. Das Grand Casino Baden verspricht «das ultimative Highlight» für Samstag, wenn die «Grand Casino Baden Fight Night» auf dem Programm steht. Brisant: Der Promoter des Anlasses muss sich in Deutschland wegen mutmasslicher Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten.

An der «Grand Casino Baden Fight Night» sollen sich die Besucher an einer Galanacht mit Show und Stars erfreuen, den Thaiboxern bei ihren Kämpfen zuschauen und mitfiebern können. Für die Kämpfer geht es um einiges, wollen sie sich doch für den «internationalen Kingscup» in Bangkok qualifizieren. Für den Event hat sich das Grand Casino Baden mit dem «Kampfsport-Visionär» A. (Name der Redaktion bekannt) zusammengetan.

Über dessen Prestige Agency mit Sitz in Malta wird der Anlass aufgezogen und beworben. Zu kämpfen haben wird A. bald auch in Deutschland – und zwar mit der Justiz. Das zeigen Recherchen der az Aargauer Zeitung. Das Landesgericht Koblenz bestätigt, dass A. und zwei seiner ehemaligen Geschäftspartner Steuerhinterziehung vorgeworfen wird.

Casino: Vorwürfe unbekannt

Beim Grand Casino Baden weiss man nichts von den Beschuldigungen gegen A. «Wir arbeiten zum ersten Mal diesem Partner zusammen», sagt Casino-CEO Detlef Brose. Man habe sich in Basel erkundigt, wo A. bisher drei Box-Meetings reibungslos über die Bühne gebracht habe.

Laut Anklage wird A. und seinen früheren Partnern angelastet, als Verantwortliche des Erotik-Unternehmens Cupido Entertainment in Deutschland Steuern von rund 1,3 Mio. Euro hinterzogen zu haben. Auf einer der Websites, die Cupido betrieb, sollten Privatpersonen selbst gemachte Pornobilder ins Internet stellen. A. war während längerer Zeit Geschäftsführer dieser Firma mit Sitz in Frauenfeld, Thurgau. Die Koblenzer Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Cupido von Deutschland aus geleitet wurde. Zudem seien rund 90 Prozent der Kunden in Deutschland ansässig gewesen. Die daher auch in Deutschland fällige Umsatzsteuer hätten die Angeklagten 2004 bis 2007 nicht erklärt und nicht bezahlt.

Der Anwalt von A. liess auf eine az-Anfrage hin verlauten, sein Mandant sei nicht bereit, «irgendwelche Auskünfte zu geben».

© az Aargauer Zeitung 2011, 01.09.2011

«Wie im Wilden Westen»: Fiat-Bank lässt Privat-Schnüffler von der Leine

Saturday, June 25th, 2011

Die Leasing-Pleite von SAR Premium Cars eskaliert. Deren Finanzierungspartner Fidis Finance hetzte Kunden Privatdetektive auf den Hals. Mit seltsamen Methoden fahndeten die Schlapphüte nach Luxusautos, die Fidis abhanden kamen. von Pascal Meier und Christian Bütikofer

Kurz vor Pfingsten bekommt Franziska Müller* Besuch der anderen Art. Als sie zufällig aus dem Fenster aufs Gelände ihres Grundstücks schaut, sieht sie einen wildfremden Mann über ihr Auto gebeugt. Der fotografiert selenruhig die Fahrgestellnummer, die unter der Windschutzscheibe steckt. Als sie ihm aus dem Fenster zuruft, was er da tue, will er sich aus dem Staub machen.

Doch er hat die Rechnung ohne einen geistesgegenwärtigen Handwerker gemacht. Dieser eilt Franziska Müller zu Hilfe und stoppt den Unbekannten noch auf dem Anwesen am Eingangstor.

Es kommt zu einem kurzen Handgemenge, dem Unbekannten fällt eine Pistole aus der Tasche. Doch er kann entkommen, hechtet in einen bereitstehenden Jeep mit getönten Scheiben und braust davon. Wie er sich Zutritt aufs Anwesen verschaffen konnte, ist Franziska Müller nicht klar.

Der Unbekannte hat einen Namen: Maurizio C., Boss der EVO Security Group. Deren Kundenversprechen: «Operative Sicherheitsdienstleistungen» und «absolute Diskretion». Jetzt hat er eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs am Hals.

Chaotische Zustände

Recherchen dieser Zeitung zeigen: EVO handelte im Auftrag der Fidis Finance, der Finanzierungsbank der Fiat-Gruppe. Es scheint, als herrsche in deren Büros am Firmensitz in Schlieren seit Wochen das pure Chaos.

Dutzende Mitarbeiter suchen in der ganzen Schweiz nach Leasing-Fahrzeugen, die Fidis Finance in Zusammenarbeit mit der Aargauer Garage SAR Premium Cars vorfinanziert hatte. Dabei geht es um Millionenbeträge. Denn die Garage in Dintikon war eine der besten Adressen für Oberklasse- und Luxus-Autos. Deren Besitzer Riccardo Santoro konnte jahrelang Ferraris, Maseratis und Benleys zu konkurrenzlos günstigen Konditionen anbieten.

Während immer mehr Personen aus Wirtschaft, Politik und Sport bei Santoros Garage ein- und ausgingen, zerbrach sich die Konkurrenz den Kopf, wie dieses Leasingsystem rentieren kann.

Gerechnet hat es sich offenbar nicht, denn Santoro tauchte Ende Mai plötzlich unter und seine SAR ist offenbar pleite. Nun liegen bei Fidis Finance die Nerven blank. Anders ist es nicht zu erklären, dass weitere Schlapphüte auch einem SAR-Kunden in der Ostschweiz nachstellten.

Dessen Kind entdeckte eines Abends einen Mann, der ums Haus schlich. Der alarmierten Polizei gab er sich als Privatdetektiv zu erkennen. Er sollte für die Fidis prüfen, ob die Zielperson ein bestimmtes Fahrzeug besitze.

Pikant: Unter den Privatdetektiven befindet sich Personal, das bereits selbst mit Konkursen und Betreibungen einschlägige Erfahrungen sammeln konnte.

«Es wird alles mitgenommen!»

Offensichtlich hat Fidis in vielen Fällen keine Ahnung, wo ihre Fahrzeuge sind und welche Verträge mit wem bestehen. Dies zeigte der 25. Mai exemplarisch, als Fidis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 17 Sattelschlepper zu Santoro nach Dintikon schickte und Fahrzeuge bei der SAR im Dutzend abholte.

Männer in Anzügen stiegen aus Limousinen und rannten mit Listen zwischen den Fahrzeugen hin und her. Es herrschte eine aufgeladene Stimmung: «Es wird alles mitgenommen!», brüllte einer über den Platz. Darauf wurden immer mehr Fahrzeuge auf die Sattelschlepper gehoben – darunter auch Autos, bei denen fraglich ist, ob sie Fidis gehörten. «Ein Mann hat herumgeschrien und andere versuchten ihre Fahrzeuge zu blockieren», erinnert sich ein Beteiligter.

Aufgeladen wurde auch der Oldtimer von Peter Christen*. Der Unternehmer hatte ihn von Riccardo Santoro gekauft und über 200’000 Franken bezahlt. Jetzt ist das Fahrzeug weg. «Mir wurde nur gesagt, dass die Fidis kein kleiner Fisch sei und deshalb alles mitgenommen werde», sagte Christen. Vertröstet wurde er mit den Worten, dass später alles zurückgegeben werde, was nicht der Fidis gehöre. «Das war wie im Wilden Westen», meinte Christen.

Das grosse Schweigen

Gegenüber Santoros Kunden markieren Fidis-Verantwortliche den starken Mann. Auf sämtliche Anfragen dieser Zeitung aber zogen es Fidis und ihr langjähriger Manager Kurt Meier vor, nicht zu antworten.

Auch die Fiat-Pressestelle in Turin bleibt stumm wie ein Fisch. Nicht einmal «Kein Kommentar» brachten die Italiener über die Lippen.

Da ist der diskrete Privatermittler Maurizio C. schon deutlich kommunikativer: Nach gefühlten zehn Sekunden Gesprächszeit hängt er einfach das Telefon auf.

*Namen der Redaktion bekannt

© az Aargauer Zeitung, 25.06.2011

100 Millionen ergaunert und in Genf versteckt, jetzt von Interpol gesucht

Thursday, June 2nd, 2011

Bei der Bank Merrill Lynch in Genf versteckte ein US-Grossbetrüger 15 Millionen Dollar. Die Gelder sind zurück, er aber wird international gesucht. Mit gefälschten Antivirus-Programmen haute seine Bande eine Million Computer-Benutzer übers Ohr. von Christian Bütikofer

Die Medienmitteilung des Bundesamtes für Justiz (BJ) vom 1. Juni tönt unspektakulär: «Gestützt auf ein US-Rechtshilfeersuchen […] wurde die Herausgabe von rund 15 Mio. US-Dollar angeordnet. Die Vermögenswerte […] werden den Geschädigten einer gross angelegten Betrügerei mit gefälschter Software zurückerstattet.»

Was amtlich nüchtern daherkommt, ist Teil einer internationalen Betrugsgeschichte, die 2002 ihren Lauf nahm und in der neben Softwarepiraterie auch die millionenfache Täuschung von Internet-Benutzern durch falsche Antivirus- und Sicherheitssoftware von zentraler Bedeutung war. Dies zeigen über tausend Seiten Untersuchungsakten, die az vorliegen.

Hauptfiguren sind der Amerikaner Shaileshkumar Jain (41), genannt Sam Jain, der Schwede Björn Daniel Sundin (32) und der kanadische Jurist Marc Gerard D’Souza. Die ersten zwei stehen auf der Fahndungsliste von Interpol.

Gefälschte Software «Made in China»

Jain sorgte bereits in der ersten Internet-Blase in den 90ern für Furore. Danach wollte er selbständig durchstarten und liess dazu die Firma Inventive Marketing, Inc. im mittelamerikanischen Staat Belize gründen. Mit aggressivem Marketing im Web lockte er Kunden auf Webseiten, die gefälschte Antiviren-Software von Symantec anbot, die er in China besorgte. Nicht lange und der Software-Gigant reichte gegen Jain Klage ein.

Bereits 1991 wegen Betrugs verurteilt

Probleme mit der Justiz waren sich Jain und Sundin gewöhnt. Bereits 1991 wurde Jain in Kalifornien wegen Betrugs rechtskräftig verurteilt. Sundin musste sich 2000 in Arzizona wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor dem Richter verantworten.

Während Jain die Symantec-Klage am Hals hatte, seilte er sich in die brasilianische Stadt Rio de Janeiro ab. Von dort koordinierte er mit seinen Kumpanen den nächsten Coup: Anstatt gefälschte Antiviren-Software zu verkaufen, programmierten sie die Programme gleich selber.

Gefälschte Windows-Meldungen

Ihre Produkte, die sie mit Namen wie «Winfixer» tauften, hatten im Unterschied zur Konkurrenz aber einen kleinen Unterschied: Sie erkannten auf den Computer der Getäuschten keine Viren, es handelte sich allesamt um Falschmeldungen.

Richtig ausgeklügelt war die Methode, wie die Internet-Nutzer überhaupt aufs nutzlose Produkt aufmerksam gemacht wurden: Mit Gefahren-Meldungen die als so genannte Pop-Ups (sich beim Surfen auf eine Website selbstständig öffnende Browserfenster) wurde den Benutzern vorgetäuscht, ihre Computer seien mit Viren infiziert. Um das Problem zu beheben, müssten sie nur eine spezielle Software wie «Winfixer» kaufen und installieren.

Angst einjagen und abkassieren: Mit vorgeblicher Sicherheits-Software wird weltweit viel Geld ergaunert

Angst einjagen und abkassieren: Mit vorgeblicher Sicherheits… (PDF)

Spam und Computer-Einbrüche

Neben dieser Methode wandten die Betrüger auch Massen-E-Mail-Versand (Spam) an. Daneben platzierten sie durch illegale Hackermethoden so genannte Ad-Ware auf den Rechnern von Privatpersonen. Das hatte zur Folge, dass auf den so infizierten Rechnern plötzlich ein Werbefenster mit den bekannten falschen Viren-Alarmen auftauchte.

Solche Methoden werden von Computer-Sicherheits-Experten als «Scareware» (Angstmacher-Ware) genannt. Praktisch jeder seriöse Antiviren-Hersteller listet solch falsche Anti-Virus-Tools als Schädlinge in seiner Datenbank und entfernt sie bei einem Viren-Check.

Kreditkartendaten offen im Web

Der deutsche Antiviren-Experten Dirk Kollberg von McAfee konnte die Aktivitäten der Bande dank einer Sicherheitslücke während längerer Zeit detailliert mitprotokollieren und wurde von den Behörden später dazu in Frankfurt am Main vernommen.

Mit der Sicherheit hatte die Bande auch sonst so ihre Probleme: Während geraumer Zeit lagen tausende Kreditkartendaten ihrer Opfer offen im Internet.

Eine grosse Herausforderung für die Betrügerbande war, wie sie das Problem der Zahlung lösten. Die Software wurde von den Opfern immer per Kreditkarte bezahlt. Als die merkten, was für einen Schrott sie da gekauft hatten, wollte viele ihre Kreditkartenbuchung rückgängig machen.

Obwohl dies noch lange nicht alle taten, generierten sie damit jeweils tausende von Stornierungen, was den Betrügern bei den Zahlungsabwicklern jeweils grossen Ärger brachte. Als sie in den USA nicht mehr salonfähig waren, behalfen sie sich mit Dienstleistern in Bahrain, Dubai, Singapur und versuchten es auch in Holland.

Die FTC nimmt sich dem Fall an

Die Masche mit den gefälschten Anti-Viren-Programmen führte dazu, dass tausende Reklamationen bei der amerikanischen Federal Trade Commission (FTC) eingingen. Nicht lange, und die Beamten nahmen sich den Brüdern an. Während ihrer Ermittlung sammelten die Beamten mehr als 21’000 Seiten Beweismaterial und kommen zum Schluss, dass die Bande mit ihren Aktivitäten mindestens 100 Millionen Dollar generierte.

Die FTC-Beamten stiessen während ihren Ermittlungen auf ein unglaubliches Firmen- und Bankkonten-Netz, verteilt auf die ganze Welt (siehe Box).

Um ihre richtige Identität vor Geschäftspartnern zu verbergen, nutzten die Täter mehrere Pseudonyme und agierten durch verschiedene Firmen, die zum Teil nicht existieren.

Merrill Lynch-Banker halfen wissentlich beim Betrug

Fälschungen standen auch am Anfang der Schweizer-Spur. Um die Gelder der amerikanischen Opfer (60 Prozent der Kunden stammten aus USA/Kanada, 40 aus dem Rest der Welt) in sichere Geldhafen zu transferieren, wurde das Geld über mehrere Transfers zu Merrill Lynch nach Uruguay verschoben. Dort gründete Sam Jain dank der geklauten Unterschrift und weiteren persönlichen Daten eines seiner früheren Angestellten die Société Financiera Volturno SA sowie die Rivonal Corporation SA.

Dabei arbeiteten ihm mehrere Merrill Lynch-Banker zu, die über die gefälschten Daten bestens Bescheid wussten. Während der FTC-Ermittlungen wurden sie vom Institut gefeuert. In Uruguay nahm Jain die Hilfe von Anwalt Federico Ponce de León sowie dessen Vater Walter Ponce de León in Anspruch und ein Konto bei Merrill Lynch in Genf wurde eröffnet. Mit der Zeit sammelten sich dort zwischen 15 und 18 Millionen Dollar an.

Die guten Dienste der Schweizer Anwälte

2008 blockierte die Schweiz wegen Verdachts auf Geldwäscherei das Konto und entsprach einem Rechtshilfegesuch der USA. Doch das wollte Jain nicht einfach so auf sich sitzen lassen. Die Genfer Rechtsanwälte Saverio Lembo und Anne Valérie Julen Berthod von Bär & Karrer versuchten die Rücküberweisung der Millionen in die Vereinigten Staaten während Jahren zu verhindern. In dieser Zeit befand sich Sam Jain schon lange auf der Flucht: Als er 2009 vor einem US-Gericht hätte erscheinen sollen, liess er sich nie mehr blicken.

Die Behörden vermuten ihn in der Ukraine. Sein Kumpel Sundin hält sich gemäss den Behörden in Schweden auf. Marc Gerard D’Souza hat sich mit der FTC verglichen: Er zahlte über 8 Millionen Dollar Wiedergutmachung.

Entscheid Bundesstrafgericht: RR.2009.159

Das Firmen- und Konten-Geflecht

Firmen gründeten die Täter unter anderem in Anguilla, Panama, Belize, USA, Uruguay, Niederlande, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, Philippinen, Kanada, Britische Jungferninseln, Ukraine, Argentinien, Indien, Grossbritannien, Brasilien.

Konten unterhielten die Gauner etwa bei Merrill Lynch, HSBC Bahrain, ABN Amro, Standard Chartered Bank, Bank of Bahrain and Kuwait BSC, Bahrami Saudi Bank BSC, Emirates Bank, United Overseas Bank Singapore, Citibank, DBS Bank Ltd., HSBC Jersey, UBS Schweiz (Zürich Höngg, Bankkonti 836.360.60W, 836.360.L1 G bei Berater Thomas M.), Chinatrust (Philis) Commercial Banking Corp., Rizal Commercial Banking Corp., ING Bank, Royal Bank of Canada, Bank of Nova Scotia, Bank of Montreal, TD Canada Trust, HSBC Kanada, Fleet Bank.

© az Aargauer Zeitung 2011; 02.06.2011

Wegen Todesdrohung: USA warnte vor Besitzer einer Schweizer Bank

Thursday, May 19th, 2011

Die US-Botschaft in der Türkei warnte vor Milliardär Mehmet Karamehmet. Ein Business-Partner seiner Firmengruppe Cukurova sei von diesem Umfeld mit dem Tod bedroht worden. Karamehmet gehört eine Schweizer Bank mit illustrer Vergangenheit. von Christian Bütikofer

US-Botschafter Eric S. Edelman nahm 2005 kein Blatt vor den Mund. Als ihm der Öl-Unternehmer Howard Lowe eröffnete, er sei mit dem türkischen Milliardär Mehmet Emin Karamehmet im Geschäft, warnte ihn Edelman eindringlich vor diesem Abenteuer: «Karamehmet ist der Botschaft als unzuverlässiger und zwielichtiger Geschäftspartner bekannt.»

Der Botschafter wusste von einer US-Firma zu berichten, die Opfer «unethischen und einschüchternden» Geschäftsgebarens wurde, als sie mit Karamehmet und seiner Firmengruppe geschäftete. Um eine geschäftliche Auseinandersetzung zu Gunsten Karamehmets zu erzwingen, seien die Amerikaner aus dessen Umfeld mit dem Tod bedroht worden, warnte Botschafter Edelman seinen Landsmann aus der Ölbranche. Darum empfahl die US-Botschaft in Ankara US-Firmen generell, sich auf Deals mit Karamehmet nicht einzulassen. Dies zeigt ein neues Wikileaks-Dokument von dieser Woche.

Milliardär Mehmet Karamehmet ist eine der reichsten Personen der Türkei. Seine Cukurova-Gruppe betätigt sich in den unterschiedlichsten Branchen: Er mischt etwa in der Telekommunikation mit, baut Immobilien, beherrscht Zeitungen, verschiebt Waren zu Land und Wasser rund um den Globus.

Der Stützpunkt am Genfersee

In Genf besitzt Karamehmet seit den 90er-Jahren die «Banque de Commerce et de Placements» (BCP). Die BCP ging aus der pakistanischen Skandalbank «Bank of Credit and Commerce International» (BCCI) hervor. Die BCCI ging 1991 bankrott, hinterliess weltweit einen Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe.

Unter anderem stellte sich heraus, dass etliche BCCI-Verantwortliche auf höchster Ebene im grossen Stil Geldwäscherei betrieben und als Hausbanker für Drogengelder kolumbianischer Mafiakartelle fungierten.

Untersuchungen zeigten, dass die damalige Genfer BCP ein wichtiger Knotenpunkt im BCCI-System war und dort immer wieder Gelder auf unerklärliche Weise in einem «Schwarzen Loch» verschwanden.

Später erhielt die BCP von der Eidgenössischen Bankenkommission (die heutige Finma) jedoch einen Persilschein, der bei Szene-Beobachtern für einigen Gesprächsstoff sorgte.

Die Schweizer hatten Glück: Als eine der ganz wenigen BCCI-Töchter konnte die Filiale verkauft werden: Karamehmet griff mit seiner Cukurova-Gruppe gerne zu.

Stark in Zentralasien engagiert

BCP mit Filialen in Luxemburg und Dubai ist unter anderem in Ländern wie Aserbaidschan und Weissrussland stark engagiert. Daneben bieten die Genfer auch Private Banking an.

In der Türkei beherrschte Karamehmet mehrere Banken, die Konkurs gingen. Seine Cukurova-Gruppe legte in der Vergangenheit wiederholt seltsame Finanzpraktiken an den Tag. Aufgrund der vergangenen Bankenpleiten wurde ihm in der Türkei verboten, weitere Banken zu betreiben. In diesem Zusammenhang verurteilte ihn ein Gericht in Istanbul 2010 zu 11 Jahren und 8 Monaten Gefängnis – das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Klage wegen Madoff-Geldern

Die BCP hat momentan weiteren Ärger am Hals. Ende 2010 deponierte in New York Liquidator Kenneth Krys eine Klage – sie liegt az vor. Er will für Geschädigte der Madoff-Pleite rund eine halbe Million Dollar zurückhaben – offenbar landeten fiktive Gewinne auf deren Konten. Die Klage richtet sich gegen die Bank und ihren früheren Direktor Franz Maissen.

Sowohl die Bank BCP wie auch die Curokova Holding reagierten auf entsprechende Nachfrage von az bis Publikationsdatum nicht.

Wikileaks-Depesche: 05ANKARA247

Ermittlungen: Swatch-Tochter bekommt Besuch aus Neu Delhi

Wednesday, May 4th, 2011

Ein Vertreter der indischen Bundespolizei wird in den nächsten Tagen die Schweiz bereisen. Ziel: Die Swatch-Tochter Swiss Timing. Der Beamte ermittelt wegen vermuteten Schmiergeldzahlungen an den Commonwealth Games 2010. von Christian Bütikofer

Vor wenigen Tagen wurde der Chef der Sportspiele Commonwealth Games (CWG) Suresh Kalmadi von der indischen Polizei «Central Bureau of Investigation» (CBI) verhaftet.

Seit Monaten steht Kalmadi im Zentrum umfangreicher Korruptions-Ermittlungen. Im Zentrum steht die Vergabe des Zeitmessungssystems für die Commonwealth Games 2010, die in Neu Delhi ausgetragen wurden. Den Zuschlag für die Olympiade der ehemaligen britischen Kolonien erhielt die Swatch-Tochter «Swiss Timing». Der Auftrag ging für umgerechnet 27 Millionen Franken über die Bühne. Dabei soll die Swatch-Tochter für Sportmessungen illegal bevorzugt geworden sein. Darüber hinaus sei das Geschäft für einen überrissenen Preis über die Bühne gegangen.

Nun erhalten die Swiss Timing-Verantwortlichen Besuch aus Indien, schreibt «The Age». Das CBI schickt ihren Top-Beamten Rakesh Aggarwal in die Schweiz. Er soll hier Informationen über Swiss Timing sammeln, mit den Verantwortlichen der Swatch-Tochter sprechen und ihre Aussagen aufnehmen.

An die Aussagen wollen die Inder via Rechtshilfegesuch kommen. Aggarwal soll den den Schweizer Beamten assistieren, schreibt die Hindustan Times.

CBI verhörte kürzlich Repräsentanten zweier indischer Sub-Unternehmen der Schweizer. Die CBI-Beamten vermuten, dass die zwei Firmen mit über 5 Millionen Dollar eine viel zu hohe Summe für die von ihnen durchgeführte Arbeit kassierten. Das CBI will unter anderem wissen, wer die Endempfänger dieser Millionen waren.

Die Swatch-Gruppe bestreitet jegliches Fehlverhalten.

© az Aargauer Zeitung 2011; 04.05.2011

Aargauer Finanzexperten führen Versicherung vor

Wednesday, May 4th, 2011

Zwei Vermögensverwalter haben gegen den Geschäftsführer der Investmentfirma Progress Now Strafanzeige eingereicht. Nun kam es zur Razzia. Peinlich: Hauptaktionär der Investmentfirma ist die Bâloise, sie schaute Millionenverlusten tatenlos zu. von Christian Bütikofer

Bei der thurgauer Beteiligungsfirma Progress Now (ProgressNow! invest AG) gabs am Montag Besuch von der Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität. Die Hausdurchsuchung fand statt, weil gegen Progress Now-Verwaltungsrat Rolf Kälin Strafanzeige wegen ungetreuer Geschäftsführung und Urkundenfälschung eingereicht wurde.

Illustrer Verwaltungsrat

Bei Progress Now sitzt auch Robert Straub als Präsident im Verwaltungsrat. Früher war er Chef der kantonalen Zürcher Finanzverwaltung und für die Beamtenversicherungskasse BVK zuständig. Die Zürcher Pensionskasse hat mit dem Engagement bei Progress Now selbst über 2 Millionen Franken in den Sand gesetzt. Kälin und Straub sind ganz alte Geschäftsfreunde. Sie waren bereits bei der 2004 Konkurs gegangenen Pro KMU Invest mit dabei – auch dort verlor die BVK 15 Millionen Franken.

Die aktuelle Anzeige stammt von den aargauer Vermögensverwaltern Rüetschi Zehnder AG – die Gesellschaft ist Aktionärin der Progress Now. Christoph Zehnder und Lukas Rüetschi werfen den Progress Now-Verantwortlichen vor, ihre wichtigste Beteiligung an der amerikanischen Medizinaltechnikfirma Velico Medical in der Bilanz jahrelang mit über 40 Millionen Franken ausgewiesen zu haben, obwohl Velico Medical faktisch wertlos war.

Velico ist ein Start-Up-Unternehmen im Blutplasma-Bereich, das seit Jahren kein marktfähiges Produkt hervorbrachte. Die finanzielle Lage der Firma ist derart prekär, dass letztes Jahr hypothetische Lizenzeinnahmen eines zukünftigen Produkts an eine weitere Beteiligungsfirma verkauft wurden, um weiteres Kapital zu erhalten.

Die Velico-Bewertung habe es Progress Now-Boss Kälin erlaubt, sich Gelder für kaum erkennbare Beratungstätigkeiten in Millionenhöhe zuzuschanzen und dies trotz mieser Performance der Progress Now-Beteiligungen.

Wie ist das möglich?

«Erfolg ist nicht gratis»

Den Börsengang in den Jahren 2000/2002 (Bern und Zürich) der Progress Now führte die Zürcher Kantonalbank (ZKB) durch. In deren «Anlagestudie» steht: «Erfolg ist nicht gratis». Weil man eine durchschnittliche jährliche Rendite von 15% anstrebe, «wird vom Vermögen (der Progress Now, bzw. dem Wert ihrer Beteiligungen) ein jährliches erfolgsunabhängigesBeratungshonorar von 2% des Net-Asset-Value erhoben.» Diese Klausel ist denn auch einer der zentralen Punkte, die den aargauer Vermögensverwaltern besonders sauer aufstossen.

Kurzbeschrieb der Progress Now

Kurzbeschrieb der Progress Now (PDF)

 

Die börsenkotierte Progress Now sammelte einst 70 Millionen Franken ein. Heute ist sie nur noch einige Millionen wert.

Schon früher fragwürdiges Investment

Die Firma fiel 2004 erstmals unangenehm auf, als sie sich mit ihrem Investment bei Pendragon Medical gehörig verschätzte. Die Thurgauer besassen 45 Prozent jener Medizintechnik-Firma, die kurz vor dem Börsengang stand.

Doch deren einziges Diabetiker-Produkt genügte den medizinischen Ansprüchen nicht, wurde im letzten Augenblick zurückgerufen. Aufgrund positiver Berichte in der Presse schoss der Börsenkurs der Progress Now raketenartig in die Höhe.

Peinlich ist die Strafanzeige auch für den Versicherungskonzern Bâloise, denn er ist Hauptaktionär der thurgauer Investment-Firma. Seit geraumer Zeit warfen die aargauer Finanzexperten der Versicherungsgesellschaft vor, das Management von Progress Now ohne Not zu unterstützen und trotz katastrophalem Leistungsausweis fraglos alles durchzuwinken.

Bâloise dementiert diese Vorwürfe. Man habe die Investitionen in Progress Now regelmässig überprüft, liess ein Pressesprecher wissen. In der Vergangenheit wehrte sich Bâloise, den Verwaltungsrat auszutauschen.

Grund könnte sein, dass die Versicherung in einer weiteren Kälin-Firma involviert war (ProgressNow! advisers AG), die der Prorgress Now beratend zur Seite stand (siehe Dokument).

Anzeige lag in Frauenfeld fast zwei Jahre lang herum

Rechtsanwalt Bruno Bernasconi hat für Rüetschi und Zehnder die Strafanzeige bereits im August 2009 im Kanton Thurgau eingereicht. Man habe sich wiederholt bei den dortigen Behörden gemeldet, doch passiert sei bis Anfang dieser Woche nichts. Jetzt hofft er auf eine rasche Untersuchung.

Progress Now weist die Anschuldigungen aus dem Aargau vollumfänglich zurück. Man gehe davon aus, dass keine Handlungen oder Unterlassungen vorliegen würden, die den Straftatbestand der ungetreuen Geschäftsführung erfüllten.

© az Aargauer Zeitung 2011; 04.05.2011

Swatch-Affäre: Sportchef der Commonwealth Games verhaftet

Tuesday, April 26th, 2011

Der Chef der Sportspiele Commonwealth Games wurde von der indischen Polizei verhaftet. Seit Monaten steht er im Zentrum von Korruptions-Ermittlungen. Er und seine Kumpane sollen eine Swatch-Tochter für Sportmessungen illegal bevorzugt haben. von Christian Bütikofer

Der Chef der Sportspiele Commonwealth Games (CWG) Suresh Kalmadi wurde von der indischen Polizei «Central Bureau of Investigation» (CBI) verhaftet. Dies berichtet die Behörde in einer Pressemitteilung. Seit Monaten steht Kalmadi im Zentrum umfangreicher Korruptions-Ermittlungen. Nach seiner Verhaftung wurde der Abgeordnete auch aus dem indischen Kongress ausgeschlossen.

Im Zentrum der Affäre steht die Vergabe des Zeitmessungssystems für die Commonwealth Games 2010, die in Neu Delhi ausgetragen wurden.

Swatch dementiert

Den Zuschlag für die Olympiade der ehemaligen britischen Kolonien erhielt die Swatch-Tochter «Swiss Timing», der Auftrag ging für umgerechnet 27 Millionen Franken über die Bühne, wie CBI in der Pressemitteilung schreibt.

Kalmadi und seine Kumpane sollen die Swatch-Tochter für Sportmessungen illegal bevorzugt haben – der Deal soll für einen völlig überrissenen Preis über die Bühne gegangen sein.

Swatch Group-Mediensprecherin Béatrice Howald bestreitet gegenüber az jegliches Fehlverhalten: «Weder Swatch Group noch Swiss Timing haben bei dem Ausschreibungsverfahren für die Commonwealth Games irgendwelche Unregelmässigkeiten begangen oder geduldet.»

© az Aargauer Zeitung; 26.04.2011

Überhaupt nicht lustig: Millionenklage gegen Ex-«Schillerstrasse»-Produzenten

Tuesday, April 12th, 2011

Chaos im TV-Himmel: Der Ex-Chef der Produzenten von Serien wie der «Schillerstrasse» hat Anzeigen in Millionenhöhe am Hals. Gegen einen Schweizer Ex-Aufsichtsrat wird wegen Geldwäscherei ermittelt. Im Vorstand tobte ein Machtkampf. von Christian Bütikofer

Bei der Mistral Media AG hängt der Haussegen schief. Der deutschen Holding gehören TV-Produktionsfirmen wie die Hurricane Fernsehproduktion, die beim Privatsender ProSiebenSat.1 für so bekannte Comedy-Formate wie «Schillerstrasse» oder «Genial daneben» garantiert.

Nichts zu lachen hat momentan deren Ex-Geschäftsführer Marc Schubert – ausgerechnet seine frühere Firma hat ihn Mitte Februar angezeigt. Es geht um den Verdacht der Untreue über 1,5 Millionen Euro, Luxusausgaben, dubiose Geschenke.

Schuberts Nachfolger Stephan Brühl äusserte im «Spiegel» happige Vorwürfe: «Meiner Meinung nach hat Schubert das Unternehmen als sein eigenes betrachtet und ausgenutzt.» Der ist sich keiner Schuld bewusst und meinte gegenüber dem Nachrichtenmagazin, es habe alles stets «mit Wissen und dem schriftlichen Einverständnis des Aufsichtsrates und der amtierenden Manager stattgefunden».

Verschiedene Schweizer Investoren

Dass bei Unternehmen der Mistral-Gruppe die Auftragslage nicht gerade rosig war, wussten Eingeweihte seit längerem – nicht nur die Jahresberichte zeugten davon. Von einst 8 Euro pro Aktie fiel deren Wert zwischenzeitlich auf 40 Cent.

Auch die Verdachtsmomente gegen einige Führungspersonen dürften schon länger bestanden haben. An der letzten Hauptversammlung im August probte dann die Mehrheit der Aktionäre den Aufstand.

Mit dabei auch die Schweizer Sonova SA und die SIX SIS AG, eine Tochter der SIX Group. Die SIX SIS vertrat mit 1,1 Millionen Aktien einen guten Sechstel der anwesenden Stimmen. SIX-Mediensprecher Stephan Meier sagte gegenüber az, man sei im Auftrag eines Kunden aktiv geworden. Immerhin 42‘000 dieser Aktien gab SIX SIS aber gemäss Versammlungsprotokoll als «Eigenbesitz» an.

Aufsichtsrat lange Zeit in Haft

In einem Coup wurden etliche Aufsichtsräte abgewählt – unter anderem auch der Aufsichtsratsvorstand; er war ein langjähriges Mitglied des Aufsichtsrats und Intimus des israelischen Geschäftsmannes Jacob Agam, einem Grossaktionär der Mistral Media. Der ehemals oberste Überwacher über die Geschäftstätigkeit der Mistral-Gruppe ist ein Schweizer Treuhänder. Gegen ihn ermittelt die Bundesanwaltschaft seit längerer Zeit in einem anderen Fall wegen des Verdachts auf Geldwäscherei und anderer Delikte. Deshalb verbrachte er auch längere Zeit in Untersuchungshaft – die Probleme der Mistral Media dürften deshalb nicht gerade zu seinen grössten Sorgen gehört haben.

Ihre Abwahl im August 2010 nahmen die unterlegenen Aufsichtsräte aber nicht einfach so hin. Erst Ende März 2011 wurde eine entsprechende Anfechtungsklage zurückgezogen.

Weitere Klagen werden folgen

Gleichzeitig verkündete die Mistral-Gruppe einschneidende Massnahmen: Das Medienportal DWDL.de wird verkauft, «Personalanpassungen» folgen. Und auch neue Klagen werden folgen. So verlautete Mistral Media, man bereite eine Haftungsklage und Zivilklagen vor, mit der das Unternehmen die Rückzahlung von 31 Millionen Euro durch den Ex-Geschäftsführer Marc Schubert und weitere Personen verlangt.

Rüffel der Finanzaufsicht BaFin

Doch damit nicht genug. Wenig später nach dem Coup während der Hauptversammlung Mitte August 2010 publizierte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), dass Mistral Media einen fehlerhaften Konzernabschluss fürs Geschäftsjahr 2008 ablieferte. So bemängelte die BaFin etwa, man habe nicht ausreichend über Risiken informiert und über den massiven Umsatzrückgang (-37%) hätten sich Aussenstehende nicht richtig informieren können.

© az Aargauer Zeitung 2011; 12.04.2011

Strafanzeige gegen Ex-Rektor der Wettinger Pseudo-Universität

Wednesday, April 6th, 2011

Der Kanton Aargau hat gegen die Hauptperson der privaten «City University of Seattle» Strafanzeige eingereicht. Die Privatschule ging im Januar Konkurs, 130 Studenten landeten auf der Strasse. von Christian Bütikofer

Das letzte Kapitel im Trauerspiel um die «CityU» Schweiz ist noch lange nicht abgeschlossen. Im Januar machte der Schweizer Ableger der «City University of Seattle» Konkurs. Deren über 130 asiatische und afrikanische Studenten standen vor dem Nichts, obwohl sie zusammen Millionen Franken bezahlt hatten. Recherchen von az zeigten, dass deren Rektor eine illustre Vergangenheit hatte.

Nun hat das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige eingereicht. Der Kanton vermutet betrügerisches Handeln seitens des Hauptverantwortlichen. Das Departement verfügt über verschiedene Hinweise, die den Verdacht nähren, dass bei diesem Konkursfall betrügerische Absichten vorliegen könnten.

«Der gute Ruf des Bildungsplatzes Schweiz darf in keiner Weise durch unlauteres Gebahren in der privaten Aus- und Weiterbildung gefährdet werden», schreibt der Leiter Stab Hochschulen Alexander Hofmann in einer heute veröffentlichten Pressemitteilung. Die Studenten hätten in Wettingen kein schweizerisches Diplom sondern den Abschluss einer amerikanischen Institution erlangt.

Angst vor Visa-Entzügen

Obwohl der Kanton weder ein Kontroll- noch ein Weisungsrecht gegenüber privaten Schulen hat, steht er den Studierenden beratend zur Seite. Eine der Ängste der Studenten ist die Visafrage. Denn wer mit einem Studentenvisum in die Schweiz kam und wegen der CityU-Konkurs plötzlich nicht mehr als Student gilt, läuft Gefahr, mit dem Migrationsamt Probleme zu bekommen.

Dazu Hofmann: «Wer eine Nachfolgeregelung sucht, bekommt auch Zeit dafür. Das Amt für Migration schaut, dass niemand deswegen ausgewiesen wird – natürlich immer im Rahmen der gesetzlichen Rahmenbedingungen.»

Reklamationen wegen Buchhaltung

Laut Informationen von az wurde die Buchhaltung der CityU vom Wettinger Treuhandbüro Küng & Partner geführt. Informationspersonen bemängelten gegenüber der az, dass die Buchhaltung «nicht aktuell war mit den Zahlen». Offenbar wurden auch die Löhne über längere Zeit nur mit massiver Verzögerung ausbezahlt. Auf entsprechende Anfrage der Redaktion äusserten sich die Buchhalter nicht.

© az Aargauer Zeitung, 06.04.2011