Archive for the ‘Urheberrecht’ Category

IFPI Schweiz mit neuem Geschäftsführer

Monday, October 10th, 2011

Heute vermeldete der Schweizer Ableger von IFPI, einen neuen Geschäftsführer gefunden zu haben. Er heisst Lorenz Haas und ist Rechtsanwalt. Ihm fällt es nun also zu, den krisengeschüttelten Verein wieder auf Vordermann zu bringen.

Und das schreibt die IFPI, bzw. deren für Presseangelegenheiten verantwortliche PR-Firma Richterich & Partner, im Pressecommuniqué:

«Zürich, 10. Oktober 2011 – Lorenz Haas (40) übernimmt die Geschäftsstelle ab Mitte Januar 2012 von Julie Born und Ivo Sacchi, die mit der Führung der IFPI-Geschäfte ad interim betraut sind.

Der Jurist mit Anwaltspatent verfügt über mehrjährige Berufserfahrung unter anderem in den Bereichen Medien-, Unterhaltungs- und Lauterkeitsrecht. Als Rechtsberater eines Medienunternehmens war Lorenz Haas zuständig für die Gewährleistung rechtlicher Standards, beispielsweise bei der Piraterieüberwachung. Nachdem er zwischenzeitlich in einer kleineren Anwaltskanzlei mit Schwerpunkt Film- und Musikrecht gearbeitet hatte, ist Lorenz Haas seit einigen Jahren als Rechtsanwalt in einer grösseren Zürcher Wirtschaftskanzlei tätig.

Der neue Geschäftsführer kennt die Musikbranche auch von innen. Während und nach dem Rechtsstudium wirkte er unter anderem als musikalischer Leiter am Schauspielhaus Zürich, war Mitinhaber eines Musiklabels und professioneller Musiker.»

Lorenz Haas war Bandmitglied der Schweizer Trip-Hop-Band Swandive. Auf Youtube gibts von dieser Band einige Kostproben.

Ertönt Musik, klingeln die Kassen

Wednesday, June 8th, 2011

Aus aktuellem Anlass ein älterer Artikel zur CH-Musikszene und dem Urheberrecht, insbesondere die CH-Verwertungsgesellschaften. Die IFPI kommt da erst am Rande vor…

Wie Verwertungsgesellschaften vom Format einer Suisa ticken, ist vielen Leuten unbekannt. Die erhältlichen Zahlen zeigen, um welche Dimensionen es geht – und wer massgeblich profitiert.

Von Christian Bütikofer

Ob wir bei iTunes Lieder kaufen, im Internet Webradios hören, in Klubs abtanzen oder Klingeltöne fürs Handy herunterladen: Unsichtbar mit von der Partie sind immer auch die Verwertungsgesellschaften (VG, siehe eingerückter Teil am Artikelende.) .

Eine dieser VGs ist die Suisa (Suisse Auteurs). Sie ist die bekannteste schweizerische Verwertungsgesellschaft und schon über 80 Jahre alt. Die Musiklobby Suisa ist eine private Genossenschaft mit über 20 000 Mitgliedern. «Sie ist die Selbsthilfeorganisation der Schweizer Komponisten, Autoren und Musikverlage», sagt Suisa-Direktor Andreas Wegelin.

Die Genossenschaft ist auch fürs Image ihrer Mitglieder besorgt. Zwischen 1998 und 2005 gab sie 5,1 Millionen Franken für «Öffentlichkeitsarbeit» – also PR – aus.

Staatlich beaufsichtigte Monopole

Für viele Kunstgattungen gibt es in der Schweiz eine eigene Verwertungsgesellschaft, also eine Lobby für die Schriftsteller oder auch eine für die Filmautoren. Für jede Gattung gibt es nur eine VG – sie besitzt jeweils das Monopol.

Trotzdem können Verwertungsgesellschaften wie die Suisa nicht einfach nach Gutdünken bestimmen, wer wie viel für die Nutzung zahlen muss. So prüft und genehmigt die Eidgenössische Schiedskommission die Tarife, welche die VGs mit den Nutzerverbänden (z. B. dem Verband der Radiostationen oder der Lobbyorganisation der Tonträgerindustrie, IFPI) aushandeln.

Die VGs sind auch dem Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum (IGE) Rechenschaft schuldig – die IGE überprüft die Geschäftsführung und erteilt den VGs die Bewilligung für ihre Arbeit.

Die Suisa ist ein Schwergewicht unter den VGs, beschäftigt rund 200 Mitarbeiter, die in der aktuellen Bilanz mit beinahe 20 Millionen Personalkosten etwa zwei Drittel des jährlichen Aufwands ausmachen. Ungefähr 20 Prozent der Einnahmen pro Jahr werden für die Verwaltung benötigt – «ein Wert, der sich durchaus im Rahmen des Üblichen befindet», wie Emanuel Meyer vom IGE meint. «Für uns sind 25 Prozent Verwaltungsaufwand und mehr die Alarmgrenze», sagt er. Weiter gibt Emanuel Meyer zu bedenken, dass letztlich die Mitglieder der Suisa jederzeit bestimmen können, wie viel Aufwand gerechtfertigt ist.

Zusätzlich zu den Schweizer Künstlern vertritt die Suisa auch das so genannte Weltrepertoire der Musik. Die Suisa schaut also darauf, dass Madonna zu ihrem Geld kommt, falls ihre Songs hier gespielt werden. Das ist möglich, weil die Suisa mit allen anderen Musik-VGs auf der ganzen Welt Verträge geschlossen hat, die es ihr erlauben, die Rechte dieser VGs in der Schweiz wahrzunehmen – im Gegenzug nehmen die anderen VGs die Interessen der Suisa in ihren Ländern wahr.

Dank diesen Verträgen verwaltete die Suisa im Jahr 2000 etwa 8 Millionen Musikwerke. Von diesen wurden jedoch nur 3,75 Prozent, nämlich etwa 300 000 Werke in Rechnung gestellt – mit anderen Worten: Viele Werke liegen brach, sie werden nicht genutzt.

Schweiz kein Musikexportland

Zwischen 1998 und 2005 leitete die Suisa dank der Vertretung des Weltrepertoires 347 Millionen Franken in andere Länder weiter – der Löwenanteil ging nach Europa und Amerika. Von allen ausländischen Musik-VGs flossen in dieser Zeit nur 117 Millionen in die Schweiz. Einer der Gründe dafür: «Die Schweiz ist kein Musikexportland, es gibt nur wenige international bekannte Künstler», sagt Andreas Wegelin.

Vor allem der Geldaustausch zwischen den USA und der Schweiz ist einseitig: Während im Jahr 2005 aus den USA nur 381 000 Franken zur Suisa flossen, musste sie 9 Millionen überweisen – dieses Verhältnis ist seit Jahren relativ stabil. In Europa wechseln neben England die Nachbarländer Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich die grössten Beträge mit der Suisa aus – auch hier muss die Suisa weit mehr abliefern, als sie erhält.

Wichtiger als das Auslandsgeschäft ist jedoch der Markt in der Schweiz und Liechtenstein. Trotz einem kleinen Heimmarkt muss sich die Suisa nicht hinter ihren weltweiten Schwestergesellschaften verstecken. Seit 1998 beträgt der jährliche Gesamtumsatz durchschnittlich 134 Millionen Franken; damit belegt die Suisa Rang 15 oder 16 aller Musik-VGs – weltweit. Zwischen 1998 und 2005 wurden im Heimmarkt 906 Millionen Franken eingenommen. Schon seit Jahren ist die SRG die wichtigste Zahlerin; seit 2000 steuert sie jährlich 26 Millionen Franken bei.

Gleich danach kommen die Einnahmen aus der Tonträgerproduktion, also dem CD-Verkauf, Onlineverkauf und den Klingeltönen für Handys. Dieses Jahr waren es insgesamt 21 Millionen Franken. Allein die Einnahmen der unscheinbaren Klingeltöne steuerten im Jahr 2005 870 000 Franken bei – eine neue Einnahmequelle, mit der noch vor kurzem niemand rechnete.

«Geissel der Onlinepiraterie»

Zwischen 2002 und 2004 verzeichnete die Suisa einen beträchtlichen Einnahmeneinbruch; betroffen waren vor allem die Vergütungen aus CD-Verkäufen. Im Jahresbericht 2003 führte dies die Suisa auch auf die «Geissel der Onlinepiraterie» zurück. Andreas Wegelin sagt aber auch: «Ich glaube nicht, dass die Ursache für diesen markanten Rückgang nur in den Tauschbörsen zu suchen ist.»

Neben der Piraterie machen der Suisa auch Auseinandersetzungen mit Nutzerverbänden zu schaffen. Im Suisa-Jahresbericht von 1999 wurde geklagt, dass sie «einmal mehr versuchten, die Urheberrechtsvergütungen zu senken». Federführend war dabei die IFPI Schweiz, die Lobby der Tonträgerindustrie. In jenem Konflikt konnte sich die Suisa durchsetzen. Heute sind vor allem die Tarife für Vergütungen im Onlinebereich aktuell; auch hier bestehen laut Andreas Wegelin Differenzen zwischen Suisa und IFPI.

Zweiklassengesellschaft

Seit 2004 veröffentlicht die Suisa einen Verteilschlüssel, wo anonymisiert ersichtlich ist, wer wie viel erhält. Von insgesamt 10 781 Urhebern erhielten im Jahr 2005 7663 nicht mehr als 500 Franken. Nur vier Urheber erhielten Auszahlungen von über 500’000 Franken.

Ähnlich sieht es bei den Verlegern aus. Sie erhielten durchschnittlich mehr, weil ihr Repertoire grösser ist als das eines Urhebers. Auch hier sieht man, dass von 1174 Verlegern 496 nicht mehr als 500 Franken erhielten und 13 Verlage zu den Topverdienern mit Auszahlungen über 500 000 Franken gehören.

Urheber, Inhaber, Verwerter

Jeder Künstler, ob Musiker, Filmer oder Schriftsteller, hat ein Recht auf seinen Song, seinen Film, sein Buch; er hat ein Recht auf sein geistiges Eigentum. Ohne sein Einverständnis darf nichts gedruckt, gespielt oder aufgeführt werden. Er kann das Recht per Vertrag an einen Produzenten oder Verlag abtreten – im Gegenzug erhält er einen Anteil vom Verkaufserlös oder einen regelmässigen Lohn. Der Musikverlag kauft also vom Urheber ein Recht, das Werk zu verwerten und wird dadurch zum Werkinhaber. Die Inhaber wiederum erteilen Nutzern – bei Musik z. B. den Radiostationen oder den Plattenproduzenten -, das Recht, die Werke zu benutzen, also zu senden oder als CD auf den Markt zu bringen.

Da die Radiostationen und Plattenproduzenten die Nutzer dieser Werke sind, müssen sie den Rechteinhabern (Musikverlag, Künstler) für jedes gesendete / auf CD gepresste Lied etwas bezahlen. Die Verwertungsgesellschaften (VGs) übernehmen nun für alle ihre Mitglieder – die Werkurheber und die Werkinhaber -, die Arbeit zu prüfen, welcher Nutzer ihnen wofür wie viel bezahlen muss.

Diese VGs gibts in der Schweiz:

Suisa: zuständig für musikalische, nicht theatralische Werke. www.suisa.ch

Suissimage: zuständig für audiovisuelle Werke (bewegtes Bild: Spiel-, Dokumentar- oder Trickfilme). www.suissimage.ch

Pro Litteris: zuständig für Literatur, Fotografie (stehendes Bild), literarische Werke (z. B. Buch) sowie Werke der bildenden Kunst (Gemälde, Skulpturen). www.prolitteris.ch

SSA – Société Suisse des Auteurs: zuständig für wort- und musikdramatische sowie audiovisuelle Werke. www.ssa.ch

Swissperform: zuständig für verwandte Schutzrechte (so genannte Zweitnutzungsrechte): Wer im Handel eine CD kauft, hat zwar das Recht, sie privat anzuhören. Damit ist aber eine Zweitnutzung wie z. B. das Erstellen einer privaten Kopie auf eine leere CD noch nicht vergütet. www.swissperform.ch (chb)

© Tages-Anzeiger; 18.09.2006

Die diskreten Innerschweizer Dateien-Dealer

Monday, September 8th, 2008

Die Zuger Rapidshare AG ist mit ihrem Gratis-Webspace bei Softwarepiraten sehr beliebt. Nun wurde der Firmengründer selbst Opfer dieser Szene.

Von Christian Bütikofer

Als der neue Batman-Film «The Dark Knight» diesen August in die Kinos kam, vergingen nur ein paar Stunden, bis die ersten Raubkopien im Internet auftauchten. Raubkopien-Portale wie Sceneload.to (im Jargon auch Warez-Sites genannt) stellten den Film auf die Server von Rapidshare.com und machten so die Raubkopie über einen Link allen zugänglich.

Kometenhafter Aufstieg

Rapidshare ist ein Filehoster. Die Firma stellt übers Web auf ihren Servern jedermann gratis Speicherplatz für grosse Dateien zur Verfügung. Auch herunterladen kann man die Dateien gratis. Wer die Files jedoch schnell auf dem PC möchte, der kauft sich bei Rapidshare einen «Premium»- Zugang für knapp 55 Euro pro Jahr. Innert Kürze entwickelte sich Rapidshare zu einem der beliebtesten Dienste im Web. Die Informationsfirma Alexa listet Rapidshare weltweit als Nummer 12, geschlagen nur von Topshots wie Yahoo, Google oder Wikipedia. Nach eigenen Angaben ist Rapidshare der weltweit grösste Filehoster mit einer Speicherkapazität von ca. 4,5 Petabyte (4,7 Millionen Gigabyte).

Die Firma gibt sich äusserst diskret. Wirtschaftsdaten veröffentlicht sie keine, ein Analyst der OpSec Security Group schätzte den monatlichen Umsatz jedoch auf 5 Millionen Euro. Als Geschäftsführer von Rapidshare agiert der Kaufmann Bobby Shi-Fun Chang (38). Vor seinem Engagement bei Rapidshare war er in Hamburger Unternehmen anzutreffen. Chang ist das Gesicht von Rapidshare gegen aussen.

Erfinder der Firma ist jedoch der Deutsche Christian Schmid (28), der heute in Horgen lebt und sich gegenüber den Medien bedeckt hält.

Zu Beginn seiner Karriere versuchte er sich mit dem Webshop Shop-Services.de im E-Commerce und erstellte die Forensoftware «Rapidforum». Danach folgte die Firma Rapidshare, für die er im Laufe der Zeit Investoren suchte.

Ende 2006 verlegten Schmid und seine Mitstreiter die Hauptfirma von Deutschland in die Schweiz, wo er heute als Verwaltungsrat der Rapidshare AG amtet. Zun gleichen Umfeld gehören die Firmen Rapidshare GmbH und Teraspace GmbH aus Deutschland.

Rapidshare ist eine Erfolgsgeschichte. Eine Geschichte aber auch, die ohne massenhafte Urheberrechtsverletzungen so wohl nicht geschrieben worden wäre.

Denn es ist kein Geheimnis: Obwohl der Webspace für Dateien jeder Art benutzt werden kann, es sich also nicht per se um illegale Inhalte handeln muss, so ist Rapidshare in der Raubkopierer-Szene äusserst beliebt. Rapidshare versuchte sich in der Vergangenheit immer wieder von dieser Szene zu distanzieren und entfernt auch Dateien – sofern sich der Rechteinhaber meldet.

Gefälschte Webseiten

Der Erfolg in der Warez-Szene hat auch seine Schattenseiten. Dem TA sind mehrere Webseiten bekannt, die auf Christian Schmid registriert oder wo Rapidshare-E-Mail-Adressen als Kontaktangaben benutzt wurden. Auf jenen vornehmlich türkischen Seiten wurden Links zu Raubkopien auf Rapidshare-Servern angeboten.

Der gleiche Warez-Ring registrierte über 70 Webseiten auf Schmids Adresse. In einer Stellungnahme beteuerte Katharina Scheid von Rapidshare, dass Christian Schmid damit nichts zu tun habe und die Registrierungen gefälscht seien.

Für Verwirrung dürften auch die Webseiten Rapidforum.org und Raidshare.info sorgen. Erstere hat trotz Namensgleichheit mit Schmids Forensoftware «Rapidforum» nichts mit ihr zu tun, bietet aber ebenfalls Raubkopien auf Rapidshare an. Und Rapidshare ist eine 1:1-Kopie der alten Rapidshare-Webseite, hat mit dem Original aber wohl auch nichts gemein.

© Tages-Anzeiger; 08.09.2008

Der Ohrenöffner im Radioland

Monday, May 9th, 2005

Im Internet entstehen neue Radios, gratis und in CD-Qualität. Die Macher sind Idealisten. Auch ein Zürcher ist dabei.

Von Christian Bütikofer11 000 Personen besuchen Tag für Tag die Spyristrasse 48 in Zürich. Sie ist benannt nach Johanna Spyri. Die brachte uns das Heidi.

Patrik Jungo trägt keinen Bestseller in die Welt. Er sendet Sound ins Internet. «Streamen» nennen das Compu-terfreaks. Musik, die Radios ignorieren. Patrik Jungo ist www.swissgroove.ch. 11 000 Personen pro Tag, 6000 bleiben mehr als fünf Minuten bei Smooth-Jazz, Trip Hop, Funk und Soul. Webradio Swissgroove sendet 24 Stunden, aber das war nicht immer so.

Patrik Jungo sitzt im Esszimmer, seine Hände ineinander gefaltet. «Vor zwei Jahren habe ich angefangen, meine Musik ins Netz zu senden. Für fünf Hörer. Ich benutzte meinen normalen ADSL-Anschluss, es war Mai.» Radio Swissgroove war gerade mal einige Stunden pro Tag online – sofern der Internetprovider keine Pannen hatte. Patrik Jungo erzählt, im Hintergrund verwebt sich ein Klavier mit Perkussion. Bugge Wesseltoft spielt «Lone» auf Swissgroove.

Patrik Jungo sitzt im Esszimmer, denn die Stube ist für sein Radio reserviert. Und für die zwei Computer und den Laptop, mit denen er das Webradio betreibt. Und für seine Musiksammlung. Mehr ist nicht im Zimmer. Die Musik füllt den Raum. Einen Wandschrank hats noch. Dort hebt Patrik Jungo seine Arbeitskleider auf. Früher prangte auf der Uniform «Swissair». Heute steht «Swiss» auf dem Gewand. Patrik Jungo ist Flight Attendant, die Situation unsicher.

Nach einem Monat, im Juni 2003, ist ihm klar: Das Radio muss durchgehend verfügbar sein. Er braucht mehr Internetkapazität, denn er hat zu viele Hörer. Und zudem: Was er bisher machte, ist illegal. Jungo verbreitet Musik ohne Lizenz. Das Projekt wird teuer.

«Verwilderung der Szene»

Er meldet sich bei der Suisa, der schweizerischen Gesellschaft für die Urheberrechte der musikalischen Werke. Die leitet Patrik Jungo an die IFPI weiter. Die International Federation of Producers of Phonograms and Videograms ist irritiert. Ein tauglicher Vertrag für Webradios in der Schweiz existierte nicht. Aber man lässt ja mit sich reden bei der IFPI: 5000 Franken pro Jahr, das genügt. Senden übers Internet bitte nur in der Schweiz für Schweizer, kommerzielle Nutzung ist untersagt. Die IFPI entwickelt Sinn fürs Lokale im grenzenlosen Internet, dem World Wide Web.

«Kann ich so noch weitermachen?» Patrik Jungo will. Die IFPI kommt zwei Schritte entgegen: Das Internet wird wieder international, Swissgroove dürften zwar nicht alle empfangen – aber man sieht darüber hinweg. Und die 5000 Franken, die kann er ja auch in zwei Raten zahlen. Das sind nicht die einzigen Ausgaben.

Sein privates ADSL-Modem genügt nicht mehr, Patrik Jungo mietet professionelle Streaming-Server für seinen Sound. Nicht in der Schweiz – die Preise sind hier viel zu hoch. In Deutschland wird er fündig. Swissgroove sendet CD-Qualität im MP3-Format. Übertragen wird es mit der Software Shoutcast, ein Open-Source-Projekt. Das kostet nichts. Die Radiostation betreibt er von seinen Computern aus mit SAM3 Broadcaster – das virtuelle Softwarestudio für 2000 Franken. Ein italienischer Werbeproduzent aus Mailand erstellt die Swissgroove-Jingles – gratis. Sunrise TDC hilft kostenlos mit Servern, ebenso ein Internetprovider aus Australien. Die Unterstützung einiger ist gross, trotzdem spenden wenige. 2004 nahm Patrik Jungo gerade 1500 Franken ein. Swissgroove kostet ihn mehr als das Zehnfache: 17 000 Franken sinds pro Jahr.

Die IFPI zeigt sich besorgt um Qualität in der Radiokultur. Sie sieht eine Verwilderung der Szene. Da könne ja jeder. Patrik Jungo ist nicht allein.

Webradio dank Breitbandinternet

Seit dem Aufkommen von Breitbandinternet per ADSL und Kabel explodiert die Webradioszene. Denn jetzt mit Breitband ist Tonqualität im Internet möglich, die CDs ebenbürtig ist. In Asien, Europa, Amerika, überall entstehen virtuelle Radios, trotz horrenden Kosten. Und sie organisieren sich, die Schweiz macht da keine Ausnahme. Am 31. März 2005 gründete sich der Verein Interessengemeinschaft Schweizer Internetradio (ISI) im Restaurant Helvetia in Zürich. Auch Swissgroove war dabei. Vereint hoffen die privaten, nicht kommerziellen Stationen, besser mit den Verwertungsgesellschaften zu verhandeln.

Und sie hoffen auf aacPlus. Dieses neue Musikformat soll MP3 im Streaming-Bereich ablösen, ursprünglich stammt es aus Apples Küche, ist jetzt als MPEG-4 HE AAC standardisiert. Auch der iPod kennt es schon und alle neuen Software-Player. Mit weniger Daten erreicht aacPlus schneller CD-Qualität: Die Datenmenge zum Versenden verringert sich, die benötigte Bandbreite sinkt, die Kosten werden erträglicher.

Patrik Jungo hofft auch auf Wireless LAN (WLAN), den drahtlosen Zugang ins Internet per Funk: «Wenn mal das Autoradio streamfähig wird, haben wir endlich die gleichen Bedingungen wie normale UKW-Radios.» Das wird noch lange dauern, doch die Technik ist unterwegs: Die Firma Intel bringt mit WiMAX drahtlose Breitbandübertragung. Stellt der Technologieführer aus Santa Clara, Kalifornien der Computerindustrie neue Standards zur Verfügung, setzen die sich durch – meistens.

Der Computer verschmilzt je länger je mehr mit Stereoanlage und Fernseher. Webradios entfernen sich so vom Rechner und schmuggeln sich durch Hintertüren ins Wohnzimmer. Wer das Radio anstellt, soll bald nicht mehr merken, ob UKW oder Internet drauf steht.

Alternativen als Programm

«Anstatt Briefe zu schreiben, habe ich Kassetten aufgenommen, um zu sagen, was ich fühle. Da gingen Hunderte Tapes raus. Dann haben immer alle gesagt, ich werde mal beim Radio enden.» Beinahe wäre er bei Radio 24 gelandet. Eine Sendung hatte er – an der Unterhaltungselektronikmesse Fera. Dort legte er im Gefäss «Lonely Island» für Jungtalente seinen Sound auf. Damit gelangte er in den Final der Top 3. Röbi Koller und Schawinski fanden dann, das sei jetzt genug. Patrik Jungos Sendung war ihnen «zu erwachsen».

Warum das alles, Herr Jungo? «Ich mache das zu grossem Teil für mich.» Er spricht von Reise, Geduld, Disziplin, Langsamkeit. Er spricht von seiner Musik. «Die Leute sind sich von den UKW-Radios einen gewissen Sound gewöhnt, sie wollen Gewohntes wieder hören, statt dass sie auf die Reise gehen. Ihre Ohren sind verstopft.» Der Flight Attendant kennt verschiedene Destinationen: «Ich bin ein Ohrenöffner.»

 

Die IG Schweizer Internetradio

Die Interessengemeinschaft Schweizer Internetradio (ISI) ist die Lobby der Schweizer Webradios. Sie wurde am 31. März 2005 offiziell gegründet. Alle wichtigen Schweizer Internetsender sind Mitglied in diesem Verein. So auch das älteste aktive Webradio, lounge-radio.com aus Baden.

Der Verein hat zum Ziel, die Internetradio-Kultur als Beitrag zur Förderung und Erhaltung der Kultur- und Medienvielfalt in der Schweiz zu unterstützen. Gegründet wurde er vor allem, um mit den verschiedenen Verwertungsgesellschaften wie der IFPI und der Suisa einheitliche Tarife für Urheberrechtsabgaben zu erwirken. Weiter denkt man bei ISI über gemeinsame Werbeaktionen nach und versucht, die Streamingkosten mit einem einheitlichen Vorgehen beim Mieten von Servern in den Griff zu bekommen. Der Verein wendet sich aber auch ganz offiziell an Firmen, Klubs, Openair-Veranstalter und Institutionen, die ihre Radiobedürfnisse nicht mehr durch UKW-Sender, sondern mit Webradios befriedigen wollen.

Die Mitglieder tagen einmal pro Monat in Zürich. Die Vereinskommunikation ist offen: Auf der Website www.internetradio.li sind sämtliche Neuigkeiten und Termine aufgelistet.

Die ISI ist nach dem Vorbild des DIRV (Deutscher Internet-Radio Verbund e. V.) ausgerichtet und arbeitet mit ihm zusammen. In Deutschland weht den Webradiobetreibern ein rauer Wind ins Gesicht: Sie bezahlen seit April 2005 massiv höhere Gebühren, einige Stationen weit über 40 000 Franken pro Jahr. (chb)

Richtig Webradio hören

Zum Hören von Webradios sind nur zwei Dinge vonnöten: 1. ein Breitband-Internetzugang mit ADSL oder Kabel, 2. ein Gerät, das Internet-Streams empfangen kann – meist ist dies der Computer und eine Abspielsoftware, ein so genannter Player.

Unter Windows bringen die Programme Windows Media Player von Microsoft (www.windowsmedia.com), Winamp 5 von AOL (www.winamp. com) oder der Real Media Player von Real Networks (www.real.com) alle Voraussetzungen mit, um Webradios zu empfangen. Macianer greifen bevorzugt zum Quicktime Player (www.quicktime.com) oder zu iTunes (www.itunes.com). Linux-Jünger streamen mit dem Helix Player (www.helixplayer.org), Xine (www.xinehq.de) oder dem VLC Media Player (www.videolan.org). Alle erwähnten Programme sind kostenlos.

Im Internet gibt es unzählige Webradios. Eine erste Anlaufstelle mit Radios aller Stilrichtungen ist www.shoutcast.com oder www.audioreal.com. RadioSkipper.com (www.radioskipper.com) sendet 80er- und 90er-Hits bereits im neuen Musikformat aacPlus. Von Klassik aus Ungarn bei Radiomax (www.radiomax.fm) über Hawaii-Hemden-80er-Sound auf Club 977 (www.club977.com) bis hin zum Sender Kohina (www.kohina.net), der Musik alter Computerspiele streamt: Das Angebot im Netz ist so vielfältig, wie es Musikstile gibt. Das riesige Angebot von Radio 1 der BBC (www.bbc.co.uk/radio1) ist ebenfalls einen Mausklick wert – auch wenn es sich hier um ein UKW-Radio handelt. (chb)