Archive for the ‘Rechtsradikale’ Category

Stasi-Diplomatin: Geschäftlich bis heute mit der Schweiz verbunden

Wednesday, March 30th, 2011

Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat von den Stasi-Aktivitäten der Bulgaren offenbar nichts gewusst und erst durch Veröffentlichungen in der Presse davon erfahren. von Christian Bütikofer

Mehrere bulgarische Botschafter in Bern waren während der Zeit der kommunistischen Ära für den bulgarischen Geheimdienst tätig. Dem EDA sei mitgeteilt worden, dass Botschafter Atanas Pavlov nach Ablauf seiner Amtszeit Ende 2010 nach Bulgarien zurückgekehrt sei, sagte Pressesprecher Georg Farago auf Anfrage.

Botschafterin löste Skandal aus

Ihre Zelte abgebrochen hatte auch die ehemalige Botschafterin und Geheimdienstmitarbeiterin Elena Kirtscheva, die von 1991 bis 1996 in der Schweiz ihr Land vertrat. Mit der Heirat von N., von dem sie inzwischen geschieden ist, löste sie einen Skandal in Bulgarien aus. Denn N. organisierte nicht nur einen Kongress für Geschichts-Revisionisten, er vertrieb auch Videokassetten eines Auschwitz-Leugners.

Stasi-Spitzel Kirtscheva aber war stolz darauf, nach dem Sturz des kommunistischen Regimes «das demokratische Antlitz Bulgariens in der Welt zu repräsentieren».

Beraterin bei der UBS

Offensichtlich lohnte sich ihr Einsatz für Demokratie und Freiheit. Nach dem Abgang in der Botschaft wurde sie Beraterin der damaligen United Bank of Switzerland, der Vorgängerin der heutigen UBS.

Aktuell ist sie unter anderem Aufsichtsratspräsidentin des Investment-Konglomerats «Industrial Holding Bulgaria». Die Firmentochter «International Industrial Holding Bulgaria» sitzt an der Bahnhofstrasse im Steuerparadies Zug.

© Aargauer Zeitung / MLZ; 30.03.2011

Bulgariens Botschafter in Bern waren ehemalige Geheimdienst-Agenten

Tuesday, March 29th, 2011

In Bulgariens Botschaft in Bern tummelten sich jahrelang ehemalige Staatssicherheits-Mitarbeiter. Auch der letzte offizielle Botschafter Atanas Pavlov hat eine Stasi-Vergangenheit. von Christian Bütikofer

Mitte Dezember 2010 liess die Sonderkommission (comdos.bg) für die Untersuchung der bulgarischen Geheimdienstakten eine Bombe platzen.

Die Kommission stellte ein 129 Seiten dickes Dokument ins Internet, das feinsäuberlich auflistet, welche Diplomaten zur Zeit der kommunistischen Diktatur Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes «Dazravna Sigurnost» oder anderer ähnlicher Dienste waren. Nach der Wende 1989 blieb diese Wahrheit 20 Jahre lang unter dem Deckel.

Von 462 durchleuchteten aktuell führenden Mitarbeitern des Aussenministeriums hatten 192 auf die eine oder andere Art Verbindungen zum Geheimdienst gepflegt. In diversen EU-Staaten wird Bulgarien durch ehemalige Stasi-Spitzel vertreten, so etwa in Deutschland, Schweden, Grossbritannien, Italien oder Spanien.

Bis wenige Tage vor Enthüllung in Amt und Würden

Die EU ist nicht allein, die Stasi-Connection blühte auch an der Bernastrasse in der Bundeshauptstadt. Dort hielt Botschafter Atanas Pavlov bis Ende November 2010 Hof. Seine Residenz liegt ein wenig abseits vom Botschaftsviertel, mit bester Sicht auf Aare, Bundeshaus, Hotel Bellevue.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung des inkriminierenden Dokuments lief in Bern die Zeit des fliessend Deutsch sprechenden Botschafters ab: Atanas Pavlov wurde im Dokument Nr. 175 als ehemaliger Stasi-Spitzel  – Deckname «Asenov» – enttarnt. 1976 warb ihn das «Büro I» als Agent an.

In dieser Funktion arbeitete Pavlov alias «Asenov» für die Gegenspionage, Hauptgebiet USA. Vor seiner Botschafter-Karriere in der Schweiz war er aussenpolitischer Berater des bulgarischen Präsidenten.

Aufgabe: Journalisten «betreuen»

Pavlovs direkter Vorgänger in Bern, Georgi Dagaradin, wurde 1972 vom «Büro 11» für Gegenspionage unter dem Decknamen «Arkady» rekrutiert. Spezialgebiet: die Beschäftigung mit Auslandkorrespondenten. Später arbeitete er bis 1992 operativ im Auslandgeheimdienst-«Büro 3» (Spezialität: USA und Westeuropa).

Ex-Botschafterin mit Nähe zur rechten Szene

Die dritte im Bunde der Ex-Stasi-Spitzel ist Elena Kirtcheva. Von 1990 bis 1991 war sie Parlamentsabgeordnete der zentristischen Bulgarischen Bauernpartei und bewegte sich dort am rechten Rand. Von 1991 bis 1996 war sie Botschafterin in der Schweiz.

Nach ihrer Abberufung hielt sie der Eidgenossenschaft die Treue und heiratete einen Schweizer mit bulgarischen Wurzeln. Ihr damaliger Partner sorgte durch nationalsozialistische und antisemitische Sprüche für Aufsehen.

Nachdem ihre Partei an die Macht kam, übernahm sie erst den Botschafterposten in Finnland, später jenen in Österreich. 2005 gründete sie das «Vienna Economic Forum» in Wien, bei dem sie bis heute im Vorstand sitzt.

Kirtcheva war Agentin fürs «Büro 8». Dort kümmerte sie sich von 1985 bis 1990 unter dem Decknamen «Iva» in Bulgarien um Touristen und Westler, die sich auf Stippvisite befanden.

Ein Webauftritt mit Gedächtnislücken

Der Internet-Auftritt der bulgarischen Botschaft in der Schweiz listet heute weder den 66-jährigen Ex-Spitzendiplomaten Atanas Pavlov noch seinen direkten Vorgänger Georgi Dagaradin auf.

Das Dokument der Sonderkommission dürfte auch für die über 2100 in der Schweiz lebenden Bulgaren nicht eben für warme Gefühle gesorgt haben. Denn viele von ihnen sind Alteingesessene, die bereits vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz auswanderten, wusste Ex-Botschafter Atanas Pavlov 2009 zu berichten. Jene Exil-Bulgaren flüchteten also mitunter vor dem kommunistischen Regime.

Stasi-Verbindungen «omnipräsent»

Offiziell wurde die Staatssicherheit 1991 aufgelöst und zahlreiche Mitarbeiter wurden entlassen. Doch inoffiziell sind die Stasi-Verbindungen «omnipräsent». Das berichtet der deutsche Diplomat Klaus Schrameyer in der aktuellen Ausgabe des Politmagazins «Europäische Rundschau».

Schrameyer, der vormals stellvertretender Botschafter Deutschlands in Bulgarien war, äussert sich in seiner Analyse«Bulgariens Stasi-Diplomaten» bemerkenswert undiplomatisch: «Mit ihrer Hilfe entwickelte sich ein mafioses Netzwerk von kriminellen ‹Businessmen›, ganz gleich ob sie im ‹Nebenberuf› Politiker, Abgeordnete, Beamte, Richter, Staatsanwälte, Oligarchen usw. waren. Sie alle waren vor allem daran interessiert, reich zu werden, auf Kosten ihres Volkes.»

Nomenklatura schaffte Milliarden ins Ausland

In Bulgarien fand beim Zusammenbruch der Sowjetunion gleich wie in Russland kein echter Übergang zwischen der alten und neuen Herrscherelite statt.

Die Nomenklatura schaffte es rechtzeitig, Milliarden Dollar an Volksvermögen im Ausland in Sicherheit zu bringen. Und als sich Bulgarien eine neue Verfassung gab, konnten sich die gut vernetzten Ex-Kommunisten Straffreiheit für Verbrechen und Bereicherung verschaffen.

200 Auftragsmorde bis heute ungesühnt

Bis heute sind Bulgarien und Rumänien die EU-Länder mit den grössten Problemen im Justizsystem. In Bulgarien allein wurden bis heute um die 200 Auftragsmorde nicht geklärt, schreibt Diplomat Schrameyer.

Diverse aktive Politiker sind als Spitzel bekannt, ohne dass dies Konsequenzen hat. Als die Diplomaten-Spitzel-Liste bekannt wurde, weigerte sich Präsident Georgi Parwanow schlicht, die Betroffenen von ihren Posten abzurufen.

Neben den ungeklärten Aktivitäten zu Zeiten des Kommunismus der kompromitierten Diplomaten kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Ex-Stasi-Leute sind unter Umständen erpressbar.

Trojanisches Pferd Russlands

Die prekäre innenpolitische Lage Bulgariens wird für die EU zunehmend zum Problem – etwa beim Thema Schengen-Beitritt. Diverse Justizminister und Kriminalbeamte der Partnerländer hegen Bedenken, Bulgarien in den Schengen-Raum aufzunehmen.

In Anspielung auf die alten Geheimdienst-Seilschaften mit besten Verbindungen nach Moskau bezeichnete der russische Botschafter in Brüssel vor vier Jahren die Bulgaren unverblümt als «trojanisches Pferd Russlands» in der EU. Experten befürchten, dass durch den Schengen-Informationsaustausch unbefugt Daten zu russischen Nachrichtendiensten gelangen könnten.

Schweigen bei der Botschaft

Die Bulgarische Botschaft hat bis Redaktionsschluss auf eine Anfrage von az nicht reagiert. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) liess az wissen, von der Vergangenheit der Diplomaten erst durch die Presse erfahren zu haben. Dem EDA sei mitgeteilt worden, dass Botschafter Pavlov nach Ablauf seiner Amtszeit nach Bulgarien zurückgekehrt sei, sagte Pressesprecher Georg Farago.

© Aargauer Zeitung / MLZ; 29.03.2011

Schmierenkomödie um Paul Lendvai geht weiter

Tuesday, November 23rd, 2010

Zuerst «protestierten» seine Gegner in der Schweiz und bezichtigten ihn als «Volksverhetzer». Jetzt musste der Journalist Paul Lendvai eine Veranstaltung in Deutschland absagen, er wird körperlich bedroht. Der Grund: Lendvai hat ein Buch über sein Heimatland Ungarn geschrieben, das Extremisten so ganz und gar nicht gefällt.

Die Pressemitteilung seines Verlags Ecowin von Ende November im Original:

«Diskussionsveranstaltung mit Paul Lendvai wegen Gewaltandrohungen abgesagt

by Ecowin Verlag on Tuesday, November 23, 2010 at 11:47pm

Die für morgen, 24. November 2010 geplante Veranstaltung „Vom Schrittmacher zum Krisenherd. Ungarn im Wandel“ mit dem österreichischen Journalisten Paul Lendvai,in Frankfurt muss aufgrund persönlicher Gewaltandrohungen gegen Herrn Lendvai abgesagt werden.

Paul Lendvai , gebürtiger Ungar und als Journalist und Publizist in Wien lebend, ist wegen seines Buches „Mein verspieltes Land“ zur Hauptangriffsfläche von rechtsnationalisitschen und antisemitischen Kräften geworden, die derzeit eine ungeheuer aggressive Kampagne gegen ihn und sein Buch führen.

Nachdem wir von verschiedenen Seiten eindrücklichst davor gewarnt wurden, dass es bei der Veranstaltung in Frankfurt am Main morgen möglicherweise nicht nur bei Demonstrationen gegen die Veranstaltung und gegen Herrn Lendvai bleiben wird (wie das in Zürich vor kurzem der Fall war), sondern dass auch mit Tätlichkeiten gerechnet werden müsse, hat sich die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen in enger Absprache mit den an der Veranstaltung Beteiligten entschlossen, die Veranstaltung abzusagen, weil wir die Sicherheit von Paul Lendvai nicht gewährleisten können.

Umso mehr werden wir in Zukunft auf Veranstaltungen die Entwicklungen in Ungarn kritisch beleuchten und den zunehmenden Antisemitismus, Nationalismus und Rechtspopulismus dort (und nicht nur dort) zum Thema machen.

Ralf Zwengel/Margret Krannich

Heinrich-Böll-Stiftung Hessen

Tel.: 069/231090

e-mail: info@hbs-hessen.de»

Wer den wissen will, was Paul Lendvai so Böses schreibt, sollte sich sein Buch «Mein verspieltes Land – Ungarn im Umbruch» kaufen. Als politisch Interessierter lernt man nicht nur über den Kalten Krieg und Ungarn sondern liest ein unverfälschtes, kritisches Geschichtsbuch. Viel Spass!

Verfasser von «Mein verspieltes Land: Ungarn im Umbruch» als Spitzel verunglimpft

Friday, November 19th, 2010

Tja, es fing mit einer simplen Pressemitteilung an. Osteuropa-Kenner Paul Lendvai veröffentlichte ein kritisches Buch über sein Heimatland Ungarn – und die Gegner bezichtigten ihn in der Schweiz im Vorfeld der Buch-Präsentation gleich als «Volksverhetzer», der die Schweizer gegen Ungarn aufbringen will.

Doch damit nicht genug. Jetzt versuchten sie ihn auch noch als kommunistischen Spitzel zu «outen». Sehr witzig, wer Lendvais politische Ansichten durch seine Bücher kennt. Von Kommunist keine Spur, im Gegenteil. Seine einzige Sünde: Er ist ein kritischer – brillanter – Kopf und Verfechter einer offenen Gesellschaft.

Hier die ganze Geschichte, von Paul Lendvai auf der Website seines Verlags Ecowin am 18.11.2010 veröffentlicht:

«Mit Bestürzung habe ich in der Wochenzeitung „Heti Valasz“ jenen Artikel gelesen, der, aus den diplomatischen Berichten des kommunistischen Regimes aus herausgegriffenen Futzerln aus meinen Memoiren und anderen Büchern und künstlichen Wortverbindungen zusammenstellt, sensationsheischend und „entlarvend“ beabsichtigt, mich in meiner menschlichen Ehre und journalistischem Ruf zu verletzen. Nichts weniger wird behauptet, als dass ich mich in den 80er Jahren über die ungarische Botschaft in Wien dem damaligen Regime als „freiwilliger Informator“ angeboten habe. Man wirft mir vor, dass ich 1985 ungarischen Diplomaten über den Budapester „Oppositionsgipfel“ erzählt hätte.

Es war und ist eine natürliche und übliche journalistische Praxis, mit Diplomaten und offiziellen Persönlichkeiten in Form von ungezwungenen Gesprächen Verbindung zu halten. Es liegt in der Natur der Sache, dass die beiden Informationen austauschen, ohne dass sie einander als „Informator“ betrachten würden.

Was das sogenannte „alternative Gegenforum“ zum 1985er „Europäischen Kulturforum“ betrifft, so war dies nicht ein Oppositionsgipfel, sondern eine öffentliche Veranstaltung mit der Teilnahme angesehener internationaler Persönlichkeiten, über die die Weltpresse berichtet hat. Die über dieses Ereignis entstandenen Dokumente waren nicht geheim, so auch nicht die englischsprachige Einladung, die jeder hätte jedem geben können.

Dieses Ereignis war damals Mittelpunkt der öffentlichen Gespräche und natürlich kommentierte der Diplomat nach seinem bzw. dem Geschmack seiner Auftraggeber entsprechend meine damaligen Worte, zitierte mich also nicht wörtlich.

Die Anschuldigung eines „doppelten Lebens“ im Titel ist einfach lächerlich, wie auch die Annahme irgendwelcher „Dienste“ meinerseits.

Meinen damaligen Standpunkt belegen überzeugend die TV-Reportagen und Kommentare, von denen die Autoren von „Heti Valasz“ nicht einmal einen Zwischenschnitt gesehen haben.

Mein Verhältnis zum Regime wird in den Akten im Archiv des Staatssicherheitsdienstes dokumentiert, welche auch in meinen auch in ungarischer Sprache erschienenen Memoiren jeder nachlesen kann. Also auch die Tatsache, dass auf die Frage der ostdeutschen Staatssicherheit das ungarische Innenministerium Ende 1984 mich als „feindliches Element“ qualifiziert hat und meine Arbeit als Chefredakteur der Osteuropa-Redaktion des österreichischen Fernsehens als „anti-kommunistisch“ und „anti-sowjetisch“ beschrieben.

Also nicht nur ich war im Bilde über den Standpunkt meiner Gesprächspartner der Botschaft, sondern auch sie hätten bezüglich meiner Person keine Illusionen pflegen können. Die ungarischen Staatssicherheitsorgane haben mich bis zuletzt mit Spitzeln beobachtet und mich als „Zielperson“ betrachtet.

Gleichzeitig hatte ich als Mitarbeiter der österreichischen, öffentlich-rechtlichen Medien natürlich den Stand der österreichisch-ungarischen Beziehungen und die daraus sich bietende Möglichkeit in Betracht gezogen. Wir haben die relative Offenheit Ungarns genützt und eine Kommunikationspolitik der sogenannten „offensiven Auflockerung“ betrieben, die die Informationsfestung des Ostblocks durchbrochen hat.

Es ist kein Zufall, dass manche osteuropäischen Hauptstädte, so Moskau und Warschau bis zuletzt für mich gesperrt waren.

In dieser Art habe ich natürlich Kontakte mit offiziellen Persönlichkeiten und Institutionen gepflegt, aber nie etwas getan, das nicht ehrenhaft gewesen wäre oder die journalistische Ethik verletzt hätte.

Ich glaube, dass die zügellose Hetze, betrieben durch einen Teil der ungarischen Presse gegen mich, nichts anderes ist als eine Retourkutsche für mein letztes Buch.

Über meine Werke oder Ansichten kann jeder diskutieren, die Methode von „Heti Valasz“ ist aber eine bewusste Diskreditierung, deren Ziel ist, die ausländischen Kritiker der Regierung unter Druck zu setzen und gegebenenfalls zum Schweigen zu bringen.

Diese Methoden, welcher sich früher die kommunistischen Diktaturen bedienten, sind aber für eine Demokratie völlig unannehmbar.

Paul Lendvai, Wien 18.11.2010»

Kampagne gegen «Aufmarsch» in Ungarn

Thursday, November 11th, 2010

Zum Artikel des Schweizer Ablegers des «Weltbunds der Ungarn», hier ein Text von Journalist Gregor Mayer von diesem Mai auf der Website des Residenz Verlags, der das kritische Buch «Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa» publizierte. Mayers Replik dürfte einiges erklären, was hinter der heiligen «Empörung» senkrechter Ungarn zu finden ist:

«Der ungarische Sender Echo-TV widmet dem Buch «Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa» einen längeren Beitrag und diffamiert die Autoren und den Verlag mit antisemitischen Klischees. Ein Hintergrundbericht von Gregor Mayer.

Ungarns populistische und extreme Rechte hat auf das Erscheinen des Buches „Aufmarsch. Die rechte Gefahr aus Osteuropa” mit der Diffamierung der Autoren reagiert. Anstelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Aussagen des Ungarn-Teils des Buches operieren verschiedene Medien aus dem Umkreis des nunmehr regierenden Bundes Junger Demokraten (FIDESZ) und der rechtsextremen Jobbik mit der Unterstellung, die Verfasser des Bandes seien „Lügner” und „extrem ungarn-feindliche Kräfte” (u.a. FIDESZ-Tageszeitung „Magyar Nemzet”, Jobbik-nahes Nazi-Portal „kuruc.info”) . Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Kampagne mit der Sendung „Éjjeli menedék” (Nachtasyl) des FIDESZ-nahen Senders Echo TV am 14. Mai 2010. Besagte Fernsehanstalt gehört dem Oligarchen Gábor Széles, der den FIDESZ unterstützt, und bietet immer wieder rechtsextremen Propagandisten und Ideologen eine Plattform, die entweder mit dem FIDESZ oder mit der Jobbik sympathisieren.

„Kronzeuge” der angestrebten „Aufmarsch”-Demontage am 14. Mai 2010 war der in der Schweiz lebende Ungar Csaba Kenessey. Er selbst bezeichnet sich als Journalist, schmückt sich aber auch gerne mit den pompösen Titeln eines „Generalsekretärs des Schweizer Rates des Weltbundes der Ungarn” oder eines „Schweizer Korrespondenten des Verbandes Unabhängiger Journalisten”. Seine wahrnehmbaren Aktivitäten beschränken sich jedoch darauf, Schweizer Medien mit Leserbriefen zu bombardieren, sobald dort etwas erscheint, das die ungarische Rechte in einem kritischen Licht erscheinen lässt. Kenessey verlangt dann gerne die Entlassung des betreffenden Berichterstatters. Besonders hartnäckig verfolgt er den „Aufmarsch”-Autor und Wiener Korrespondenten des „Tagesanzeigers”, Bernhard Odehnal, den er immer wieder als „Lügner” diffamiert.

Als am 31. März dieses Jahres der „Aufmarsch” in Zürich öffentlich präsentiert wurde, erschien auch Kenessey, um in der Diskussion das Buch als „Machwerk” und „Lüge” zu beschimpfen. Sein impulsiver Einwurf wurde vom Publikum als nervend bis erheiternd empfunden. Unter Berufung darauf, „Journalist” zu sein, filmte er die gesamte Veranstaltung mit. Nun ist klar, wozu: Das Material wurde in der Diffamierungssendung des Budapester Echo TV reichhaltig genutzt.

Weder der begleitende Sprechertext noch die Moderatorin im Studio versuchten, die Kritik an dem Buch in einen objektiveren Kontext zu stellen. Das ganze Setting beschränkte sich darauf, Kenessey die Stichwörter zu liefern. Schon der Vorspanntext stimmte auf das Folgende ein: „Nazi-Gefahr von rechts, Drohen mit der antisemitischen Gefahr bis zum Abwinken, Anschuldigungen der Rassismus-Rufer: die globalen Herren der Welt haben die bewährte Rezeptur, wie es scheint, erneut verschrieben, jetzt, da Viktor Orbán wieder Regierungschef wird und die Jobbik mit ungefähr 17 Prozent der Stimmen ins Parlament gelangte.” – „Was für eine Wirkung kann so ein Buch haben?”, fragte im Studio sorgenvoll die Moderatorin. Eigentlich keine, meinte Kenessey, denn verkaufen ließe es sich ohnehin nicht (Anm. RV: das Buch ist in der 2. Auflage). Über die Autoren sagte er: „Ich beobachte und bekämpfe seit Jahrzehnten die beiden, sich als Journalisten titulierenden Personen, die in der Geschichte des Journalismus wahrscheinlich eine neue Kategorie geschaffen haben, und zwar die der Berufslügner. Wer ihre Auftraggeber sind, weiß ich nicht. Da hätte ich auch ein, zwei Gedanken …” Ohne „Auftraggeber” ginge es nicht, da sich ein solch unverkäufliches Buch sonst nicht rechnen würde. Die Autoren hätten es nur geschrieben, weil sie „gegenüber ihren Auftraggebern beweisen mussten, dass sie die Aufgabe sehr wohl erfüllt haben, für die sie das Geld angenommen haben”.

Aber wer sind nun diese geheimnisvollen „Auftraggeber”, insistierte die Moderatorin. Kenessey kam ins Stammeln und rückte dann reichlich verworren mit der „Wahrheit” heraus: „Darüber hinaus gibt es hier noch welche, die sich wahrscheinlich hier ansiedeln wollen … und die Vorbereitung dessen, dass sie im gegebenen Fall in größeren Massen kommen, die von irgendwoher kommenden Siedler, wenn wir dagegen eventuell etwas unternähmen oder das Land dagegen revoltierte, dann soll das nicht eine Wirkung dieser Art haben beziehungsweise dass man dies von vornherein kompromittieren kann in der Art, das ist eben hier so oder so eine pampige Völkerschaft und obendrein Nazis … Das ist eine politische Waffe …” Die Bedeutung dieser konfusen Darstellung erhellt sich erst vor dem Hintergrund des rechtsextremen ungarischen Diskurses, wie er auch von der Jobbik und ihrem Führer Gábor Vona intensiv gepflegt wird: Demnach stehe Israel vor der Niederlage im Nahostkonflikt, infolgedessen Massen von israelischen Juden in Ungarn angesiedelt werden müssten – die „Auftraggeber” des Buches „Aufmarsch” würden demnach mit der Kompromittierung der ungarischen Patrioten, die sich derlei Plänen widersetzen, das Terrain für die „Massenansiedlung” vorbereiten.

Eine kodierte antisemitische Spitze ritt Kenessey dann auch noch gegen Paul Lendvai, der das Geleitwort zum Buch „Aufmarsch” verfasst hat und bei der Präsentation in Zürich mit am Podium saß. O-Ton Kenessey: „Paul Lendvai, der von sich selbst sagt, dass er aus Kosice (ung. Kassa, dt. Kaschau, slowakische Stadt, die zum historischen Ungarn gehörte, d. Red.) stammt  …Gut, das ist sehr schön und gut, aber wo wer geboren ist, hat so weit überhaupt keine Bedeutung.” Auch er sei einer, der – wie Bernhard Odehnal und Gregor Mayer – Ungarn „berufsmäßig” anschwärze.»

Erschienen auf der Homepage des Residenz Verlags, Österreich

«Volkshetze»: Ungarn wollen Buchpräsentation stören

Tuesday, November 9th, 2010

Der Weltbund der Ungarn stört sich an einer Buchpräsentation im Kaufleuten. Der Schweizer Ungarn-Ableger bemüht Nazi-Vergleiche und spricht von «Volkshetze». Grund: Buchautor Paul Lendvai thematisiert die rechtsradikalen Tendenzen Ungarns.

von Christian Bütikofer

In der Stadt Zürich wird heute im Kaufleuten eine Buchpräsentation durchgeführt. Der Publizist und politische Kommentator Paul Lendvai wird über sein neues Buch «Mein verspieltes Land: Ungarn im Umbruch» reden.

Er thematisiert darin den Umbruch Ungarns vom demokratischen Musterschüler Europas zu einem Land, in dem Rechtsradikale eine immer grössere Rolle spielen. Und er geht den Gründen nach, warum rassistische und antisemitische Töne in den Medien zunehmen.

Die Buchpräsentation wird vom «Tages-Anzeiger» organisiert.

«Ungarnfeindliche Volkshetze»

Jetzt laufen Ungarn-Schweizer der Schweizer Sektion des «Weltbunds der Ungarn» (MVSZ) gegen den Diskussionsabend Sturm. MVSZ-Schweiz-Vertreter Csaba Kenessey schreibt in einer Pressemitteilung, Lendvai sei «seit vielen Jahren als Hetzer gegen das ungarische Volk bekannt.» Darum würde man heute eine «Pressekonferenz» anlässlich der Buchbesprechung abhalten.

Kenessey bezichtigt den «Tages-Anzeiger», er würde seit vielen Jahren «unwahre» und «ungarnfeindliche» Attacken gegen das «freiheitsliebende Volk der Ungarn» reiten. Weiter ereifert er sich, die Zeitung würde seine Leser aggressiv irreführen, die Ungarn verleumden und das Schweizer Volk gegen die Ungarn «aufhetzen».

Problem mit kritischen Journalisten

Kenesseys Problem scheint zu sein, dass Tages-Anzeiger-Korrespondent Bernhard Odehnal und sein Kollege Gregor Mayer das vielbeachtete Buch «Aufmarsch: Die rechte Gefahr aus Osteuropa» verfassten, in dem Ungarn nicht eben als positives Beispiel auftauchte.

Mayer zeigte etwa, wie die eigentlich verbotene paramilitärische Gruppe «Ungarische Garde» gemeinsame Sache mit der rechtsradikalen Partei Jobbik macht.

Der Juden-Vergleich

Kenessey fühlt sich an die «Nazi-Zeit» erinnert und vergleicht das Schicksal der Ungarn mit jenem der Juden: Wie damals, «als für alle Schandtaten die Juden benannt und herangezogen» worden seien, müssten nun die Ungarn als «Übeltäter» für alle «Schandtaten» herhalten: «Das ist eine Verleumdung, eine hetzerische Aktivität, welche bisher in der Schweiz nicht angetroffen wurde.»

© Aargauer Zeitung, 09.11.2010