Archive for the ‘Adressbuchschwindel’ Category

Pokerverbot ärgert Adressbuchschwindler

Wednesday, June 2nd, 2010

Professionelles Pokern ist nur noch in den 19 konzessionierten Schweizer Spielbanken erlaubt. Dies hat das Bundesgericht entschieden: Gewerbliche und öffentliche so genannte «Texas Hold’em»-Turniere dürfen nur noch von Spielbanken angeboten werden, die über eine Lizenz des Bundes verfügen. Nicht öffentliche «Texas Hold’em»-Pokerspiele im Freundes- oder Familienkreis sind weiterhin legal.

Bundesgericht: Pokern ist ein Glücksspiel

Das Bundesgericht musste entscheiden, ob sogenannte «Texas Hold’em»-Pokerturniere als Glücks- oder als Geschicklichkeitsspiele gelten. Der Unterschied ist darum wichtig, weil Glücksspiele  dem Spielbankengesetz unterstehen und nur mit einer Konzession gewerblich betrieben werden dürfen.

Geschicklichkeitsspiele aber fallen in die Zuständigkeit der Kantone und sind in der ganzen Schweiz auch nicht-konzessionierten Betrieben erlaubt.

Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) hatte «Texas Hold’em»-Pokerturniere im Dezember 2007 als Geschicklichkeitsspiele eingestuft, was das Bundesverwaltungsgericht im Juni 2009 bestätigte. Dies hatte zur Folge, dass private Poker-Casinos in der Schweiz wie Pilze aus dem Boden schossen.

Gegen den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts gelangte der Schweizer Casino Verband ans Bundesgericht – und hatte Erfolg. Es kippte das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (B-517/2008) vom 30. Juni 2009.

Untaugliche Tests vom ESBK

Interessant ist die Begründung des Bundesgerichts: Es hielt fest, dass die ESBK zwar durchaus befugt ist, als Fachinstanz zu prüfen, ob ein Spiel als Glücksspiel oder als Geschicklichkeitsspiel gilt. Aber die von ihr durchgeführten Test-Spielreihen seien nicht geeignet gewesen, zu belegen, dass bei den geprüften «Texas Hold’em»-Pokerturnieren die Geschicklichkeitselemente die Zufallselemente des Spieles überwiegen.

Die ESBK hat unterdessen fast alle Einträge zum Thema von der Website gelöscht – dank Google findet man die Seiten aber nach wie vor.

Aus für hunderte Firmen und Personen

Neben hunderten anderen ging auch Martin Blöchliger-Bortolini alias Martin Bortolini unter die Texas-Poker-Spieler. Er ist einer der bekanntesten Schweizer Adressbuchschwindler: Mit Firmen wie der B und P Dienstleistungen GmbH zockten er und sein Kumpan Marc Peter Christoffel Jahr für Jahr mit kostenpflichten «Gratis»-Einträgen für Branchenbücher Unternehmer ab und verdienten sich damit eine goldene Nase.

Martin Blöchliger-Bortolini gründete auch die Swiss Poker AG, die in Pfäffikon ebendiese «Texas Hold’em»-Turniere «täglich» veranstaltet.

Mit dem aktuellen Bundesgerichtsurteil dürfte für Blöchliger-Bortolinis Entourage diese Geschäftsdiversifizierung nun wegfallen. In der «Zürichsee-Zeitung» lässt er sich am 3. Juni vernehmen:

«Die Fristlosigkeit des Entscheids hat uns alle sehr überrascht. Für die Mitarbeiter ist das eine überaus tragische Entwicklung.» Blöchliger gibt sich kämpferisch und betont, dass bis anhin die Bewilligung für seinen Betrieb nicht widerrufen worden sei. Klar sei, dass man den Entscheid des Bundesgerichts als letzte Instanz nicht anfechten könne. Es bleibe höchstens der Gang vor den Europäischen Menschengerichtshof in Strassburg. Schliesslich könne einem niemand das Recht auf das Pokerspiel absprechen.
Coop-Gutscheine statt Geld

Der Gang nach Strassburg? Da bin ich mal gespannt, wann Markus Blöchliger-Bortolini fürs Menschenrecht aufs Pokerspiel klagen wird.
Wahrscheinlich versucht er aber eher eine andere, billigere Methode: Die Suche nach Lücken im Gesetz.

Denn für sein Pokercasino bedeute der Bundesgerichtsentscheid nicht das definitive Aus, sagte er der «Zürichsee-Zeitung» heute. Und  gibt gleich bekannt, wie er das Gerichtsurteil umgehen will:

Der Spieler müsse für die Teilnahme am Turnier nichts zahlen. Mittels Sponsoren würden Preisgelder aufgetrieben, die der Sieger in Form von Coop-Einkaufsgutscheinen erhalte. Sobald weitere rechtliche Fragen abgeklärt worden seien, werde man versuchen, die Gutscheine mit Bargeld zu ersetzen.

Interessant dürfte sein, was Coop zu dieser kreativen Idee meint. Im Laufe des Tages dürfte ich bald mehr wissen.

Bundesgerichtsentscheid 2C_694/2009

Bundesverwaltungsgericht Zwischenentscheid 18. März 2008

Bundesverwaltungsgerichtsentscheid (B-517/2008)

Riesenschwindel: So dreist geht eine Adressbuch-Bande vor

Tuesday, May 11th, 2010

Patrick O. Hewer will nicht «Adressbuchbetrüger» genannt werden. Er ging deshalb gegen einen Solothurner Lehrer vor Gericht – und verlor. Recherchen der Aargauer Zeitung zeigen: Hewer gehört zu einem Ring, der sich mit irreführenden Branchenbuch-Formularen seit Jahren eine goldene Nase verdient.

Christian Bütikofer

Der gebürtige Deutsche Patrick O. Hewer (40) betreibt so genannten «Adressbuchschwindel»: Seit Jahren verschickt er von der Schweiz aus vornehmlich an deutsche Unternehmen irreführende Formulare für einen Eintrag in verschiedene Adressbücher. Dabei täuscht er geschickt vor, die Einträge seien gratis.

Im Kleingedruckten versteckt sich dann die Hauptsache: Das Formular ist eigentlich ein «Vertrag». Dazu kostet er horrende 1000 Franken für zwei Jahre und ist im Vergleich mit seriösen Branchenverzeichnissen völlig überrissen. Weigern sich die Geneppten zu zahlen, droht ihnen Patrick Oliver Hewer frech mit Klagen.

«Rechtsmissbrauch als Geschäftsidee»

Einem Solothurner Lehrer warf Hewer vor, ihn im Internet zu verunglimpfen. Er verklagte ihn und wollte ihm verbieten, Begriffe wie «Adressbuchbetrüger» oder «Rechtsmissbrauch als Geschäftsidee» zu gebrauchen.

Hewer verlor auf der ganzen Linie, das Solothurner Obergericht gab dem Lehrer in allen Punkten Recht. Das 14-seitige Urteil liegt der Aargauer Zeitung vor. Es ist rechtskräftig, wie Hewers Anwalt bestätigte. Gegenüber der AZ wollte Hewer keine Stellung nehmen.

Gegen den Solothurner strengte Hewer zusätzlich ein Verfahren wegen Persönlichkeitsverletzung an. Es ist noch hängig.

Unglaubwürdige Behauptungen

Vor dem Richter liess Patrick Oliver Hewer seinen Anwalt erklären, er halte die Standesregeln des Schweizerischen Adressbuchverbandes SADV ein. Dieser Verband nimmt nur seriöse Adressbuch-Unternehmen auf. Leider könne er dort aber nicht Mitglied werden, weil er sich hauptsächlich in Deutschland geschäftlich betätige.

Die Richter sahen dies allerdings anders und liessen sich von Hewers Argumenten nicht überzeugen. Das Solothurner Obergericht stützte sich bei der Beurteilung der Klage auch auf einen wegweisenden Entscheid des Bundesgerichts von 2007. Es hat den Begriff «Adressbuchmafia» in einem ähnlichen Fall für nicht unnötig verletzend befunden.

Thurgau als Hinterhof für Millionen-Abzocke

Recherchen der Aargauer Zeitung zeigen: Hewer ist seit Jahren mit seinen Formularen unterwegs. Die Schweiz nutzt er sei mindestens 2006 als Rückzugsgebiet für die Gaunereien in Deutschland. In Sichtweite des deutschen Rheinufers schlug er im thurgauischen Ermatingen seine Zelte auf, jetzt hat er sich im Nachbardorf ein Haus gekauft.

Von dort betreibt er mit seinen ebenfalls im Thurgau lebenden deutschen Kumpanen Doris Fraccalvieri (42) und Albert Grünbeck (47) Unternehmen, die sich vor allem auf eins spezialisieren: Adressbuchschwindel im grossen Stil. Drei der Unternehmen stehen in Kreuzlingen, gleich an der deutschen Grenze.

Offenbar brummt der Laden: In einem dritten Gerichtsverfahren, das Hewer ebenfalls anstrengte, beklagte er sich über einen Schaden von «mindestens 600‘000 Euro», der ihm durch die Enthüllungen im Internet entstanden sei.

«tagesanzeiger.de» reserviert

Neben Solothurn und dem Thurgau hat es Hewer auch Zürich angetan. So betreibt eine seiner Firmen die Webseite Zuerichinfo.com. Um dem Auftritt einen offiziellen Anstrich zu geben, peppte man die Seite dreist mit dem stilisierten Wappen der Stadt Zürich auf – das dürfen nur öffentliche Ämter.

Auch sonst scheint Hewers Umfeld das Spiel mit dem Feuer zu lieben. Es reservierte die Domain tagesanzeiger.de. Klagte Tamedia auf Herausgabe des Namens, würden für Hewers Kumpel auch dort die Chancen auf Erfolg schlecht stehen, wie diverse internationale Urteile zum Thema Domain-Markenschutz zeigen.

Mehr: Bundesgerichtsentscheid 2007

Mehr: Broschüre Adressbuchschwindel des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco)

Mehr: Ehrenkodex des Schweizer Adressbuch- und Datenbankverleger-Verband SADV

Mehr: Deutscher Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität (DSW)

© Aargauer Zeitung Online, 11.05.2010

 

Adressbuchschwindler nutzt Popularität von Google aus

Friday, January 1st, 2010

Christian Bütikofer

Die englische Firma Yellow Publishing verschickt derzeit massenhaft Faxe mit der Aufmachung «Datenmeldung an www.google.ch» und wirbt mit dem prominenten Begriff Google für ein wertloses Adressenverzeichnis. Der Insertions-«Auftrag» von über 2100 Franken ist im Kleingedruckten versteckt. Hintermänner versuchen jeweils, die «Forderungen» einzutreiben. Durch zwischengeschaltete Unternehmen in der Schweiz, Spanien, England, Liechtenstein, den Niederlanden, Österreich und Deutschland glauben sie, unerkannt zu bleiben. Recherchen des TA zeigen aber, dass das Umfeld von Frank Mendelssohn dahintersteckt.

Der Hamburger Messeveranstalter ist ein Adressbuchschwindler der ersten Stunde, wie Interpol-Dokumente zeigen. Seit den 90er-Jahren zockt er mit seiner Firma Eurecom weltweit Firmen ab. Danach versuchte er, die Datensätze seiner «Kunden» nochmals durch den Verkauf einer CD-ROM zu Geld zu machen. 1992 wurde das Insertionsformular der Eurecom von Mendelssohn und seinem Partner Günter S. vom Hamburger Landgericht als irreführend erkannt. Für Wirbel sorgte Mendelssohn in den 90er-Jahren in Dänemark, als er seine Schwindelverträge durch das renommierte Unternehmen Dun and Bradstreet (D & B) einzutreiben versuchte. Nachdem der Fall publik geworden war, legte die Firma ihr Mandat nieder.

Als es in Deutschland für seine Schwindelgeschäfte zu heiss wurde, zog Mendelssohn in die Schweiz und hob die Eurecom SA sowie die Interbusiness Research Institute AG aus der Taufe, die er über die Cayman-Islands-Firma Unec Ltd. gründete. Lange Zeit leitete Strohmann Ralf Christen (43) weltweit die Geschäfte für Frank Mendelssohn. Dieser wohnt nun auf Palma de Mallorca.

Google-Sprecher Matthias Graf bestätigt, dass Yellow Publishing von Google bereits im Jahr 2008 aufgefordert wurde, den «unlauteren Gebrauch des Google-Logos zu unterlassen». Graf meint weiter: «Diese Anfragen haben in keiner Weise etwas mit Google zu tun, und wir distanzieren uns davon in aller Klarheit.» Google sei daran, den aktuellen Fall zu prüfen; man behalte sich rechtliche Schritte vor.

© Tages-Anzeiger; 18.01.2010

Adressbuch-Schwindler unterliegen vor Bundesgericht

Tuesday, November 3rd, 2009

Christian Bütikofer

Novachannel ködert Kunden mit unlauteren Mitteln, sagt das Bundesgericht. Doch die Hintermänner der Firma sind längst umgezogen.

Jahrelang haute Novachannel weltweit Firmen übers Ohr. Die Firma versandte Formulare für vermeintlich kostenlose Adressbuchverzeichnisse. Der Preis war im Kleingedruckten versteckt, die Konditionen wurden geschickt verschleiert. Für jedes ausgefüllte Formular verrechnete Novachannel dem ahnungslosen Kunden 5000 Franken.

Das Resultat war eine nicht abreissende Flut von Beschwerden ausländischer Opfer beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). 2006 verklagte das Seco die Adressbuchschwindler wegen unlauteren Wettbewerbs. Novachannel verlor vor jeder Gerichtsinstanz, ging aber bis nach Lausanne. Jetzt hat auch das Bundesgericht das Seco gestützt.

Novachannel gehört zu einem Firmenkreis, der seit 20 Jahren aus der Innerschweiz weltweit Firmen mit unlauteren Adressbuch-Formularen eindeckt und mit eigenen Inkassounternehmen zum Zahlen drängt. Das Bundesgerichtsurteil dürfte wegweisend sein. Es hat Signalwirkung für das ganze Adressschwindel-Gewerbe. Ob das lukrative Geschäft mit dem Kleingedruckten damit ausgespielt hat, ist aber fraglich.

TA-Recherchen zeigen: Als Ende 2008 absehbar wurde, dass Novachannels Geschäftsmodell in der Schweiz keine Zukunft hat, wich deren Chef Michael Röwe ins Ausland aus. Die Seco-Klage ist nur eines seiner Probleme. Die Staatsanwaltschaft Luzern ermittelt gegen das Firmengeflecht wegen Betrugs und unlauteren Wettbewerbs. Über Zypern gründete Röwes Umfeld in Portugal die Firma United Directorios. Als Geschäftsführerin amtet Debora Schaer, die Röwe in einem anderen Verfahren als seine «private Sekretärin» vorstellte.

United Directorios hat von der sich inzwischen in Liquidation befindenden Novachannel sämtliche Verträge übernommen. Aus Lissabon versuchen Mitarbeiter erneut, die Opfer des Kleingedruckten zum Zahlen zu animieren. United Directorios will offenbar sogar expandieren – auch in die USA. Mit Webseiten wie «The European Medical Directory» (www.temdi.com oder www.ammedi.com) dürften das ganze von vorne losgehen.

Bundesgerichtsurteil: 4A_106/2009

© Tages-Anzeiger; 03.11.2009

Polizei ermittelt gegen die Adressbuch-Mafia

Friday, August 7th, 2009

Neun Festnahmen und 13 Hausdurchsuchungen: Luzerner Ermittler nehmen sich eines illustren Firmen-Rings an.

Von Christian Bütikofer

Die Luzerner Strafuntersuchungsbehörden haben turbulente Zeiten hinter sich: Nicht weniger als 13 Hausdurchsuchungen ordneten sie in Luzern, Zug, St. Gallen und den beiden Appenzell im Juni an, wie Mediensprecher Simon Kopp gegenüber dem TA bestätigt. Ganze Büros wurden leergeräumt, Server eingezogen, kistenweise Ordner eingesammelt. Neun Personen wurden vorübergehend verhaftet.

Die Firmen Novachannel, Intercable, Ovag, Premium Recovery und Maiwolf Holding werden des Betrugs und des unlauteren Wettbewerbs im grossen Stil verdächtigt. Die einen versenden weltweit Formulare für Adressbuchverzeichnisse, die vorgeben, gratis zu sein – der Preis ist im Kleingedruckten gut versteckt, und der «Auftrag» wird mit verwirrenden Sätzen verschleiert. Dem TA liegen Dutzende solche Formularvarianten vor. Verschickt wurden sie nicht nur an Firmen, sondern auch an Kleingewerbler und gemeinnützige Institutionen. Beim Ausfüllen des Formulars werden langjährige Verträge über 1000 Franken pro Jahr abgeschlossen, und säumige «Kunden» werden mit eigenen international tätigen Inkassobüros massiv zum Zahlen gedrängt.

Pro Jahr verdienen die Firmen damit Millionen, Schweizer Bundesbeamte werden überhäuft mit Klagen verärgerter «Kunden» und fürchten um das Ansehen der Schweiz im Ausland. Die Aktivitäten dieses Geflechts sind der Hauptgrund, warum das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco eine Revision des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb vorantreibt.

Dritte Razzia seit 2005

Bereits 2005 führten die Beamten aufgrund einer Anzeige des Seco im Umfeld dieser Firmen erste Hausdurchsuchungen durch, 2006 wurden dann nochmals Akten beschlagnahmt. Das beeindruckte die Adressbuchschwindler nicht im Geringsten, sie machten weiter wie bisher; geführt wurde der Clan damals vom Hamburger Geschäftsmann Meinolf Lüdenbach.

Die Luzerner Beamten ziehen erst an einem kleinen Faden eines monströsen Firmenknäuels, das schwierig zu entwirren ist. In den über 25 Jahren seines Bestehens gehören oder gehörten weit über 80 Firmen entweder ganz direkt dazu oder dann zum Umfeld dieser Szene, wie Recherchen des TA zeigen. Von Thailand, Singapur bis hin zu Europa, von den USA über Mexiko bis nach Südafrika erstreckt sich das Netz.

Mitte 2008 verbot das Amtsgericht Luzern der Novachannel, ihre irreführenden Formulare weiterhin zu versenden. Wie immer in solchen Fällen nützt der Adressschwindler-Clan alle verfügbaren Instanzen – Novachannel-Boss Michael Röwe appellierte ans Obergericht Luzern. Dieses schmetterte den Rekurs ab; das Urteil liegt dem TA vor. Darin wird verfügt, dass der Entscheid in 28 Ländern in grossen Zeitungen publiziert wird – von Kambodscha bis Peru. Jetzt ist beim Bundesgericht in Lausanne wieder ein Rekurs hängig. Das Anfechten von Urteilen hat Methode: So lange die Urteile nicht rechtskräftig sind, können die Firmen munter weiter Formulare versenden. Immerhin, in Italien, Belgien und Spanien wurden Firmen dieses Geflechts seit 2006 für umgerechnet über 1,8 Millionen Franken gebüsst.

Da der Druck in der Schweiz immer grösser wird, versuchen diverse Firmen dieser Clique seit Ende 2008 im Ausland neue Basen zu errichten. Das Beispiel Intercable zeigt dies exemplarisch: Deren Geschäftsführer Andreas Wittmer besann sich offenbar, in Delaware, USA, eine Holding zu gründen, die in Ungarn die Firma Central European Advertising finanzierte – eine neue Adressbuchfirma. Sie übernahm pro Forma alle «Verträge» der Intercable und verschickte erneut Rechnungen. Praktischerweise fungieren alte Geschäftspartner Wittmers als Strohmänner.

Schlammschlacht gegen das Seco

In Österreich landete das Netzwerk bisher seinen bemerkenswertesten Coup: Unter dem Label Art-X startete man 1998 einen ersten «Erotik-Supermarkt». Inzwischen dominiert diese Sexshop-Kette den Markt. Dieser Erfolg ermutigte offenbar zum Start der Firma Novachannel für ein «internationales Erotikportal im Internet» mit Swinger-Channel, Kontaktanzeigen, Sexshop. Dies in enger Zusammenarbeit mit der Ingolstädter Firma Eye-Net. Geleitet wird diese Firma von Ex-Novachannel-Mitarbeitern. Sie betreiben heute neben einer Partnertausch-Site ein Forum namens «Internetvictims», wo man Kritiker der Adressbuchabzocke durch anonyme Beiträge in die Nähe von Pädophilen und Terroristen rückt. Selbst Rechtsanwälte des Seco versuchte man zu diskreditieren.

Bemerkenswerte Partner

Auch mit Hotelguide.com schaffte man es bis in hohe Sphären. Zu Beginn stand die Firma unter der Kontrolle der Adressbuchschwindler. Nach Aktionärswechseln wurde man bei Luzerner Wirtschaftsgrössen fündig. Unter anderem fungiert Gerry Leumann als Verwaltungsratspräsident – seine Frau Helen Leumann-Würsch ist FDP-Ständerätin. Selbst Verleger der «Basler Zeitung» (Baz) gewann man als Partner: Für kurze Zeit fungierte CEO Beat Meyer als Vertreter im Verwaltungsrat.

Im Gegensatz zu anderen Firmen des Adressbuchkonstrukts, die mit irreführenden Formularen massenhaft Hotels übers Ohr hauten, tauchte der Hotelguide nie direkt als Adressbuchschwindler auf. Allzu koscher ging es wohl aber auch dort nicht zu. So wurde ein «Kundenberater» 2007 vom Obergericht Luzern der mehrfachen Urkundenfälschung für schuldig befunden. Er sollte bei Hotels Anzeigenaufträge für den Hotelguide hereinholen. Dabei unterschrieb er die Verträge der vermeintlichen Kunden gleich selbst.

© Tages-Anzeiger; 07.08.2009 / Der Bund; 07.08.2009

Schwindelverlag gestoppt

Friday, February 20th, 2009

Das Bundesgericht fällte einen wegweisenden Entscheid gegen Adressbuchschwindler. Die betroffene Zürcher Firma hat eine illustre Vergangenheit.

Von Christian Bütikofer

Es war eine Schwindelofferte zu viel. Kurz nachdem Hewlett-Packard (HP) Ende September 2006 im Handelsregister eine Änderung veranlasst hatte, bekam die Firma unerwünschte Post: Die NMC-Register schickte dem drittgrössten Informatikunternehmen der Schweiz eine «Offerte» für knapp 500 Franken für einen Eintrag ins «NMC-Register für Handel und Industrie» – samt Einzahlungsschein.

NMC-Register spekuliert darauf, dass die angeschriebenen Firmen meinen, eine Rechnung des offiziellen Handelsregisters vor sich zu haben, und zahlen. Als ein HP-Anwalt den Abzockversuch bemerkte, erstattete er gegen NMC Strafanzeige wegen unlauteren Wettbewerbs (UWG). Das Zürcher Obergericht verurteilte NMC wegen unlauteren Wettbewerbs, doch die Firma focht den Entscheid vor Bundesgericht an. Im Oktober 2008 entschied dieses, dass NMC mit ihren Formularen gegen das UWG verstossen hat. Das Urteil ist wegweisend, denn alle Adressbuchschwindler, die in oder aus der Schweiz auf Kundenfang gehen, können mit ihm angegangen werden. Der Schweizer Adressbuch- und Datenbankverleger-Verband (SADV) bereitet gegen Adressbuchschwindelverlage nun Musterklagen vor.

NMC betrieb die Abzocke seit 1986. Strohmänner fungierten als Verwaltungsräte. Heimliche Inhaber der NMC waren der inzwischen verstorbene Rechtsanwalt Joseph A., A. Agterberg und der Österreicher Helmut A. Turetschek, 61, über Firmen in Panama und England. Joseph A. diente weiteren Schwindelverlegern: Er startete das Institut für Wirtschaftspublikationen IfWP in Lachen SZ und die Zürcher RRV-Register- und Registerkataloge-Vertriebs-AG. Die Firmen gründete er mithilfe liechtensteinischer Anstalten, die zum Umfeld des Tessiner Financiers Tito Tettamanti und seiner damaligen Treuhandfirmengruppe Fidinam gehörten, wo Joseph A. das Handwerk gelernt hatte.

Sekretärin plünderte Tresor

Bei NMC wurde Joseph A. mit der Zeit Mehrheitsaktionär. Der Erfolg weckte bei einigen Begehrlichkeiten: 1990 musste der Rechtsanwalt feststellen, dass sich seine Chefsekretärin am Banksafe der Kanzlei gütlich getan und unter anderem 31 Inhaberaktien der NMC entwendet hatte.
1996 geriet Joseph A. in die internationalen Schlagzeilen: Er besorgte einem Geschäftsmann in Brüssel eine Briefkastenfirma, über die Technologien zum Bau einer Giftgasfabrik illegal aus Deutschland nach Libyen vermittelt wurden.

In der gleichen Zeit gab Joseph A. die NMC an seinen damaligen Geschäftskollegen Pius O. Gasser, 42, ab. Und es entstand eine weitere Adressbuchschwindelfirma: Personen aus dem NMC-Umfeld gründeten im Aargau die GHI Register und Publikationen, die täuschend ähnliche Formulare verschickt wie die NMC.

Im Urteil des Zürcher Obergerichts, das dem TA vorliegt, gab Gasser zu Protokoll, er sei «seit 1996 nie für seine Geschäftstätigkeit strafrechtlich belangt worden» und leitete davon ab, seine NMC-Abzocke sei legal. So beflügelt, plante er offenbar zu expandieren. Über Offshorefirmen auf den Britischen Jungferninseln liess er drei weitere Adressunternehmen gründen. Als Verwaltungsrat setzte er eine damals 20-jährige Verkäuferin ein. Heute mischt Gasser in der internationalen Modeszene mit und führt das Treuhandbüro Phoenix Capital. Motto: «Stärke, Vertrauen, Stolz».

Ein von der NMC beauftragter Jurist gab dem TA zu verstehen, dass die Firma diverse Änderungen im Design des Formulars vorgenommen habe, sodass «eine Verwechslungsgefahr gebannt [ist] und die Gestaltung nicht mehr offiziell wirkt».

Bundesgerichtsurteil: 6B_272/2008/sst

Im Web werden unerwünschte Personen weggemobbt

Friday, December 12th, 2008

Web-Mobbing gibts in vielen Facetten. Nicht nur Jugendliche sind Täter und Opfer, auch erwachsene Profis mischen mit. Wer jedoch meint, das sei allein die Schuld des Internets, der irrt.

Von Christian Bütikofer

Wenn Jugendliche einander übers Internet mit Wörtern und Bildern fertigmachen, wenn sie sich in Community-Portalen wie Facebook mitteilen, dass sie ihre Lehrer am liebsten «mit der Eisenstange» verprügeln möchten, dann ist der Begriff «Internetmobbing» oder «Cyberbullying» sofort in aller Munde. Das Phänomen bekam in letzter Zeit in den Medien immer mehr Platz. Meist darum, weil es als «neu», «überraschend», als typisches Phänomen der Jugend und des Mediums Internet aufgefasst wurde.

Ist diese Art Pöbelei neu und etwas Typisches fürs Internet? Ist es erwiesen, dass Cyberbullying zunimmt und mehr ist als das bisher übliche Schikanieren auf dem Pausenplatz? Bleibt Internetmobbing den Jungen vorbehalten, können das Alte nicht genauso? Zwei Fälle zeigen exemplarisch, womit Cyberbullying zusammenhängt.

Lauren ist eine Oberstufenschülerin aus Texas und leidet an multipler Sklerose. Über ein Forum und bei sich zu Hause wurde sie über längere Zeit schikaniert. Im Web machten sich ihre Peiniger mit dem Titel «Lauren ist eine fette Kuh. Muh, du Schlampe» über ihre Krankheit und ihre Übergewicht lustig. Zugleich wurde ihr der Tod gewünscht. Das war den Mobbern aber noch lange nicht genug. Jemand beschädigte ihr Auto und spritzte Säure gegen ihre Wohnung.

Wegen eines noch krasseren Falls begann in den USA dieser Tage ein Prozess wegen Internetmobbings. Die Angeklagte Lori D. kontaktierte 2006 eine an Depressionen und Übergewicht leidende Ex-Kollegin über die Community-Plattform My Space mit einem erfundenen Profil eines Jungen namens «Josh». Lori D. alias Josh begann mit der Ex-Kollegin zu flirten, machte ihr über längere Zeit grosse Hoffnungen und brach dann die virtuelle Beziehung abrupt ab. Die letzte Botschaft von «Josh» ans Opfer: «Die Welt wäre besser ohne Dich.» Und: Sie sei fett und eine Schlampe. Am selben Tag erhängte sich das Mädchen. Wie sich herausstellte, war nicht nur Lori D. Teil dieses lausigen Spiels, auch deren Eltern mobbten fleissig mit.

Das Web ist ein Verstärker

Beide Geschichten weisen darauf hin, dass Internetmobbing zumeist einen realen Hintergrund hat – und nicht einfach so durchs «böse» Internet entsteht. So zeigt eine 2006 von Harris Interactive für das amerikanische National Crime Prevention Council durchgeführte Studie über Cyberbullying, dass 77 Prozent der Opfer ihre Peiniger kannten. Das ursächliche Problem scheint nicht das Medium Internet zu sein, sondern die asozialen Peiniger.

Aber durch das neue Medium hat ihr Tun mehr Wirkung: Im Web wird so jeder regionale Konflikt global. Jeder kann zuschauen, das Opfer wird vor der ganzen Welt gedemütigt – die Quälgeister können ihre Opfer vor mehr Personen nötigen als früher auf dem Pausenplatz, die Schikanen aber bleiben gleich. Das Internet hat die Sache verkompliziert: Mehr Jugendliche als früher stehen dem eigentlich alten Problem des Gehänselt-Werdens vor dem Computer allein gegenüber. Nur 10 Prozent der Opfer erzählen ihren Eltern laut der zitierten Studie überhaupt von ihren negativen Onlineerfahrungen – sei es, weil sie sich schämen oder weil ihre Eltern von diesem Medium keine Ahnung haben.

Studien legen nahe, dass Bullying mithilfe digitaler Medien ein zunehmendes Phänomen ist. Die bereits erwähnte Studie von Harris Interactive etwa zeigt, dass mindestens 43 Prozent der befragten Teenager zwischen 14 und 17 Jahren schon einmal Opfer virtueller Belästigungen waren, wobei mehr Mädchen betroffen waren als Knaben (51 zu 37 Prozent). Davon abzuleiten, es gäbe durchs Internet mehr solche Fälle als bisher, ist jedoch nicht zulässig, die Daten dazu fehlen. Und diese zwei krassen Fälle zeigen auch nicht das wahre Gesicht des Internets, sondern es zeigt uns, wie verächtlich Menschen miteinander umgehen.

Erwachsene sind nicht besser

Unbestritten ist: Beim Thema Cyberbullying bedarf es dringend der Aufklärung. Im Unterschied zu Europa existieren in den USA bereits diverse Aufklärungskampagnen, zum Beispiel auf www.ncpc.org, der Webseite des National Crime Prevention Council. Der Fall von Lori D. zeigt zudem, dass man sich nicht nur über unreife Jugendliche Gedanken machen muss, sondern auch welche Rolle die Erwachsenen im Onlineleben ihrer Sprösslinge spielen und wie sie selbst miteinander umgehen – nicht nur im Web.

Am 24. Oktober 1989 verschluckte Umweltfachmann Werner H. beim Zmorge fast sein Gipfeli, wusste der «Blick» zu berichten. Werner H. las in seinem Leibblatt seine eigene Todesanzeige. Der engagierte Umweltschützer legte sich mit regionalen Aargauer Wirtschaftsgrössen an, kritisierte Bauprojekte. Ein Einzelfall? Pascal D. durfte diesen Juni dieselbe Erfahrung machen, gleich in vier Zeitungen. Sein Vergehen? Er sah, wie sein vormals bester Kumpel seine Freundin schlug. Pascal D. riet ihr zur Anzeige. Da rastete der Übeltäter aus, schickte zuerst x Droh-SMS, dann buchte er die gefälschten Todesanzeigen.

Es «primitivelt» bei Erwachsenen ganz gewaltig, nicht erst seit dem Internet, mit viel Fantasie und überaus deftig. Ein Blick ins Zwischenmenschliche gibt weiteres Anschauungsmaterial: In England bot dieses Jahr ein gehörnter Ehemann seine Frau auf Ebay zur Versteigerung an und nannte sie eine Nutte. In den USA musste diesen August ein Kadermann der Credit Suisse den Sessel räumen, weil ihn der Ex-Mann seiner neuen Freundin auf Schritt und Tritt im Web als reichen Lüstling bezeichnet hatte.

Es gibt einige Theorien, wie es zu solchen Exzessen kommt. Die Wichtigste ist die des «Enthemmungseffekts». Wie man in vielen der Beispiele sieht, agieren die Aggressoren anonym, ob online oder offline. Durch eine (scheinbare) Anonymität fühlen sich viele Menschen zu solchem Verhalten ermutigt. Dies wird noch dadurch begünstigt, dass im Internet eine Autoritätsbehörde fehlt.

Deutsche Profi-Porno-Mobber

Neben den besprochenen laienhaften Internetmobbern mit persönlichen Motiven gibt es aber noch eine weit unterschätzte Gruppe: die der professionellen Cyberbullys im Internet. Ihr Ziel sind meist politisch aktive Personen, nicht genehme Journalisten und Staatsbeamte.

Margrit G. engagiert sich seit Jahren gegen illegale Bauten auf dem Zürcher Uetliberg. Seit der betroffene Hotelier sie auf einem Plakat namentlich nannte, kommt sie in einer rechtskonservativen Webseite zu Ehren – dort wird sie anonym als Ökofaschistin verunglimpft, und die Leser werden aufgefordert, man soll ihr «die Meinung sagen». Anschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse veröffentlichen die digitalen Schmutzfinken gleich mit.

Weit übler erging es dem deutschen Journalisten P. Auf seiner Webseite veröffentlichte er Recherchen über internationale Adressbuchschwindler. Die verstecken hohe Kosten im Kleingedrucktem ihrer Verträge für wertlose Adressbücher. So zocken sie pro Jahr Millionen Franken ab. Nicht lange und einige Exponenten dieser Adressbuchmafia schickten seinen Nachbarn Briefe, mit dem Inhalt, P. sei ein Pornoproduzent. Die Zettel waren mit übelsten Hardcore-Bildern garniert. Damit nicht genug. Die virtuellen Mobber stellten Webseiten ins Netz, die jener des Journalisten glichen und eine ähnliche Adresse besassen. Auf den Fälschungen befanden sich Tierpornobilder.

Daneben klagten verschiedene in dieser «Branche» tätige Firmen den Journalisten ein, auch in der Schweiz. Hier wollte ihm die Firma Novachannel verbieten, sie unter den Begriffen «Adressbuchbetrüger», «Bauernfänger» und «Unterschriftenerschleicher» zu nennen. Sie klagte ihn in Luzern wegen Persönlichkeitsverletzung und unlauteren Wettbewerbs (UWG) ein. Die Gerichtsinstanzen kamen alle zum Schluss, der deutsche Journalist übertreibe nicht. Novachannel focht den Entscheid an, doch auch das Bundesgericht bestätigte dieses Jahr, Journalist P. habe nicht gegen Schweizer Gesetze verstossen.

Dasselbe Umfeld dieser Szene kühlt nun sein Mütchen auch an einem Rechtsanwalt des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco. Auf einer eigens dafür errichteten Webseite versucht man, ihn zu diffamieren. Der Rechtsanwalt hat die offizielle Aufgabe, gegen diese Schwindelgeschäfte vorzugehen, denn bereits Schweizer Botschaften müssen extra vor solch dubiosen Firmen warnen.

Dokumente, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, zeigen: Das gleiche Umfeld, das hinter der Mobbing-Webseite steckt, wurde von Novachannel unterstützt, zum Teil gleich noch von deren Boss persönlich.

© Tages-Anzeiger; 19.12.2008

Adressenschwindler machen erneut mobil

Monday, December 10th, 2007

Im Ausland kriegen sie Ärger, in der Schweiz verdienen sie sich eine goldene Nase. Zum dritten Mal seit 2001 suchen deutsche Adressbuchschwindler Schweizer Unternehmen heim.

Von Christian Bütikofer

Webclick wird bei Unternehmern bald für ein böses Erwachen sorgen. Die Zuger Firma verschickt derzeit «Offerten» für einen Eintrag in das Branchenregister «Online-Branchenbuch.ch». Die angefragten Unternehmer sollen die Daten prüfen, den Zettel unterschreiben und an Webclick zurückfaxen. Die Krux liegt im Kleingedruckten: Dort sind Folgekosten von über 3000 Franken für die Firmen versteckt, die mitmachen.

Varianten des verwendeten Formulars wurden von deutschen Gerichten mehrfach als irreführend taxiert. Eine Person wurde in erster Instanz wegen gewerbsmässigen Betrugs verurteilt.

Hinter Webclick steckt Herbert Kerler (39). Auch sein guter Freund und Geschäftspartner Ewald Sikler war schon mit der Zuger Intelligent Media mit irreführenden Brieflein aktiv, die 2001 mit Schwindelofferten und dubiosem SMS-Spam für Furore sorgte. Drei Jahre später doppelte er mit einer neuen Zuger Firma und Formularen nach, die in Deutschland und Österreich gerichtlich verboten worden waren.

«Ich hätte da noch ein Anliegen …»

Der gebürtige Rumäne Sikler und sein Kumpel Kerler hatten ein Problem, weil beide im deutschen Ingolstadt leben. Für ihre Schweizer Firma brauchten sie aber eine Person mit Schweizer Wohnsitz. In D. fanden sie den Strohmann. «Ich hätte da noch ein Anliegen, möchte dich um einen Gefallen bitten», wandte sich Sikler an den Beamten. Ob er nicht für 4000 Franken im Jahr als Geschäftsführer amten wolle. Die mache keine grossen Geschäfte, behauptete er keck. Wie sich zeigte, war dies eine schamlose Untertreibung. Denn mit der Zuger Inventaire Pro deckte Sikler ab 2004 die Schweiz mit Schwindelformularen in allen Landessprachen ein.

Bis heute brachten Sikler und Kerler Millionen ihrer Schwindelformulare in ganz Europa und den USA in Umlauf. Der TA ist im Besitz diverser dazu benützter Datenbanken. Für die Schweiz zählte man 380’000 Firmen.

Beispiel Belgien: Die Datenbank für das EU-Land enthielt über 800’000 Einträge. Knapp 5000 der angeschriebenen Firmen reagierten auf die «Offerte», wie eine Analyse der Daten zeigt. Alleine dort läpperten sich für Kerler so Forderungen im Wert von rund 8,6 Millionen Euro zusammen. Solch geschäftlicher Erfolg sorgte für Aufsehen. Der belgische Kleinunternehmer-Verband Unizo ist gegen Kerler zivilrechtlich vorgegangen. Mit der Folge, dass Kerler sein Treiben bis auf weiteres stoppen musste. Auf Anfrage bestätigt Gijs Kooken von Unizo zudem, dass sich der Deutsche 2009 vor einem belgischen Strafgericht wird verantworten müssen.

Ein Unternehmen aus Siklers ehemaligem Umfeld ist in Frankreich ins Visier der Gerichte gekommen und hart bestraft worden. Dort wurde Geschäftsführer S. der Firma Annuaire Pro letztes Jahr zu eineinhalb Jahren Gefängnis bedingt verurteilt und mit 200 000 Euro gebüsst, nachdem er ein deutlich milderes Urteil angefochten hatte. Zudem musste er die Kläger entschädigen. Laut der Nachrichtenagentur AFP versandte S. in Frankreich insgesamt 2,7 Millionen dieser Schwindelofferten. 16’000 Firmen fielen darauf herein, S. kassierte über 6 Millionen Euro.

Die Beispiele aus Belgien und Frankreich zeigen: Im Ausland gehen Behörden und Selbstregulierungsorganisationen immer wieder gerichtlich gegen Adressbuchschwindler vor. Ursprünglich wollte auch der Verband der seriösen Schweizer Adressbuch- und Datenbankverleger SADV in der Schweiz gegen Sikler juristisch vorgehen. Geschehen ist bisher jedoch nichts.

Der Verband, der Branchenschwergewichte wie Orell Füssli, Publimag oder die Swisscom zu seinen Mitgliedern zählt, setzte bisher nur auf Prävention. Das ist billiger. Aber geradezu eine Einladung für Abzocker, in der Schweiz Millionen zu erschleichen.

Wundersame Geldvermehrung

Ein solches Angebot nimmt Siklers Umfeld gerne an – und diversifiziert. Wenn sich Sikler und Kerler auf Offertentour begeben, bedienen sie sich jeweils handgestrickter Webseiten. Recherchen zeigen, dass dabei das Umfeld der rumänischen Firma Jem Media (Jvi Media) aus Arad eine zentrale Rolle spielt. Sie gehört zu gleichen Teilen Sikler und dem 35-jährigen Kroaten Jasmin Valentic. Mit der Firma bleiben auch die Erträge der Internetdienstleister elegant im eigenen Kreislauf.

Passwort: «0Stress4Success»

Sikler hat in seiner Karriere im Internet schon allerlei probiert. «0Stress4Success» hiess eines seiner Passwörter. Das Motto «Mit null Stress zum Erfolg» scheint sein bevorzugtes Geschäftsmodell zu sein, was eine weitere Webseite nahe legt. Der TA ist im Besitz der Dateien für die Internetseite www.zarobek-pl.com, die auf Siklers Server lagerte und heute für ein Geschäftsmodell wirbt, das einem Schneeballsystem nicht unähnlich ist.

Auf Zarobek soll man in kurzer Zeit locker 30’000 Euro verdienen – indem man «mit einem grossen Lächeln auf dem Gesicht» an eine anonyme E-Mail-Adresse mal schnell 10 Euro einzahlt. Denn: «Es ist ein Gesetz des Universums, dass wir zuerst geben müssen, um zu empfangen», steht da geschrieben.

Zarobek-Webseiten sind für das Deutsche, Englische und Polnische vorgesehen. Nachdem der TA diese Webseite abgefangen hatte, flatterten bei Sikler für genau diese drei Sprachen Dateien mit mehreren Millionen E-Mail-Adressen herein. Der Verdacht liegt deshalb nahe, dass Zarobek über Spam beworben wurde.

Auch von der US-Firma Eve Eagle wurde gespamt. Sikler hostete die Webseite von der Briefkastenfirma Eve Eagle aus dem amerikanischen Bundesstaat Delaware. Deren Spezialität: Massen E-Mail- und SMS-Versand sowie das Scannen von Mobilfunknetzen, um an gültige Handynummern zu gelangen. Auch das Bundesamt für Kommunikation kennt Eve Eagle. Es leitete 2004 gegen die Firma ein Nummernwiderrufsverfahren ein. Sikler und Kerler wollten sich gegenüber dem TA nicht äussern.

© Tages-Anzeiger; 10.12.2007

Kripo besucht Zuger Web-Verlag

Monday, October 9th, 2006

Die Kriminalpolizei Luzern ermittelt gegen Internet-Adressbuchverlage. Jetzt weiten die Beamten nach einem Jahr ihre Untersuchung auf einen illustren Zuger Verlag aus.

Von Christian Bütikofer

Das Haus in Hünenberg ZG hat Tradition. Seit 1979 ist Intercable «ein renommierter Schweizer Verlag» mit einer «Geschichte, auf die er stolz sein darf». Am 20. Juni bereicherte er seine Firmengeschichte um ein weiteres Kapitel: Frühmorgens fuhr die Polizei vor dem roten Geschäftshaus im Hünenberger Industriequartier vor; Teams der Kripo Zug und Luzern führten bei der Intercable gemeinsam eine Aktensicherstellung durch.

Intercable gehört zum Umfeld des Hamburger Kaufmanns Meinolf Lüdenbach, gegen dessen weitere Adressbuch- und Inkassofirmen Novachannel (LU), OVAG International (LU) und Premium Recovery (ZG) die Luzerner Kripo seit einem Jahr ermittelt. Der Verdacht: unlauterer Wettbewerb im grossen Stil. Mit der Aktion in Hünenberg erweitert die Luzerner Kripo ihre Untersuchungen, die sie vor einem Jahr auf Grund einer Anzeige des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) startete.

Meist gehen die Verlage mit Formularen für Einträge in Internetadresskataloge weltweit auf Kundenfang. Im klein Gedruckten sind geschickt formuliert horrende Gebühren für mehrjährige Verträge versteckt (über 1000 Franken pro Jahr), welche die erwähnten Inkassofirmen seit den 90er-Jahren weltweit mit massivem Druck und Prozessdrohungen eintreiben.

Geführt wird Intercable heute durch Adrian Wittmer. Er gründete auch die international tätige Werbefirma WSE Media AG aus Meggen mit. Zur laufenden Untersuchung will sich Wittmer nicht äussern, er ist aber davon überzeugt, dass die erhobenen Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehren und dass dies, sollte es überhaupt dazu kommen, auch gerichtlich festgestellt würde.

Millionen erzielt – Interpol am Hals

Wie dem TA vorliegende Gerichtsdokumente aus Frankreich belegen, führte das Geschäftsgebaren von Intercable im Verbund mit Adressbuchverlegern aus Österreich bereits in der Vergangenheit zu einer gross angelegten Interpol-Untersuchung. In den Gerichtsdokumenten ist von «Betrug» und «Irreführung» zwischen 1979 und 1990 die Rede. Intercable existierte offiziell von 1975 bis 1988 nur in Hamburg, erst dann brach man im Norden die Zelte ab und emigrierte nach Zug. Adrian Wittmer sind die Vorfälle in Frankreich nicht bekannt. Er sagt: «Ich leite die Firma nun seit 1995. Von einer Interpol-Untersuchung mit Prozess in Frankreich, die über 20 Jahre her sein soll, habe ich noch nie etwas gehört.»

Laut den Dokumenten waren die Adressbuchverleger «mindestens in zwölf Ländern aktiv gewesen» und: «Im Falle von Frankreich ist die Ähnlichkeit mit den Rechnungen der PTT (später France Télécom) offensichtlich.» Gemäss den vorliegenden Akten stellten französische Gerichte fest, «dass die Telefonbücher in mehreren Fällen, in denen die Einträge hätten erscheinen sollen, entweder gar nicht oder sehr spät veröffentlicht oder in Gegenden verteilt wurden, wo das Interesse für den Besteller der Einträge nicht mehr bestand». Man liest Sätze wie: «Gewisse Telefonbücher mit gleichem Inhalt wurden im Namen verschiedener Firmen veröffentlicht.» Und weiter: Die Darstellung der Formulare bewirke «eine Irreführung des Adressaten über den Gegenstand der Leistung».

Damals gingen die Unternehmen mit offiziell aufgemachten Rechnungsformularen für Telefon- und Telefaxbücher auf Kundenfang; heute setzt man die Kosten meist ins klein Gedruckte und weicht aufs Internet aus. Intercable war eine von vielen weiteren Firmen aus Hamburg und Wien mit Ablegern in der Schweiz und Liechtenstein. Allein in Frankreich erzielte Intercable zwischen 1981 und 1983 1,8 Millionen Francs an Einzahlungen.

Nicht nur in Frankreich wurde Intercable den Strafbehörden schon früh bekannt. In einem Protokoll über eine Einvernahme vom August 1990 wird Intercable im Zusammenhang mit einem weiteren Schweizer Adressbuchverlag erwähnt: Der damals zuständige Zuger Untersuchungsrichter Thomas Hildbrand befragte eine Person «in Sachen Int-Verlag AG», wer denn für diese Firma die Bücher drucke. Antwort: Man hätte einen Publikationsvertrag mit Intercable. Der Int-Verlag kam laut einem Pressebericht von «24heures» ebenfalls in Frankreich ins Visier der Justiz, weil er ähnliche Formulare versandte.

Gefängnis, international gesucht

Nach intensiven Interpol-Ermittlungen wurden 1994 die ersten zwei Intercable-Geschäftsführer aus Hamburg wegen Betrugs zu je zwei Jahren Gefängnis und einer Busse von je 1 Million Francs verurteilt. Mit ihnen wurden vier weitere Adressbuchverleger aus Österreich zu Gefängnisstrafen bis zu vier Jahren und Geldbussen bis zu 2,5 Millionen Francs verurteilt – einige gleich mehrfach. Gegen viele dieser Geschäftsmänner existierte ein internationaler Haftbefehl.

Laut schriftlicher Auskunft der französischen Behörden appellierten nur die beiden ersten Intercable-Bosse in Frankreich und wurden 1996 aus formellen Gründen freigesprochen.

15 Jahre Genfer Geschäfte

Einer dieser Geschäftsführer war der Hamburger Dieter Bahnsen. Wie Meinolf Lüdenbach machte auch er sich Anfang der 90er-Jahre in die Schweiz auf und gründete in Genf ein neues international tätiges Adressbuchunternehmen – laut verschiedenen unabhängigen Quellen kennt man sich aus gemeinsamen geschäftlichen Hamburger-Zeiten.

In Genf gründete Dieter Bahnsen 1991 die Euco Data SA; in Spanien entstand später ein Firmenzwilling, die Euco Data España SA. Wieder wurden weltweit Firmen mit Adressbuchformularen eingedeckt. Die Methode wirkte offenbar: Für 1995 wies die Euco Data einen Bruttogewinn von über 800 000 Franken aus.

Ein ganz besonderes Verhältnis pflegte die Firma anscheinend zur Genfer Handelskammer – deren Mitglieder durften sich noch 2003 in Euco Datas «International Trade Information Directory» einschreiben. Heute treffen in der Schweiz vor allem aus Osteuropa Beschwerden über Euco Datas Geschäftsgebahren ein – genau wie bei Intercable.

Schlammschlacht im Internet

Als der TA letztes Jahr öffentlich machte, dass auch Intercable zum Kreis jener Firmen gehört, gegen welche die Kripo Luzern ermittelte, erhielt die Redaktion ein Schreiben von Intercable-Chef Wittmer. Darin wurde subtil nahe gelegt, dass eine Person aus Grossbritannien, welche die Webseite www.stopecg.org betreibt, ein gefährlicher Anarchist sein könnte und sich womöglich mit Waffen beschäftige. Stopecg wehrt sich seit Jahren auch vor Gericht erfolgreich gegen die erwähnten Firmen und hilft hereingefallenen Kleinunternehmen, sich gegen die Inkassomassnahmen zu verteidigen.

Nicht lange, und eine Webseite namens Internetvictims entstand im Internet. Motto: «Will jemand Ihren Ruf ermorden? Wir helfen! Gratis!» Für diese Seite wurde hier im renommierten Konsumentenschutzmagazin «Beobachter» und der Familienzeitschrift «Schweizer Illustrierte» Werbung geschaltet. Auf Internetvictims, die mit Intercable auf den ersten Blick nichts zu tun hat, wird versucht, den Briten in ein schiefes Licht zu rücken. Unter anderem mit jenen Andeutungen, die Intercable-Chef Wittmer dem TA schickte.

© Tages-Anzeiger; 09.10.2006

Adressbuch-Schwindel: Der Nepp geht weiter

Monday, March 20th, 2006

Ein Trio führt seit Jahren Firmen mit Branchenbuch-Einträgen hinters Licht. Im Ausland hat man ihm das Handwerk gelegt.

Von Christian Bütikofer

Markus Bortolini ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Er gründet Firmen im Jahresrhythmus. Mit seinen Partnern Marc Christoffel und Kristina Blöchlinger-Terekhovskaia verkauft er vor allem Einträge in Branchenbücher.

Bortolinis Karriere begann im März 2002. Damals plante er den wirtschaftlichen Neuanfang, nachdem seine Firma Marbo Sicherheitssysteme in Lachen SZ in Konkurs gegangen war – Schaden knapp 3 Millionen Franken.

Im deutschen Klettgau gründet Bortolini alsbald die MF Online Dienstleistungen e. K. Kurz darauf entsteht in Zug ein Zwilling, die Online Dienstleistungen GmbH. Über sie verschickt Bortolini irreführende Angebote für diverse Online-Branchenbücher an Firmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Horrende Eintragungskosten von 860 Franken verstecken sich im Fliesstext. Hereingefallene werden mit Inkassoschreiben belästigt.

Bald hagelt es in Deutschland und Österreich gerichtliche Klagen gegen Bortolinis seltsames Geschäftsgebaren. Während etwa der österreichische Adressbuchverleger-Verband Bortolinis Treiben erfolgreich per Klage unterbindet, schaut der Schweizerische Adressbuchverleger-Verband trotz diverser Beschwerden zu.

Alte Bekannte melden sich zurück

Nicht ohne Folgen: Im März 2004 tritt Bortolinis deutscher Ableger alle offenen Forderungen an die in Zürich neu gegründete Firma B und P Dienstleistungen ab. Deren Gründer sind alte Bekannte: die RU24 GmbH gehört Blöchliger-Terekhovskaia, die TIW GmbH Marc Christoffel. Markus Bortolini wird Geschäftsführer der B und P. Diese kassiert nicht nur alte «Verträge» ein, sondern verschickt gleich wieder neue. Und eine weitere bortolinische Adressbuchfirma taucht auf: die Printus Verlag AG. Sie verschickt nun Formulare für die Website www.top-kmu.ch. Kostenpunkt für einen Eintrag: 840 Franken.

Die Wirtschaftsauskunft Creditreform beurteilte Bortolinis Bonität als «schlecht». Der B und P Dienstleistungen aber geht es gut. Zurzeit verstopfen deren neuste Formulare wieder Schweizer Firmenbriefkästen.

© Tages-Anzeiger; 20.03.2006