Atvisican: Wie die MPEG-Hochstapelei endete

Uwe Prochnow wollte mit seiner Firma Atvisican den weltweit gültigen Videostandard MPEG mit einem «neuronalen Netzwerk» und vektorbasierten Berechnungen ablösen.

Der Deutsche vermeldete, er verwendete dabei Technologie der Sowjetrussischen Armee. Es war die Rede von Filmchen, die zwanzigmal kleiner wären, als normale MPEG-Movies. Es war die Rede von Millionengewinnen für sein neues Videokomprimierungsverfahren.

Prochnow wickelte alle um den Finger

Reihenweise krochen ihm renommierte Personen und Presseunternehmen auf den Leim: Der MDR, die Drefa, das ZDF und 3sat. Seltsam auch, dass sich die Computerkoryphäe Lorenz Hanewinkel (Mitarbeiter von Konrad Zuse, Heinz Nixdorf) für den Ostdeutschen verwendete – wie so etliche «Experten» mehr.

Auch in der Schweiz trat Prochnow mit seiner Wundererfindung auf. Wie ich es in solchen Situationen immer tue, ging ich der Sache nach – und musste bald feststellen, dass hinter der professionellen Verkäuferfassade einiges nicht stimmte:

1. Der Prediger des Video-Wunders

2. Mit Kraftnahrung zum Video-Revolutionär

3. Allcanview – Test vom Verkäufer

Jetzt bangen wohl einige Gläubiger, ob sie ihre Einsätze je wieder sehen. Am 12. September 2009 wurde über die Atvisican AG wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung das Insolvenzverfahren eröffnet (Aktenzeichen 162 IN 297/07).

Knapp zwei Jahre lang ging es, bis das Amtsgericht Essen das Konkursverfahren erzwang, der erste Antrag ging bereits am 7. November 2007 ein. Im aktuellen Insolvenzverfahren wurden x andere Vorfälle gebündelt (162 IN 297/07 und 162 IN 132/09, 162, IN 133/09, 162 IN 184/08, 162 IN 198/08 und 162 IN 79/08).

Die Atvisican, vertreten durch den Vorstand Uwe Prochnow und Christian Alpert, musste bis zum Prüfungsstichtag am 01.06.2010 beim Gericht schriftlich Widerspruch einlegen, falls sie die Forderungen bestritt.

Journalistisches Lehrstück: Wie man es nicht machen soll

Die legendäre Doku auf ZDF/3sat kann man sich auf Youtube nochmals ansehen. Dieser Beitrag ist ein Paradebeispiel dafür, wie Journalisten Geschichten versuchen mit «grossen» Namen/Firmen «hart» zu machen, obwohl nichts von der Sensationsstory je überprüfbar war.

Der Beitrag zeigt weiter, wie angebliche «Experten» dafür sorgen, dass die Erfindung seriös wird. Dabei ist es völlig egal, ob man diese «Experten» in der Zunft kennt. Da sie dem Leser/Zuseher Autorität vorspielen, haben sie für den Beitrag ihre Aufgabe erfüllt («Also, wenn ein Experte sagt, das ist was, dann ist ja sicher was dran…»).

Nicht selten verstecken sich Journalisten hinter Experten, wenn sie ihre Geschichte a) glaubhafter oder b) «hart» machen wollen, obwohl sie selbst nicht so ganz überzeugt sind von der Seriosität ihrer Story – und sie im Extremfall stoppen müssten.

1. Teil:

2. Teil:

3. Teil:

6 Responses to “Atvisican: Wie die MPEG-Hochstapelei endete”

  1. Bruno says:

    Dieselbe Methode nutzen nicht nur TV-“Journalisten”.

    Schönes Beispiel dafür, wie heruntergekommen der Berufsstand ist. Es gibt sie noch, die klassischen, kritischen Journalisten, wie diese Geschichten hier beweisen, aber es werden immer weniger.

  2. andy+5 says:

    Erstmal danke für die Aufklärung!
    Ich war zunächst sehr gespannt wie das wohl mit dieser Technologie weiter geht, allerdings hat mich die Aussage “20 mal besser als MPEG” schon etwas skeptisch gemacht.
    Zunächst schien mir die Sache aber plausibel, obwohl ich nun nach reiflicher Überlegung vermute, dass Objekterkennung für ein Video mit häufig wechselnder Szenerie wohl eher kontraproduktiv sein könnte. Das Videomaterial zu vektorisieren ist aber kein unbedingt schlechter Ansatz, schliesslich wir ja auch bei MPEG & co. zumindest die Bewegung vektorisiert. Würde man nun zusätzlich das Bildvektorisieren, könnte es aber ohne gute Korrektur zu ungewöhnlichen Bildstörungen (verformungen von Objekten) durch Ungeauigkeiten kommen. Vorteil wäre die im Beitrag erwähnte Unabhängigkeit von der absoluten Auflösung. Man kennt das von Vektorbildern (z.B. bei CAD) oder Truetype-Schriftarten.
    Abschliessend würde ich sagen, es ist wohl eher eine Sache der Informationstheorie festzustellen wie klein man einen Film bei minimalen Qualitätsverlusten komprimieren kann (rein mathematisch), wobei “20 mal kleiner als MPEG” wohl unrealistisch ist.

  3. Anonymous says:

    Uwe Prochnow ist ein ganz m** B***! In sein Awomo Projekt habe ich einiges an Geldern investiert und alles was ich jetzt habe sind wertlose Aktien!

  4. […] werden kann. Bei den nahen Verwandten semantischer Technologie, den neuronalen Netzen, sind sogar Betrugsfälle bekannt. Dank Web 2.0 fliegen solche Mogelpackungen jedoch immer öfter […]

  5. Wurde betrogen says:

    Guten Tag,

    achtung vor Uwe Prochnow,

    er hat uns um 800.000€ betrogen!!!

    Es laufen inzwischen laut unserem Anwalt 14 Strafanzeigen wegen Investitionsbetrug gegen Herrn Prochnow.

  6. Anonym says:

    Kennt jemand den Aufenthaltsort von Uwe Prochnow???

    Zahle 5000€ Belohnung für Hinweise!!!

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