Hilfswerk: Millionen veruntreut und in die Schweiz verschoben

Ein deutscher Familienclan gründete Hilfswerke und sammelte jahrelang Spendengelder in Millionenhöhe ein. Die Gelder versickerten in der Schweiz und Liechtenstein. Einen Grossteil verprassten die Betrüger für ihren aufwendigen Lebensstil mit Rolls Royce und Südamerika-Villa. Jetzt setzte es eine Verurteilung ab.

Christian Bütikofer

Der Prozess war in München auf sieben Tage angelegt. Doch die zwei Hauptangeklagten Heidrun Schmidt-Klein (72) und Sohn C. (40) legten gleich am ersten Tag ein volles Geständnis ab: Sie haben zwischen 2002 und 2004 gut fünf Millionen Euro Spendengelder veruntreut.

Das waren 90 Prozent der Gelder, die für die Hilfswerke «Kinder in Not» (München) sowie «Deutsche Gesellschaft Tiere & Natur» (Hamburg) gedacht waren. Die zwei Geständigen wurden wegen gewerbsmässiger Untreue in mehreren hundert Fällen zu je zwei Jahren Haft auf Bewährung sowie Geldstrafen verurteilt.

Spenden als «Arbeitsentschädigung» getarnt

Die Spenden flossen in zwei Firmen ab, die Heidrun Schmidt kontrollierte: «Atlantis Management & Promotions» in St. Gallen und «Ribana Euro Services» in Liechtenstein. Diese Unternehmen gaben an, Mitglieder für die Vereine zu werben und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Die Spendenmillionen landeten über sie als «Arbeitsentschädigung» getarnt letztlich auf den Konti des Familienclans.

Statt Vogelkäfige gabs Grillpartys

Dabei fungierte ein weiteres Familienmitglied Schmidts als Komplize: Auch der Sohn aus erster Ehe S. (49) wurde dieses Jahr in einem separaten Verfahren wegen Beihilfe zu Untreue zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt.

Mit seinem Papageien-Gnadenhof schoss er den Vogel ab: Auf dem Hof mit der «Papgeien-Laube» frönte S. nicht etwa dem Tierschutz, wie im Internet gross angepriesen. Er feierte dort mit Kollegen lieber rauschende Grillpartys.

Die Geständnisse des Clans zogen vergleichsweise milde Strafen nach sich. Zusätzlich profitierten die Verantwortlichen auch von der Verjährung: Spenden und Mitgliederbeiträge sollen schon lange vor dem in der Anklage genannten Zeitpunkt zweckentfremdet worden sein. Aber alles vor 2002 war längst verjährt.

«Alles Neider in Deutschland»

Gegenüber der «Aargauer Zeitung» bestritt Heidrun Schmidt jegliche Schuld. «Das war alles Lug und Betrug», behauptete sie. Auf die Frage, warum sie dann vor Gericht ein volles Geständnis abgelegt habe, meinte sie: «Ich habe das nur wegen meinem Sohn gemacht. Er leidet so darunter.» Die Staatsanwaltschaft habe viele Fehler gemacht, für sie sei die Sache nicht abgeschlossen: «Ich werde darüber ein Buch schreiben», kündigte sie an.

Sie hat sicher sehr viel zu erzählen, denn die Hilfswerks-Karriere begannen alle drei bereits Mitte der 80er-Jahre.

Früh schon sorgten die Hilfswerke für Negativschlagzeilen. Bereits 1991 wurden Vorwürfe wegen Veruntreuung laut. Auch damals ging es um Millionenbeträge. Seit Jahren berichteten deutsche Zeitungen und TV-Stationen über die dubiosen Hilfsdienste der Familienbande. Tenor: Während sie sich ein Luxusleben mit Nobelkarossen und Domizilen in Südamerika und der Schweiz leisteten, sähen die Hilfswerke fast keinen Cent.

Dazu Heidrun Schmidt: «Die Presse schreibt, was sie will. Mein Anwalt sammelt fleissig die Artikel. Die haben alle gelogen und sind nicht richtig informiert.» Und sie vermutet Futterneid: «Das sind alles Neider in Deutschland», ist sie sich über die konstant schlechte Presse ihrer Hilfswerke sicher.

Ab in die Schweiz nach St. Gallen

Offenbar wirkte der öffentliche Druck. Heidrun Schmidt zog sich zurück – doch bei ihrem Clan liefen nach wie vor alle Fäden zusammen. Und eine Umsiedelung in die Schweiz fand statt. Heidrun Schmidt zur AZ: «Ich bin ja fast immer da in der Schweiz. Ich wohne doch dort. In Deutschland bin ich seit 1998 nicht mehr. Ich habe ja auch meine Aufenthaltsbewilligung.»

In der Tat: In Staad gleich an der Grenze zu Deutschland haben die Schmidts Stockwerkeigentum mit Garagen gekauft. Dort ist man über die prominenten Nachbarn nicht eben erbaut. Immerhin seien die Schmidts nicht oft hier, meinte eine Person. Gegenüber der AZ erklärte Heidrun Schmidt, sie sei oft auf Reisen.

In der Fundraising-Szene unbekannt

Auf ihr Schweizer Unternehmen «Atlantis Managament & Promotions» liess sie ein Auto eintragen und domizilierte die Firma standegemäss an zentraler Lage in der Stadt St. Gallen. Dort hat sie heute einen bekannten Nachbarn: SP-Nationalrat Paul Rechsteiner ist im selben Haus anzutreffen.

Atlantis betreibt als Spezialgebiet «Fundraising» in ganz Europa. Bei Swissfundraising, dem Verband der Schweizer Fundraiser für Nonprofit-Organisationen, sind auf Anfrage weder die Firma noch der Familienclan bekannt.

Briefkastenfirmen in England

Recherchen der «Aargauer Zeitung» zeigen weiter: Heidrun Schmidt und ihr Sohn C. steckten auch hinter diversen Briefkastenfirmen in England. Längst bevor in der Schweiz eine neue Basis erstellt wurde, waren sie etwa bei der «Euro Service Ltd» und der «Nenesu Ltd» am Drücker.

Geschäfte mit dubiosem Diplomaten-Club

Auch nach Österreich streckte Heidrun Schmidt die Fühler aus: In der «Informationsdienst für Diplomaten GmbH» nahm sie Platz. Heute heisst der Club «CDI – Club Diplomatique International» und residiert in Argentinien.

Wieder gab es in England ein Pendant zu diesem Verein. Der Club gibt sich als elitäre private Organisation aus, die obendrein der Menschheit gemeinnützig helfe. Auch Schmidts Verein «Kinder in Not» arbeitete mit dem Club zusammen, bevor sie dort als Geschäftsführerin amtete.

Auf die Diplomaten-Schiene angesprochen, konnte sich Schmidt erst nicht so recht erinnern. Dann meinte sie, das sei eine undurchsichtige Sache gewesen. Sie hätte dort Wohnungen und Autos anmieten müssen und obendrein sei dort ein falscher Doktor dabei. «Die suchten ne Dumme, die den Kopf hinhielt», sagte sie der AZ. «Ich hatte die Ahnung, da stimmt was nicht, da bin ich sofort wieder ausgestiegen», meinte sie weiter.

Im Handelsregister war sie von 1997 bis zum Ende 2001 als selbstständige Geschäftsführerin des österreichischen Diplomaten-Clubs verzeichnet.

Hinweis zu «Kinder in Not» Schweiz: Das Schweizer Hilfswerk «Kinder in Not» aus Zürich hat mit den Schmidtschen Betrüger-Hilfswerken nichts zu tun. Das teilte Kinder in Not-Generalsekretärin Eva Gfeller der Redaktion mit.

«Kinder in Not» aus Zürich trägt jedoch kein Gütesiegel der ZEWO. Diese Stiftung ist die Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen. Der Verein hatte sich vor ungefähr 20 Jahren einmal darum bemüht. Damals erfüllte er die Kriterien der ZEWO nicht.

© Aargauer Zeitung Online, 07.07.2010

2 Responses to “Hilfswerk: Millionen veruntreut und in die Schweiz verschoben”

  1. Frieder says:

    Die Vereine machen natürlich ungebremst weiter wie bisher. Das Münchner Urteil, 2 Jahre auf Bewährung, ist wie eine Aufforderung dazu angekommen. Betrug ohne juristische Folgen, der Schaden muss trotz Geständnissen nicht wieder gutgemacht werden. Übrigens hat auch der nette Sohn Carsten Schmidt ein Geständnis abgelegt. Es gibt noch mehr Clanmitglieder die im System Schmidt tragende Rollen spielen und es gibt noch mehr Vereine die zum Clan gehören.

    Ich könnte ein Buch schreiben mit dem Titel „Handbuch für den legalisierten Betrug“.

  2. Maria Martha Candia says:

    esta señora Heidrun Schmidt, sigue estafando, debería estar en la carcel, encerrada, en paraguay falsificó la firma de su sobrino para apoderarse de su propiedad.

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