Archive for July, 2010

Der Herr ist wieder da – mit blonder Verstärkung

Tuesday, July 20th, 2010

Der ehemalige Kreditkarten-König Alexander Herr hat ein neues Spielfeld gefunden: Der deutsche “Wahlschweizer” beackert seit Mai 2010 den deutschen Markt per Multilevel-Marketing (MLM) mit MonaVie, einem Wellness-Drink.

Ein Wundermittel für Dicke

Noch 2009 war er vom Superdrink “Bio Life Slim” angetan, der schlank macht – er selbst hat damit viele viele Kilos (deren 18!) verloren, wusste er zu berichten. Schon den “Slim” brachte er per MLM durch die Firma Unicity unter die Leute. Offenbar brauchte Herr nach dem Abnehm-Drink den Fitness-Drink – voilà: “Mona Vie”.

Nun hat Herr gerade seine Promotour (die “Extravaganza-Tour”) durch die Schweiz und Deutschland hinter sich. Er hat sicher viele Kunden und Geschäftspartner gewonnen. Denn jeder, der mitmacht und sich ein wenig anstrengt, selbst wieder Kunden zu finden, der wird ganz ganz reich.

Vielleicht trat Herr während seinen extravaganten Shows auch so überzeugend auf, wie sein Kollege aus den USA (von dort kommt der Drink) und tat es ihm gleich? Der nämlich verliess das Unternehmen, um die vielen Millionen (die er selbst hätte einstecken können) den Kunden/Mit-MLMler zu überlassen: Die virtuelle Mona Vie-Show

Mit der Eypocard sorgte Herr für massiven Ärger

Mit dem “gelernten Metaller” Alexander Herr hatte ich bereits vor Jahren das Vergnügen. Damals vertickerte er aus Deutschland und der Schweiz die Pseudo-Kreditkarte Eypocard aus Lettland durch seine Firma Eypo – das Firmengeflecht dahinter war nicht von schlechten Eltern.

Illustre Partner

Während jenen Recherchen traf ich bei der Eypo unter anderem auch auf die illustren Herren Stefan Oberholzer (ursprünglich ein Wirt aus dem Wallis) und Guido Colombo – beide mischten beim Millionen-Abzockprojekt der “rauchfreien” Zigarette NicStic mit. Das massive Firmengeflecht von NicStic wurde von der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma erst nach Jahren stillgelegt. Hunderte Kleinanleger wurden durch die NicStic-Blase geschädigt.

Colombo sorgte nicht nur mit der Zigarette für Aufsehen. Die Libidfit AG etwa verhökerte Potenzmittel übers Internet. Darauf gabs bei der Libidfit eine Hausdurchsuchung, mutmasste der “Sonntagsblick” 2004. Einziger Verwaltungsrat: Guido Colombo, der laut “SoBli” übers Internet neben den Zigis auch noch Hardcore-Pornos verkaufte.

Alexander Herrs Eypo AG war ebenso dem Untergang geweiht. Jahrelang machte die Firma vor allem mit Negativschlagzeilen von sich reden. Kunden wurden abgezockt, das Backoffice der Eypo stand völlig neben den Schuhen. Herrs ausrangierter BMW war damals neben der Firma parkiert, darin Geschäftskorrespondenz in Güselsäcken (für meine deutschen Leser: Abfallsäcke). Mit einem BMW 850i als “Sacheinlage” (Chassis-Nummer WBAEG21060CB01490, Jg. 90) wurde in Zürich durch die Eypo AG die Swiss Inkasso GmbH gegründet. Geschäftsführer: Alexander Herr.

Die Schweizer AG für schlappe 3900 Euro

Für Herr scheint sich die Kreditkartenschiene mit Stützpunkten Zug und Lettland gelohnt zu haben. Immerhin fand er in Lettland eine neue Frau: Ilze Lauberte. Die Blondine nahm gleich in Alexander Herrs Firma Intma Internet & Marketing AG Platz und gibt als Wohnsitz die Schweiz an. So richtig zu entscheiden, ob sie nun in Deutschland an Herrs Burbacher-Adresse logiert oder doch in der Innerschweiz lebt, fällt ihr offenbar schwer. Auch Alexander Herr laviert mit seinem Wohnsitz zwischen Deutschland und der Schweiz hin und her.

Die “Internetfirma” Intma – Spezialgebiete TV-Werbung, Affiliate-Marketing, Suchmaschinen-Optimierung – bietet suchenden Deutschen “neue” Aktiengesellschaften für unter 3900 Euro an…

Die Intma ist aber nicht genug. Multiverwaltungsrätin Ilze Lauberte-Herr sitzt/sass auch in der Transfinanz AG, der Sunvalley Immobilien AG, der Crown Estate AG, IIG Immoinvest AG, Zenox Finance AG, der Real Estate Success Trading AG und der Atlas Hotelbetriebs AG im Verwaltungsrat.

Bei der Atlas steht wieder Ärger vor der Tür. In Deutschland wurde gegen sie das Insolvenzverfahren eröffnet (Aktenzeichen 404 IN 383/10). Vertreterin: Ilze Lauberte. Und das Handelsregisteramt Schwyz musste die Atlas öffentlich auffordern, endlich wieder einen ordnungsgemässen Zustand herzustellen.

Alexander Herr arbeitet nicht nur als erfolgreicher Vertriebler, der ein “Traumauto” in der Garage stehen hat, wie er dem MLM-Magazin “Obtainer” verriet. Nebenbei geht er offenbar immer noch seinen Industriemechaniker-Künsten nach.  In der HERR Industry System AG hat er inzwischen auch noch Platz genommen.

Tamedia entliess Tagi-Redaktor missbräuchlich

Monday, July 19th, 2010

Als Tamedia vor einem Jahr ein Drittel der Belegschaft des Tages-Anzeigers entliess, stellte sie auch Redaktor Daniel Suter vor die Tür. Suter war Präsident der Tages-Anzeiger-Personalkommission (Peko). Er war der oberste gewählte Vertreter der gesamten Redaktion. Die Peko verhandelte mit Tamedia über einen Sozialplan, der die von der Massenentlassung Betroffenen unterstützen sollte.

Während dieser Verhandlungen hatte die Tamedia dem Peko-Präsidenten Suter Ende Mai 2009 das Arbeitsverhältnis auf Ende Oktober gekündigt. Es traf ihn wie praktisch alle Journalisten, die gegen die 60 Jahre gingen in diesem Haus. Suter arbeitete 22 Jahre lang für den TA und leitete die Arbeitnehmer-Vertretung seit der Gründung 2005.

Suter liess sich das nicht gefallen und klagte vor dem Zürcher Arbeitsgericht. Er machte eine Entschädigung wegen missbräuchlicher Kündigung geltend. Nun hat das Arbeitsgericht die Klage gutgeheissen und erklärte die Kündigung als missbräuchlich.

Das Gericht stellt fest, dass Tamedia die Kündigung ausgesprochen habe, obwohl sie wusste, dass Suter in seiner damaligen Stellung als Präsident der Personalkommission (Peko) unter besonderem Kündigungsschutz stand. Die wirtschaftlichen Gründe könnten bei einer solchen Kündigung nicht als “begründeten Anlass” angeführt werden.

Tamedia muss Suter eine Entschädigung im Umfang von drei Monatslöhnen sowie eine reduzierte Prozessentschädigung von 4’304 Franken zahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

IV-Chef Aarau nach «Beobachter»-Anfrage freigestellt

Sunday, July 18th, 2010

«Beobachter»-Journalist Peter Johannes Meier rief vor einigen Wochen bei der IV-Stelle Aarau an. Er wollte wissen, warum das Gesuch um Bezug der Invalidenrente einer Person, die sich an den «Beobachter» wandte, seit Jahren nicht behandelt wurde.

Noch am Tag der Anfrage wurde der Leiter der IV-Stelle Aarau freigestellt. Kurz danach erschien auch in der «Aargauer Zeitung» am 15.06.2010 folgender kleiner Bericht:

IV-Stelle Bereichsleiter Vinzenz Bauer geht
Bereichsleiter Vinzenz Bauer verlässt Ende Juni die IV-Stelle der Sozialversicherungsanstalt Aargau. Unterschiedliche Auffassungen in der Umsetzung der von der Verwaltungskommission vorgegebenen Strategie hätten zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses geführt. Diese erfolge im gegenseitigen Einvernehmen. Bis zur Wahl des Nachfolgers wird Bergita Kayser, Direktorin der SVA Aargau, die IV-Stelle interimistisch leiten. (MZ)
So tönt das, wenn beide Seiten das Gesicht wahren wollen. Denn ganz offensichtlich ist die vom «Beobachter» vertretene Person kein Einzelfall. So gab der Präsident der Verwaltungskommission Fredy Böni gegenüber Peter Johannes Meier zu: «Es ist auch zu inakzeptablen Verzögerungen bei der Bearbeitung von IV-Fällen gekommen».
Liebe AZ-Kollegen: Was passierte in der IV Aarau wirklich?

Outlaws MC Schweiz mit neuer Website

Sunday, July 18th, 2010

Der 1%er-Club «Outlaws MC Switzerland» hat eine neue Website: www.outlawsmcswitzerland.com.

Kaum gründeten die Outlaws Mitte Juni das Chapter Baden auf Probe (Prospective) im Aargau, traten sie auch gleich ins Rampenlicht: Während der Gründungsversammlung wurden sie von Mitglieder konkurrierenden Motorclubs (MCs) überfallen – die Mehrheit der Angreifer sollen Hells Angels und mit ihnen verbündete Schweizer MCs gewesen sein.

Die Hells waren bisher der einzige 1%er-Club in der Schweiz und in Kontinentaleuropa das älteste Hells Angels-Chapter überhaupt (oder Charter, wie sie ihre Stützpunkte ursprünglich nennen).

Seit dem 20. Dezember 1970 sind die Höllenengel in der Schweiz aktiv. Die Outlaws gelten als weltweit ältester 1%er-MC.

Als ruchbar wurde, dass die Outlaws ihre Fühler in die Schweiz ausstreckten, reservierten die Hells Angels schnell mal die Domain outlawsmc.ch und stellten dort eigene Inhalte ins Web.

Nachdem dies die Aargauer Zeitung publik machte, reservierten die Outlaws die Domain outlawsmcswitzerland.com, wo momentan eine Pressemitteilung online gestellt ist, die einigen Journalisten in der Vergangenheit zugestellt wurde.

Diese Domain gehört der Einzelfirma «Joker Art» aus Bürstadt, Südhessen. Auf deren Inhaber Michael Hansen ist auch die Domain des Outlaws MC Deutschland (outlawsmc.de) eingetragen.

Die kommende Präsenz in der Schweiz deutet der Outlaws MC mit seinem Maskottchen «Charlie» an, das hinter den Schweizer Bergen wie die Sonne aufsteigt:

Dass sich die Hells Angels der – zum Teil geschützten – Marken konkurrierender Motorradclubs bedienen, ist ein bekanntes Muster.

Neuseeland: HAMC Marken der Bandidos und Outlaws reserviert

In Neuseeland etwa liessen die Hells die Farben/Insignien (Colors) der Bandidos und der Outlaws als ihre Marken eintragen, damit diese Gangs ihre ursprünglichen Abzeichen nicht verwenden konnten (z.B. die Patches auf den Kutten).

Nachdem die Hells Angels mit beiden konkurrierenden MCs 1997 und 1999 einen «Waffenstillstand» unterzeichneten, traten die Hells das Copyright (Urheberrecht) an die Bandidos und Outlaws Neuseelands ab.

Atvisican: Wie die MPEG-Hochstapelei endete

Tuesday, July 13th, 2010

Uwe Prochnow wollte mit seiner Firma Atvisican den weltweit gültigen Videostandard MPEG mit einem «neuronalen Netzwerk» und vektorbasierten Berechnungen ablösen.

Der Deutsche vermeldete, er verwendete dabei Technologie der Sowjetrussischen Armee. Es war die Rede von Filmchen, die zwanzigmal kleiner wären, als normale MPEG-Movies. Es war die Rede von Millionengewinnen für sein neues Videokomprimierungsverfahren.

Prochnow wickelte alle um den Finger

Reihenweise krochen ihm renommierte Personen und Presseunternehmen auf den Leim: Der MDR, die Drefa, das ZDF und 3sat. Seltsam auch, dass sich die Computerkoryphäe Lorenz Hanewinkel (Mitarbeiter von Konrad Zuse, Heinz Nixdorf) für den Ostdeutschen verwendete – wie so etliche «Experten» mehr.

Auch in der Schweiz trat Prochnow mit seiner Wundererfindung auf. Wie ich es in solchen Situationen immer tue, ging ich der Sache nach – und musste bald feststellen, dass hinter der professionellen Verkäuferfassade einiges nicht stimmte:

1. Der Prediger des Video-Wunders

2. Mit Kraftnahrung zum Video-Revolutionär

3. Allcanview – Test vom Verkäufer

Jetzt bangen wohl einige Gläubiger, ob sie ihre Einsätze je wieder sehen. Am 12. September 2009 wurde über die Atvisican AG wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung das Insolvenzverfahren eröffnet (Aktenzeichen 162 IN 297/07).

Knapp zwei Jahre lang ging es, bis das Amtsgericht Essen das Konkursverfahren erzwang, der erste Antrag ging bereits am 7. November 2007 ein. Im aktuellen Insolvenzverfahren wurden x andere Vorfälle gebündelt (162 IN 297/07 und 162 IN 132/09, 162, IN 133/09, 162 IN 184/08, 162 IN 198/08 und 162 IN 79/08).

Die Atvisican, vertreten durch den Vorstand Uwe Prochnow und Christian Alpert, musste bis zum Prüfungsstichtag am 01.06.2010 beim Gericht schriftlich Widerspruch einlegen, falls sie die Forderungen bestritt.

Journalistisches Lehrstück: Wie man es nicht machen soll

Die legendäre Doku auf ZDF/3sat kann man sich auf Youtube nochmals ansehen. Dieser Beitrag ist ein Paradebeispiel dafür, wie Journalisten Geschichten versuchen mit «grossen» Namen/Firmen «hart» zu machen, obwohl nichts von der Sensationsstory je überprüfbar war.

Der Beitrag zeigt weiter, wie angebliche «Experten» dafür sorgen, dass die Erfindung seriös wird. Dabei ist es völlig egal, ob man diese «Experten» in der Zunft kennt. Da sie dem Leser/Zuseher Autorität vorspielen, haben sie für den Beitrag ihre Aufgabe erfüllt («Also, wenn ein Experte sagt, das ist was, dann ist ja sicher was dran…»).

Nicht selten verstecken sich Journalisten hinter Experten, wenn sie ihre Geschichte a) glaubhafter oder b) «hart» machen wollen, obwohl sie selbst nicht so ganz überzeugt sind von der Seriosität ihrer Story – und sie im Extremfall stoppen müssten.

1. Teil:

2. Teil:

3. Teil:

Die Kalashnikow des Schweizer Sockenspammers

Sunday, July 11th, 2010

Vor einigen Monaten stand ein Geschäftsmann in Obwalden vor Gericht. Er wurde Schweizweit als «Sockenspammer» bekannt, da er während Jahren Spam für Schwarze Socken und andere Produkte verschickte.

D. wurde von diversen Anschuldigungen freigesprochen (Betrug, Pornografie, Widerhandlung gegen das Waffengesetz). Allerdings setzte es wegen Nötigung eine Verurteilung ab. Das Verdikt: Eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 70 Franken, bedingt auf zwei Jahre. D. focht das Urteil an, nach dem Kantonsgericht (in Zürich wäre das das Bezirksgericht) darf sich nun das Obergericht mit dem Fall befassen.

Bemerkenswert sind da einige Dinge.

Gegen eine seiner Firmen liegen 16 Betreibungen im Wert von 126’000 Franken vor. Während seiner aktiven Spammer-Zeit gab er 2003 ein steuerbares Einkommen von schlappen 8700 Franken an, 2007 wurde ein Einkommen von 32’000 Franken deklariert, das Vermögen belief sich auf 179’000 Franken.

Die erstinstanzliche Verurteilung wegen Nötigung kassierte er, weil er ein Mitglied der Elektrogeräte-Dynastie Braun schriftlich mit allerlei nötigenden Phrasen eindeckte und ihm nahelegte, er hinterziehe Steuern. Als «politischen Newsletter» (also durch seine Spam-Infrastruktur) hätte D. das Pamphlet gerne verschickt.

Diese Idee mit dem «Newsletter» erinnert stark an eine Aktion, die eine Firma aus Ds. Umfeld gegen den Ktipp-Chefredaktor Ernst Meierhofer startete: Mit Spam versuchte man Meierhofer fertig zu machen.

Bei einer der Hausdurchsuchungen bei D. fand die Polizei eine ungarische Kalashnikov-Maschinenpistole (eine AMD-65) mit Schalldämpfer, sieben Magazinen, davon zwei geladen – an der Waffe fand die Polizei  «Schmauchspuren».

Abklärungen ergaben, dass D. sich in keinem seiner Wohnsitzkantone je um die nötige Sonderbewilligung für diese Serienfeuerwaffe bemühte.

Hilfswerk: Millionen veruntreut und in die Schweiz verschoben

Thursday, July 8th, 2010

Ein deutscher Familienclan gründete Hilfswerke und sammelte jahrelang Spendengelder in Millionenhöhe ein. Die Gelder versickerten in der Schweiz und Liechtenstein. Einen Grossteil verprassten die Betrüger für ihren aufwendigen Lebensstil mit Rolls Royce und Südamerika-Villa. Jetzt setzte es eine Verurteilung ab.

Christian Bütikofer

Der Prozess war in München auf sieben Tage angelegt. Doch die zwei Hauptangeklagten Heidrun Schmidt-Klein (72) und Sohn C. (40) legten gleich am ersten Tag ein volles Geständnis ab: Sie haben zwischen 2002 und 2004 gut fünf Millionen Euro Spendengelder veruntreut.

Das waren 90 Prozent der Gelder, die für die Hilfswerke «Kinder in Not» (München) sowie «Deutsche Gesellschaft Tiere & Natur» (Hamburg) gedacht waren. Die zwei Geständigen wurden wegen gewerbsmässiger Untreue in mehreren hundert Fällen zu je zwei Jahren Haft auf Bewährung sowie Geldstrafen verurteilt.

Spenden als «Arbeitsentschädigung» getarnt

Die Spenden flossen in zwei Firmen ab, die Heidrun Schmidt kontrollierte: «Atlantis Management & Promotions» in St. Gallen und «Ribana Euro Services» in Liechtenstein. Diese Unternehmen gaben an, Mitglieder für die Vereine zu werben und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Die Spendenmillionen landeten über sie als «Arbeitsentschädigung» getarnt letztlich auf den Konti des Familienclans.

Statt Vogelkäfige gabs Grillpartys

Dabei fungierte ein weiteres Familienmitglied Schmidts als Komplize: Auch der Sohn aus erster Ehe S. (49) wurde dieses Jahr in einem separaten Verfahren wegen Beihilfe zu Untreue zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt.

Mit seinem Papageien-Gnadenhof schoss er den Vogel ab: Auf dem Hof mit der «Papgeien-Laube» frönte S. nicht etwa dem Tierschutz, wie im Internet gross angepriesen. Er feierte dort mit Kollegen lieber rauschende Grillpartys.

Die Geständnisse des Clans zogen vergleichsweise milde Strafen nach sich. Zusätzlich profitierten die Verantwortlichen auch von der Verjährung: Spenden und Mitgliederbeiträge sollen schon lange vor dem in der Anklage genannten Zeitpunkt zweckentfremdet worden sein. Aber alles vor 2002 war längst verjährt.

«Alles Neider in Deutschland»

Gegenüber der «Aargauer Zeitung» bestritt Heidrun Schmidt jegliche Schuld. «Das war alles Lug und Betrug», behauptete sie. Auf die Frage, warum sie dann vor Gericht ein volles Geständnis abgelegt habe, meinte sie: «Ich habe das nur wegen meinem Sohn gemacht. Er leidet so darunter.» Die Staatsanwaltschaft habe viele Fehler gemacht, für sie sei die Sache nicht abgeschlossen: «Ich werde darüber ein Buch schreiben», kündigte sie an.

Sie hat sicher sehr viel zu erzählen, denn die Hilfswerks-Karriere begannen alle drei bereits Mitte der 80er-Jahre.

Früh schon sorgten die Hilfswerke für Negativschlagzeilen. Bereits 1991 wurden Vorwürfe wegen Veruntreuung laut. Auch damals ging es um Millionenbeträge. Seit Jahren berichteten deutsche Zeitungen und TV-Stationen über die dubiosen Hilfsdienste der Familienbande. Tenor: Während sie sich ein Luxusleben mit Nobelkarossen und Domizilen in Südamerika und der Schweiz leisteten, sähen die Hilfswerke fast keinen Cent.

Dazu Heidrun Schmidt: «Die Presse schreibt, was sie will. Mein Anwalt sammelt fleissig die Artikel. Die haben alle gelogen und sind nicht richtig informiert.» Und sie vermutet Futterneid: «Das sind alles Neider in Deutschland», ist sie sich über die konstant schlechte Presse ihrer Hilfswerke sicher.

Ab in die Schweiz nach St. Gallen

Offenbar wirkte der öffentliche Druck. Heidrun Schmidt zog sich zurück – doch bei ihrem Clan liefen nach wie vor alle Fäden zusammen. Und eine Umsiedelung in die Schweiz fand statt. Heidrun Schmidt zur AZ: «Ich bin ja fast immer da in der Schweiz. Ich wohne doch dort. In Deutschland bin ich seit 1998 nicht mehr. Ich habe ja auch meine Aufenthaltsbewilligung.»

In der Tat: In Staad gleich an der Grenze zu Deutschland haben die Schmidts Stockwerkeigentum mit Garagen gekauft. Dort ist man über die prominenten Nachbarn nicht eben erbaut. Immerhin seien die Schmidts nicht oft hier, meinte eine Person. Gegenüber der AZ erklärte Heidrun Schmidt, sie sei oft auf Reisen.

In der Fundraising-Szene unbekannt

Auf ihr Schweizer Unternehmen «Atlantis Managament & Promotions» liess sie ein Auto eintragen und domizilierte die Firma standegemäss an zentraler Lage in der Stadt St. Gallen. Dort hat sie heute einen bekannten Nachbarn: SP-Nationalrat Paul Rechsteiner ist im selben Haus anzutreffen.

Atlantis betreibt als Spezialgebiet «Fundraising» in ganz Europa. Bei Swissfundraising, dem Verband der Schweizer Fundraiser für Nonprofit-Organisationen, sind auf Anfrage weder die Firma noch der Familienclan bekannt.

Briefkastenfirmen in England

Recherchen der «Aargauer Zeitung» zeigen weiter: Heidrun Schmidt und ihr Sohn C. steckten auch hinter diversen Briefkastenfirmen in England. Längst bevor in der Schweiz eine neue Basis erstellt wurde, waren sie etwa bei der «Euro Service Ltd» und der «Nenesu Ltd» am Drücker.

Geschäfte mit dubiosem Diplomaten-Club

Auch nach Österreich streckte Heidrun Schmidt die Fühler aus: In der «Informationsdienst für Diplomaten GmbH» nahm sie Platz. Heute heisst der Club «CDI – Club Diplomatique International» und residiert in Argentinien.

Wieder gab es in England ein Pendant zu diesem Verein. Der Club gibt sich als elitäre private Organisation aus, die obendrein der Menschheit gemeinnützig helfe. Auch Schmidts Verein «Kinder in Not» arbeitete mit dem Club zusammen, bevor sie dort als Geschäftsführerin amtete.

Auf die Diplomaten-Schiene angesprochen, konnte sich Schmidt erst nicht so recht erinnern. Dann meinte sie, das sei eine undurchsichtige Sache gewesen. Sie hätte dort Wohnungen und Autos anmieten müssen und obendrein sei dort ein falscher Doktor dabei. «Die suchten ne Dumme, die den Kopf hinhielt», sagte sie der AZ. «Ich hatte die Ahnung, da stimmt was nicht, da bin ich sofort wieder ausgestiegen», meinte sie weiter.

Im Handelsregister war sie von 1997 bis zum Ende 2001 als selbstständige Geschäftsführerin des österreichischen Diplomaten-Clubs verzeichnet.

Hinweis zu «Kinder in Not» Schweiz: Das Schweizer Hilfswerk «Kinder in Not» aus Zürich hat mit den Schmidtschen Betrüger-Hilfswerken nichts zu tun. Das teilte Kinder in Not-Generalsekretärin Eva Gfeller der Redaktion mit.

«Kinder in Not» aus Zürich trägt jedoch kein Gütesiegel der ZEWO. Diese Stiftung ist die Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen. Der Verein hatte sich vor ungefähr 20 Jahren einmal darum bemüht. Damals erfüllte er die Kriterien der ZEWO nicht.

© Aargauer Zeitung Online, 07.07.2010

Polizeiaktion wegen Missbrauchs von Swisscom-Telefonzentralen

Monday, July 5th, 2010

In einer konzentrierten Aktion griffen die Justizbehörden Zürich und Aargau zu: Sie stellten wegen Verdachts auf Missbrauch von Telefonzentralen der Swisscom kistenweise Akten und Computer sicher.

Christian Bütikofer

Vor einigen Tagen standen sie vor seiner Tür: In Absprache mit den Aargauer Kollegen durchsuchten Zürcher Polizisten die Wohnung von M. Als sie wieder gingen, war M. um einige Akten und Computer ärmer. Er steht im Verdacht, fürs schnelle Geld diverse Gaunereien begangen zu haben.

Vom Tramchauffeur zum CEO

M. liebt teure Clubs: Das Indochine, das Kaufleuten, dort verkehrt er regelmässig. Doch das exklusive Nachtleben ist nicht gerade billig. Offenbar war M. auf der Suche nach einem gutbezahlten Job. Erst überlegte er sich, Tramführer zu werden. Alles was es brauche, sei ein guter Leumund. Danach würden 5000 Franken netto locker drinliegen, fand der 21-Jährige.

Doch dann hatte er noch eine bessere Idee: M. wollte Boss werden. Dazu gründete er in Zug eine eigene Firma. Zuerst wird er «CEO» von M & Partner, dann ändert er das Unternehmen um. Die seltsamen Aktionen begannen.

Knapp 1500 Swisscom und Sunrise-Kunden betroffen

Ende April 2010 erhielten Swisscom und Sunrise auffällig viele Reklamationen von Kunden, die offenbar eine Porno-Nummer gewählt haben, davon aber nichts wussten. Kostenpunkt: Ein Anruf von wenigen Sekunden wurde mit fast 100 Franken verrechnet. Gegenüber der Redaktion a-z.ch gaben Swisscom und Sunrise an, knapp 1500 Personen seien davon betroffen gewesen.

Bei den meisten hätten die Provider den Betrugsversuch aber abgewendet, bevor Geld abgebucht worden sei. Und dort wo die Abbuchung stattfand, annullierten die Provider die Kosten. Zuerst wiegelte Sunrise bei Reklamationen ab. Doch die Beschwerden wurden immer zahlreicher, auch der «Kassensturz» berichtete darüber.

Recherchen der Redaktion a-z.ch zeigen: Erst reservierte sich M. beim Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) Mehrwertnummern (so genannte 0900er-Nummern), dann aktivierte er sie gleich selbst. Denn die für Anrufer sehr teuren Nummern werden erst zu Geld, wenn sie auch jemand nutzt.

Versuchter Schaden: über 100’000 Franken

So sehen es die Untersuchungsbehörden: M. verschafft sich Zugang zu diversen Telefonzentralen der Swisscom. Zuerst im Kanton Aargau, dann in Zürich. Er geht in die Telefonzentralen, stöpselt die Kabel um und – schwupps – haben x Personen die teure Nummer gewählt, die er vorher beim BAKOM reservieren liess. Er steckt einfach die Telefonverbindungen um, wie wenn jemand zu Hause sein Netzwerkkabel einsteckt.

Die Badener Untersuchungsrichterin Anna Wiedenhofer meinte gegenüber a-z.ch, der Fall sei für sie relativ klar. Sie geht von einem versuchten Schaden von über 100’000 Franken aus.

Erste betroffene Zentrale war «ohne kritische Infrastruktur»

Wie kann jemand unbemerkt in einen derart sensiblen Raum eindringen? Wie ist etwa die Telefonzentrale Fislisbach gesichert, die als erste «besucht» wurde?

Swisscom-Mediensprecherin Myriam Ziesack sagte, die Telefonzentralen seien zuerst mit Badges gesichert. Das Zugangskontrollsystem im Innern der Zentrale sei abhängig vom Schutzbedarf der Infrastruktur: Für kritischere Zugänge kommt ein Inhouse-Schliesssystem mit Schlüssel und/oder weiteren Badgeleser zum Einsatz.

Zusätzlich sei die Nachvollziehbarkeit der Zutritte jederzeit gewährleistet. Die Telefonzentrale Fislisbach sei eine kleinere Zentrale ohne kritische Infrastruktur.

Genützt hat M. wohl auch seine Erfahrung als Telematiker. So behauptete er, in der Vergangenheit für die Swisscom Hausinstallationen durchgeführt zu haben.

Liechtenstein stellt Rechtshilfegesuch

Der Telefon-Coup war M. offenbar nicht genug. Kaum hatte er die Mehrwertnummern-Abzocke durchgezogen, widmete er sich einem neuem Geschäftmodell: Adressbuchschwindel. Er versuchte die Masche mit den täuschenden «Gratis»-Einträgen in horrend teuren aber völlig nutzlosen Firmenregistern in Liechtenstein aus.

Diverse Geschädigte haben sich bei der Landespolizei gemeldet, worauf das Ländle in Zürich ein Rechtshilfegesuch deponierte. Die Abklärungen sind auch in diesem Fall am laufen.

Auf Anfragen der Redaktion a-z.ch reagierte M. nicht.

© Aargauer Zeitung Online, 29.06.2010

100 Franken in zwei Sekunden

Monday, July 5th, 2010

Michel K. macht gerne «spontane Sachen». Seine Abzocktour in der Schweiz aber dürfte eher planmässig orchestriert worden sein. Der 21-jährige gründete Ende 2009 die ZFI GmbH in Cham. Im März meldeten sich in Konsumentenforen diverse Personen mit seltsamen Telefonrechnungen: Innerhalb weniger Sekunden wurden ihnen fast 100 Franken für die Mehrwertnummer 0901 900 880 verrechnet.

Viele Leute berichteten, diese Nummer nie gewählt zu haben. Und mehrere gaben an, zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zu Hause gewesen zu sein. Die Nummer sei von einem «Lebensberatungs-Institut» benutzt worden, berichtete der «Kassensturz». Es war die ZFI.

Swisscom: Computer gehackt?

Den Schaden durch K. «Lebensberatung» der besonderen Art hatte die Swisscom. Pressesprecher Olaf Schulz bestätigt gegenüber der «az Aargauer Zeitung», dass davon rund hundert Kunden betroffen waren.

Swisscom veranlasste sofort die Sperrung sämtlicher Zahlungen an ZFI, sperrte die Nummer und schrieb allen Geschädigten den Betrag gut.

Wie war das überhaupt möglich, per Anruf sofort abzukassieren? Swisscom-Sprecher Olaf Schulze meint: «Mit grosser Wahrscheinlichkeit wurden die Anrufe mit missbräuchlicher Absicht auf der Infrastruktur von Swisscom oder von Dritten aus einer Swisscom-Zentrale heraus getätigt.»

Mit anderen Worten vermutet Swisscom: Entweder hatte Ks. Umfeld Hilfe von innen oder aber seine Entourage missbrauchte die Infrastruktur Swisscoms, etwa mit Hacker-Methoden. In jedem Fall dürfte die Aktion ein rechtliches Nachspiel haben. Dazu wollte sich Schulze aber nicht äussern.

Polizei Liechtenstein schlägt Alarm

Nach der Nummern-Episode folgt jetzt Jungunternehmer K.s nächster Streich: Er mischt im klassischen Adressbuchschwindel mit. Seit mehreren Monaten verschickt er in Liechtenstein an Unternehmen Formulare mit der Aufschrift «Zentraler Firmenindex Fürstentum Liechtenstein» und den Landesfarben vom Ländle.

Wer auf den Trick hereinfällt und meint, das Formular komme vom offiziellen Handelsregister, ist knapp 380 Franken los. Die Landespolizei Liechtenstein warnt inzwischen offiziell vor Ks. Bauernfängerei.

Für die Masche benutzt er die Website Zefix.li, deren Name täuschend ähnlich ist, wie die zentrale Webseite aller Schweizerischen Handelsregister Zefix.ch.

Die Liechtensteiner-Website half ihm J. F. aufzusetzen. Auch praktisch alle dort herunterladbaren Formulare des Pseudo-Handelsregisters verfasste er.

Spuren in Facebook gelöscht

Als ihn diese Zeitung darauf ansprach, meinte F.: «Das ist ja der Hammer!» Für ihn ist das alles ein grosses Missverständnis. Er sei nicht für diese Firma verantwortlich sondern habe nur die Webseite für K. erstellt. Er habe mit dieser Tätigkeit nichts zu tun. «Das passt mir nicht», meinte er gegenüber der «az Aargauer Zeitung», dass sein Name mit diesem Geschäftsmodell in Verbindung gebracht werde.

Kurz nachdem die AZ F. kontaktierte, löschte er in Facebook die Verbindung zu Kollege K. Denn Recherchen zeigten, dass er und K. ziemlich gute Freunde waren.

Autoschilder für 100’000 Franken

F. kam letztes Jahr in der Schweiz zu einiger Prominenz: Er betreibt mit einer Liechtensteiner Firma ein Auktionsportal, bei dem Autoschilder mit tiefen Nummern ersteigert werden können. «Wir haben monatlich 180’000 Besucher» sagte er «20 Minuten» und hielt den Preis von 99’999 Franken fürs Autoschild «SH 1» für «vollkommen realistisch». Die Experten von WebTrafficAgents weisen für die Seite wenig mehr als 7500 Klicks pro Monat aus.

Offenbar hat Michel K., der sich nun auch «von Rosenberg» nennt, mit seinen irreführenden Zahlscheinen grossen Erfolg. Denn schon bald suchte er Verstärkung: Die telefonische Betreuung seiner «Kunden» durfte eine «junge Studentin oder Dame» übernehmen.

Sein Geschäftsmodell steht auf äusserst schwachen Beinen: Das Bundesgericht in Lausanne urteilte, dass solche Zahlscheine gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) verstossen.

K. weist alle Vorwürfe zurück

K. äusserte sich gegenüber der «az Aargauer Zeitung», dass sein Firmenindex einen Mehrwert gegenüber dem offiziellen Register von Liechtenstein biete. Daher distanziere er sich von dem Vorwurf, der Eintrag sei «wertlos». Auch den Vorwurf, seine Formulare würden eine täuschende Ähnlichkeit mit den Liechtensteinischen Behörden aufweisen, lässt er nicht gelten.

Zu weiteren Fragen dieser Zeitung wollte K. keine Stellung nehmen.

Mehr: Bundesgerichtsurteil