Archive for August, 2009

Polizei ermittelt gegen die Adressbuch-Mafia

Friday, August 7th, 2009

Neun Festnahmen und 13 Hausdurchsuchungen: Luzerner Ermittler nehmen sich eines illustren Firmen-Rings an.

Von Christian Bütikofer

Die Luzerner Strafuntersuchungsbehörden haben turbulente Zeiten hinter sich: Nicht weniger als 13 Hausdurchsuchungen ordneten sie in Luzern, Zug, St. Gallen und den beiden Appenzell im Juni an, wie Mediensprecher Simon Kopp gegenüber dem TA bestätigt. Ganze Büros wurden leergeräumt, Server eingezogen, kistenweise Ordner eingesammelt. Neun Personen wurden vorübergehend verhaftet.

Die Firmen Novachannel, Intercable, Ovag, Premium Recovery und Maiwolf Holding werden des Betrugs und des unlauteren Wettbewerbs im grossen Stil verdächtigt. Die einen versenden weltweit Formulare für Adressbuchverzeichnisse, die vorgeben, gratis zu sein – der Preis ist im Kleingedruckten gut versteckt, und der «Auftrag» wird mit verwirrenden Sätzen verschleiert. Dem TA liegen Dutzende solche Formularvarianten vor. Verschickt wurden sie nicht nur an Firmen, sondern auch an Kleingewerbler und gemeinnützige Institutionen. Beim Ausfüllen des Formulars werden langjährige Verträge über 1000 Franken pro Jahr abgeschlossen, und säumige «Kunden» werden mit eigenen international tätigen Inkassobüros massiv zum Zahlen gedrängt.

Pro Jahr verdienen die Firmen damit Millionen, Schweizer Bundesbeamte werden überhäuft mit Klagen verärgerter «Kunden» und fürchten um das Ansehen der Schweiz im Ausland. Die Aktivitäten dieses Geflechts sind der Hauptgrund, warum das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco eine Revision des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb vorantreibt.

Dritte Razzia seit 2005

Bereits 2005 führten die Beamten aufgrund einer Anzeige des Seco im Umfeld dieser Firmen erste Hausdurchsuchungen durch, 2006 wurden dann nochmals Akten beschlagnahmt. Das beeindruckte die Adressbuchschwindler nicht im Geringsten, sie machten weiter wie bisher; geführt wurde der Clan damals vom Hamburger Geschäftsmann Meinolf Lüdenbach.

Die Luzerner Beamten ziehen erst an einem kleinen Faden eines monströsen Firmenknäuels, das schwierig zu entwirren ist. In den über 25 Jahren seines Bestehens gehören oder gehörten weit über 80 Firmen entweder ganz direkt dazu oder dann zum Umfeld dieser Szene, wie Recherchen des TA zeigen. Von Thailand, Singapur bis hin zu Europa, von den USA über Mexiko bis nach Südafrika erstreckt sich das Netz.

Mitte 2008 verbot das Amtsgericht Luzern der Novachannel, ihre irreführenden Formulare weiterhin zu versenden. Wie immer in solchen Fällen nützt der Adressschwindler-Clan alle verfügbaren Instanzen – Novachannel-Boss Michael Röwe appellierte ans Obergericht Luzern. Dieses schmetterte den Rekurs ab; das Urteil liegt dem TA vor. Darin wird verfügt, dass der Entscheid in 28 Ländern in grossen Zeitungen publiziert wird – von Kambodscha bis Peru. Jetzt ist beim Bundesgericht in Lausanne wieder ein Rekurs hängig. Das Anfechten von Urteilen hat Methode: So lange die Urteile nicht rechtskräftig sind, können die Firmen munter weiter Formulare versenden. Immerhin, in Italien, Belgien und Spanien wurden Firmen dieses Geflechts seit 2006 für umgerechnet über 1,8 Millionen Franken gebüsst.

Da der Druck in der Schweiz immer grösser wird, versuchen diverse Firmen dieser Clique seit Ende 2008 im Ausland neue Basen zu errichten. Das Beispiel Intercable zeigt dies exemplarisch: Deren Geschäftsführer Andreas Wittmer besann sich offenbar, in Delaware, USA, eine Holding zu gründen, die in Ungarn die Firma Central European Advertising finanzierte – eine neue Adressbuchfirma. Sie übernahm pro Forma alle «Verträge» der Intercable und verschickte erneut Rechnungen. Praktischerweise fungieren alte Geschäftspartner Wittmers als Strohmänner.

Schlammschlacht gegen das Seco

In Österreich landete das Netzwerk bisher seinen bemerkenswertesten Coup: Unter dem Label Art-X startete man 1998 einen ersten «Erotik-Supermarkt». Inzwischen dominiert diese Sexshop-Kette den Markt. Dieser Erfolg ermutigte offenbar zum Start der Firma Novachannel für ein «internationales Erotikportal im Internet» mit Swinger-Channel, Kontaktanzeigen, Sexshop. Dies in enger Zusammenarbeit mit der Ingolstädter Firma Eye-Net. Geleitet wird diese Firma von Ex-Novachannel-Mitarbeitern. Sie betreiben heute neben einer Partnertausch-Site ein Forum namens «Internetvictims», wo man Kritiker der Adressbuchabzocke durch anonyme Beiträge in die Nähe von Pädophilen und Terroristen rückt. Selbst Rechtsanwälte des Seco versuchte man zu diskreditieren.

Bemerkenswerte Partner

Auch mit Hotelguide.com schaffte man es bis in hohe Sphären. Zu Beginn stand die Firma unter der Kontrolle der Adressbuchschwindler. Nach Aktionärswechseln wurde man bei Luzerner Wirtschaftsgrössen fündig. Unter anderem fungiert Gerry Leumann als Verwaltungsratspräsident – seine Frau Helen Leumann-Würsch ist FDP-Ständerätin. Selbst Verleger der «Basler Zeitung» (Baz) gewann man als Partner: Für kurze Zeit fungierte CEO Beat Meyer als Vertreter im Verwaltungsrat.

Im Gegensatz zu anderen Firmen des Adressbuchkonstrukts, die mit irreführenden Formularen massenhaft Hotels übers Ohr hauten, tauchte der Hotelguide nie direkt als Adressbuchschwindler auf. Allzu koscher ging es wohl aber auch dort nicht zu. So wurde ein «Kundenberater» 2007 vom Obergericht Luzern der mehrfachen Urkundenfälschung für schuldig befunden. Er sollte bei Hotels Anzeigenaufträge für den Hotelguide hereinholen. Dabei unterschrieb er die Verträge der vermeintlichen Kunden gleich selbst.

© Tages-Anzeiger; 07.08.2009 / Der Bund; 07.08.2009