Archive for November, 2008

Cablecom: Das verflixte siebte Jahr

Monday, November 17th, 2008

Von Christian Bütikofer

«Ich erwarte, dass Cablecom ein für allemal ihre Probleme löst. Das ist für mich ein ungeheures Ärgernis.»

Marc Furrer, Chef der Kommunikationskommission zum Cablecom-Kundendienst, «Handelszeitung», 5. 11. 2008

Ich gestehe: Ich bin Cablecom-Kunde. Seit sieben Jahren schon. Unsere Affäre begann im April 2001, als die Firma ihre Briefe noch mit dem alten, klaren Logo, dem schwarzschraffierten «CABLE» und dem knallroten «COM» bedruckte. Mich hatte das Angebot zur Studentenzeit sofort überzeugt, ich überredete sogar meine WG-Mitbewohner zur Anschluss-Teilete. Der Service, das Hispeed-Internet, hatte immer funktioniert, die Leistung, der Preis stimmten.

2003: «Ein bisschen mühsam»

Als ich dann in einen anderen Kreis Zürichs zog, kam mein Abo natürlich mit. Ich überschrieb meinen Kommilitonen den einen Anschluss, was sich zuerst unkompliziert anhörte, dann aber doch nicht so einfach vonstatten ging – «es ist ein bisschen mühsam mit unserer Administration», meinte Melanie I. vom «Backoffice» damals im Januar 2003. Aber schliesslich wurde auch diese Klippe umschifft.

Zusätzlich schaffte ich mir nun noch «Digital Phone» an, das Cablecom-Internettelefon. Weg vom Swisscom-Monopol schien eine gute Idee. Die Cablecom-Dienste funktionierten einwandfrei. Und auch die Rechnungen flatterten jeden Monat in meinen Briefkasten am neuen Ort. Nur waren es jetzt plötzlich zwei Couverts – eine für «Christian Bütikofer» und eine für «Christian Müller/Bütikofer». Geheiratet hatte ich zwar nicht, aber einer meiner WG-Kumpels hiess tatsächlich Müller.

Ich liess die Sache mal auf sich beruhen – wie gesagt, meine Daten flutschten ja auch am neuen Ort behende von einem Computer zum anderen. Ich beglich fleissig die korrekt adressierte Rechnung. Den Müller/Bütikofer-Wisch hob ich jeweils auf. Man weiss ja nie.

Als die ominösen Zweitrechnungen munter weiter den Weg an meine neue Adresse fanden – nun zierte sie auch schon das schöne Wort «Mahnung» -, beschwörte ich die guten Cablecom-Geister im Juni und klärte sie per Brief über die Sachlage auf. Das «Cablecom hispeed internet team» versprach, «das Problem mit den Mahnungen zu klären». Aber nichts geschah. Bis mich plötzlich Briefe der Inkassofirma Intrum Justitia (Slogan: «Fair pay . . . please!») für diese falschen Rechnungen beglückten.

2004: «Kassensturz»-Inkasso

Intrum Justitia? Ist die Cablecom tatsächlich Kunde bei dieser Firma, die im «Kassensturz» und bei «Ktipp» immer wieder negativ auffällt? Ja, genau. Bei mir schellten die Alarmglocken. Denn auch diese Firma kenne ich zur Genüge, habe dort als Student gearbeitet, 26 Franken die Stunde. Eines sei gesagt: Die Intrum ist nicht von ungefähr zuverlässiger Stofflieferant für Konsumentenschützer. Einer der Runing Gags damals unter uns Mitarbeitern war, wann man wohl wieder Thema im «Kassensturz» sei.

Nun war Eile angesagt im Januar 2004, nach weiteren sechs Monaten. Ein J. S. «Escalation Manager» der Cablecom nahm sich meiner an, versprach Abhilfe, alles sei geritzt, ich müsse nur noch die Dokus faxen, dann würden die Intrum-Briefe aufhören. Doch weit gefehlt, im April erhielt ich wieder einschlägige Post. Erst nach einem weiteren Fax an den «Escalation Manager» hörte der Spuk auf.

2006: Peinliche Boni-Pleite

Trotzdem blieb ich Cablecom treu. Der Dienst an sich funktionierte ja, war wirklich gut. Erschüttern konnte mich allerdings nichts mehr. Weder erstaunte mich, dass Ende 2006 durch Indiskretionen öffentlich wurde, dass 40 Cablecom-Manager für 2,8 Millionen Franken Anteile der Firma kauften, damit 5000 Prozent Gewinn machten (144 Millionen) und der Belegschaft darauf eine Massenentlassung zumuteten. Noch war ich überrascht, dass die Firma versuchte, die Bonibezüger geheimzuhalten – was misslang. Es erstaunte mich auch nicht, dass das digitale Cablecom-TV immer wieder von sich reden machte – meist negativ.

2007: «Feindbild der Nation»

Aber ich wünschte der Firma weiterhin, dass sie ihren Kundendienst in den Griff bekommt. Und auch ich hoffte, wie der damalige «Magazin»-Chefredaktor Res Strehle im Artikel «Wie Cablecom zum Feindbild der Nation wurde» vom März 2007, dass bald alle mit Cablecom zufrieden sein werden.

2008: Kunden-Exodus

Wir beide lagen total falsch. Die Stiftung Konsumentenschutz verbreitet nun offiziell Kündigungsvorlagen. Interne Schreiben empörter Klienten kursieren im Web. Und jetzt verliert die Cablecom erstmals Kunden.

Ich kenne wahrscheinlich einen der Gründe: Kürzlich wollte ich meinen superschnellen Internet-Zugang in einen mittelschnellen umwandeln – «Downgrade» heisst das auf Neuenglisch. Ich wurde dabei gewahr, was beim Kundendienst, also dem «Dienst am Kunden» Cablecoms, so alles inklusive ist: 100 Franken belastete man mir, weil ich nun für weniger Leistung weniger bezahlen wollte. Auf die 100er-Gebühr wird man korrekt hingewiesen. Da mir das Abo nach dem ersten «Downgrade» aber immer noch zu schnell war, musste ich nochmals «downgraden» und bin nun – schwupps – wieder 100 Franken los. «In Härtefällen sehen wir von einer Rechnung ab», versichert mir Cablecom-Pressesprechert Hugo Wyler.

Ich will nicht mehr herausfinden, ob ich zu diesen Fällen gehöre – «Digital Phone» habe ich jetzt gekündigt. So bringe ich die 200 Franken Strafgebühren schneller wieder rein. Beim Internet bleibe ich vorläufig. Der Dienst funktioniert ja gut. Eigentlich.

© Tages-Anzeiger; 17.11.2008