Software per Spam-E-Mail in Zug bestellen

Spam-Versand ist in der Schweiz seit einem Jahr verboten. Eine Firma in Zug aber mischt in diesem Geschäft kräftig mit.

Von Christian Bütikofer

Jeden Tag landen unzählige unverlangte E-Mails im Postfach. In dieser unerwünschten elektronischen Post – auchSpam genannt – wird oft für Fälschungen, Pillen, wertlose Aktien oder Online-Gambling geworben. Die Spam-Plage ist nicht nur ein tägliches Ärgernis für den Einzelnen, sie verursacht auch einen immer grösseren wirtschaftlichen Schaden. Der Ruf nach einem Anti-Spam-Gesetz wurde deshalb in der Schweiz immer lauter.

Die Politik hat reagiert – seit dem ersten April 2007 steht hier Spam-Versand unter Strafe und kann mit bis zu 100 000 Franken gebüsst werden. Nicht nur der Versand ist strafbar, neben den technischen Verantwortlichen können auch die wirtschaftlichen Nutzniesser belangt werden, falls sie in der Schweiz sitzen.

Ernüchternde Bilanz

Ein Jahr seit der Stunde null für die Spammer ist vergangen – was hat sich für die Schweizer Internet-Benutzer verändert? Die Antwort ist ernüchternd. Fragt man bei Bluewin, dem grössten Internetprovider der Schweiz, nach, so waren im Schnitt 75 Prozent aller E-Mails Spam, wie Pressesprecher Christian Neuhaus sagt. Bluewin wendet pro Jahr nach wie vor eine Summe in zweistelliger Millionenhöhe zur Spam-Bekämpfung auf. Etwa 15 Personen sind extra für diese Aufgabe abgestellt. Andreas Reinhard, Geschäftsführer der Winterthurer Anti-Spam-Firma Apexis Cleanmail, verzeichnete dieses Jahr nicht etwa eine Abnahme von Spam, sondern im Gegenteil eine weitere Zunahme des E-Mail-Mülls. Spam wird heute vor allem über so genannte Botnetze verteilt. Dabei handelt es sich um infizierte Computer von Privatpersonen, die von Hackern ferngesteuert und zum Spamversand missbraucht werden. Gemäss Andreas Reinhard sind die Türkei, China, USA, Russland und Deutschland jene Länder, von denen am meisten Spam verschickt wird.

Auch wenn das Schweizer AntiSpam-Gesetz dem weltweiten Boom der Müll-Mails nicht im Geringsten etwas entgegensetzen konnte – einen Effekt hatte es trotzdem: Andreas Reinhard bestätigte gegenüber dem TA, dass es um die bekanntesten Schweizer Spammer ruhig geworden ist. Sie machten sich jahrelang vor allem mit Socken, Badetüchern, Pornos, Vaterschaftstests und Swissair-Souvenirs einen besonderen Namen. Die Firmen dieser Personen agieren seit dem Spam-Verbot vom 1. April 2007 nicht mehr offiziell in diesem Umfeld.

Spammer-Firma aus Zug

Daraus zu schliessen, dass aus der Schweiz heraus keine Spam-Aktivitäten mehr entwickelt werden, ist jedoch grundfalsch. Dem TA liegen umfangreiche Daten vor, die zeigen, dass die Hintermänner der Zuger Firma mit dem rekordverdächtig langen Namen «ProfCom Solution for Information and Technology Systems GmbH» seit Jahren tief ins SpamGeschäft verwickelt sind.

Der Name dieser Firma taucht in den Spam-E-Mails nicht auf, die meist für Software werben, die man auf einer Webseite bestellen soll.

Die Spam-Webseite ist irgendwo auf Computern in China oder der Türkei parkiert, meist auf einen türkischen Namen registriert und verschwindet nach jedem Spam-Versand schnell vom Web – danach beginnt das Spiel von vorne: Neuer Spam-Versand, neue Webseite.

Erst wenn man etwas bestellt, gibt sich die Firma zu erkennen – allerdings nur mit der kryptischen Abkürzung PC-IT GmbH. Der offiziell eingetragene Gesellschafter der PC-IT will mit der Firma überhaupt nichts mehr zu tun haben und verrät auch gleich, wer wirklich hinter der PC-IT steckt: Oezcan Ahishali-Yeni. Er machte im Web schon früher mitSpam von sich reden: Durch sein Unternehmen Sosirtas delinquere non potest GmbH wurde ebenfalls Software beworben. Offenbar lief das Geschäft aber nicht gerade prächtig; heute befindet sich die Sosirtas in Liquidation.

Wie weitere Recherchen zeigen, besteht zwischen Ahishalis PC-IT und diversen weiteren Firmen aus München eine enge Geschäftsbeziehung; so auch mit der G.I.B. Verlag GmbH. Die Deutschen bieten genau dieselbe Ware an wie jene, die man über Spam-E-Mails bei der PC-IT bezieht. Der Münchner Geschäftsführer der G.I.B. bekräftigte gegenüber dem TA, dass sich jedermann aus dem Versand austragen könne und danach garantiert nie mehr etwas von seinen «Sonderangeboten» höre.

Warum ist Mail-Müll Spam?

Eigentlich steht Spam für Dosenfleisch (Spiced Ham) – ein Markenname, der bereits 1936 entstand. Heute versteht man unter Spam vor allem E-Mail-Müll.

Spam als Begriff für unverlangte E-Mails geht aufs Konto der britischen Komödiantentruppe Monty Python (Bild rechts). In einem Sketch der Engländer wird das Wort «Spam» als Synonym für eine unnötig häufige Wiederholung gebraucht: In einem Bistro besteht die Speisekarte nur aus Spam-Gerichten, im Sketch wird «Spam» fast hundertmal verwendet. Da etliche Computerprofis grosse Fans von Monty Python waren, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie die aufkommenden Nerv-E-Mails als Spam bezeichneten.

© Tages-Anzeiger; 14.04.2008

Leave a Reply