Archive for April, 2008

Äpfel, Klone, ein bisschen Kokain

Wednesday, April 16th, 2008

Die Firma Psystar will Apple-kompatible Computer unter die Leute bringen. Das Umfeld des Unternehmens aus Miami mutet dubios an.

Von Christian Bütikofer

Seit Tagen ist die Internetwelt in Aufruhr. Die Firma Psystar aus Miami, Florida, kündigte den ersten Apple-Klon an, der seit elf Jahren auf den Markt kommt. Für nur 399 Dollar – und gegen einen Aufpreis mit vorinstalliertem Apple-Betriebssystem (Mac OS X) – gibts auf der Website von Psystar einen solchen Mac-Klon zu bestellen. Die Homepage von Psystar war zeitweise nicht mehr erreichbar, der Server litt unter dem grossen Ansturm der Internetgemeinde. Nachdem die Seite gestern wieder online war, setzte Psystar noch einen drauf und kündigte das leistungsstärkere «OpenPro Computer»-Modell an, erhältlich für 999 Dollar und ebenfalls Mac-kompatibel.

Früher waren Mac-Klone keine Seltenheit. Als Apple in den Neunzigerjahren wirtschaftlich vor dem Abgrund stand, führte die Firma ein Lizenzmodell für fremde Hardwarehersteller ein – auf deren Mac-Kopien lief das originale Apple-Betriebssystem legal. Seit Steve Jobs wieder die Zügel in der Hand hält, vergibt das Unternehmen aber keine Lizenzen zum Bau von Mac-Kopien mehr.

Umtriebige Geschäftsleute

Das Geschäftsmodell von Psystar steht daher juristisch auf schwachen Beinen. Trotzdem scheint man bei Psystar siegessicher. Das IT-Magazin «Information Week» zitiert einen Psystar-Mitarbeiter namens «Robert» damit, dass Apple seine Hardware viel zu teuer anbiete. Er zeigte sich optimistisch, was ein allfälliges Gerichtsverfahren betrifft.

Schon Psystars Geschäftsidee löst Stirnrunzeln aus. Aber auch die involvierten Personen regen zum Nachdenken an. Die Firma existiert seit knapp einem halben Jahr. Als Direktoren des Unternehmens amten Roberto Pedraza und der 51-jährige Lastwagenfahrer Rodolfo Jesus Pedraza. Sie trifft man seit 2000 entweder einzeln oder zusammen in etlichen Firmen mit diversen Geschäftszwecken an.

So mischte etwa die Expressi Networks ohne grossen Erfolg im Website-Hosting mit – sie ist inzwischen nicht mehr aktiv. Zwei weitere Firmen wurden beide ein Jahr nach Gründung 2006 schon wieder aufgelöst; diverse Websites lauten aber nach wie vor auf diese drei Unternehmen. Eine weitere Firma, die Elect Elite, existiert noch und entwickelt ein Online-Wahlsystem für Schulen. Auch in ganz anderen Geschäftsfeldern war das Umfeld von Psystar tätig. Laut dem TA vorliegenden Dokumenten wurde eine Person aus diesem Kreis in der Vergangenheit wegen einem Betäubungsmitteldelikt verurteilt.

Die Beantwortung diverser Fragen des TA per Telefon wurde von einem Psystar-Mitarbeiter abgelehnt. Per E-Mail erhalte man innert 20 Minuten Antwort, meinte er, auch von Psystar-Chef Rudy Pedraza persönlich per Telefon. Bis Redaktionsschluss erfolgte keine Reaktion.

Software per Spam-E-Mail in Zug bestellen

Monday, April 14th, 2008
Spam-Versand ist in der Schweiz seit einem Jahr verboten. Eine Firma in Zug aber mischt in diesem Geschäft kräftig mit.

Von Christian Bütikofer

Jeden Tag landen unzählige unverlangte E-Mails im Postfach. In dieser unerwünschten elektronischen Post – auchSpam genannt – wird oft für Fälschungen, Pillen, wertlose Aktien oder Online-Gambling geworben. Die Spam-Plage ist nicht nur ein tägliches Ärgernis für den Einzelnen, sie verursacht auch einen immer grösseren wirtschaftlichen Schaden. Der Ruf nach einem Anti-Spam-Gesetz wurde deshalb in der Schweiz immer lauter.

Die Politik hat reagiert – seit dem ersten April 2007 steht hier Spam-Versand unter Strafe und kann mit bis zu 100 000 Franken gebüsst werden. Nicht nur der Versand ist strafbar, neben den technischen Verantwortlichen können auch die wirtschaftlichen Nutzniesser belangt werden, falls sie in der Schweiz sitzen.

Ernüchternde Bilanz

Ein Jahr seit der Stunde null für die Spammer ist vergangen – was hat sich für die Schweizer Internet-Benutzer verändert? Die Antwort ist ernüchternd. Fragt man bei Bluewin, dem grössten Internetprovider der Schweiz, nach, so waren im Schnitt 75 Prozent aller E-Mails Spam, wie Pressesprecher Christian Neuhaus sagt. Bluewin wendet pro Jahr nach wie vor eine Summe in zweistelliger Millionenhöhe zur Spam-Bekämpfung auf. Etwa 15 Personen sind extra für diese Aufgabe abgestellt. Andreas Reinhard, Geschäftsführer der Winterthurer Anti-Spam-Firma Apexis Cleanmail, verzeichnete dieses Jahr nicht etwa eine Abnahme von Spam, sondern im Gegenteil eine weitere Zunahme des E-Mail-Mülls. Spam wird heute vor allem über so genannte Botnetze verteilt. Dabei handelt es sich um infizierte Computer von Privatpersonen, die von Hackern ferngesteuert und zum Spamversand missbraucht werden. Gemäss Andreas Reinhard sind die Türkei, China, USA, Russland und Deutschland jene Länder, von denen am meisten Spam verschickt wird.

Auch wenn das Schweizer AntiSpam-Gesetz dem weltweiten Boom der Müll-Mails nicht im Geringsten etwas entgegensetzen konnte – einen Effekt hatte es trotzdem: Andreas Reinhard bestätigte gegenüber dem TA, dass es um die bekanntesten Schweizer Spammer ruhig geworden ist. Sie machten sich jahrelang vor allem mit Socken, Badetüchern, Pornos, Vaterschaftstests und Swissair-Souvenirs einen besonderen Namen. Die Firmen dieser Personen agieren seit dem Spam-Verbot vom 1. April 2007 nicht mehr offiziell in diesem Umfeld.

Spammer-Firma aus Zug

Daraus zu schliessen, dass aus der Schweiz heraus keine Spam-Aktivitäten mehr entwickelt werden, ist jedoch grundfalsch. Dem TA liegen umfangreiche Daten vor, die zeigen, dass die Hintermänner der Zuger Firma mit dem rekordverdächtig langen Namen «ProfCom Solution for Information and Technology Systems GmbH» seit Jahren tief ins SpamGeschäft verwickelt sind.

Der Name dieser Firma taucht in den Spam-E-Mails nicht auf, die meist für Software werben, die man auf einer Webseite bestellen soll.

Die Spam-Webseite ist irgendwo auf Computern in China oder der Türkei parkiert, meist auf einen türkischen Namen registriert und verschwindet nach jedem Spam-Versand schnell vom Web – danach beginnt das Spiel von vorne: Neuer Spam-Versand, neue Webseite.

Erst wenn man etwas bestellt, gibt sich die Firma zu erkennen – allerdings nur mit der kryptischen Abkürzung PC-IT GmbH. Der offiziell eingetragene Gesellschafter der PC-IT will mit der Firma überhaupt nichts mehr zu tun haben und verrät auch gleich, wer wirklich hinter der PC-IT steckt: Oezcan Ahishali-Yeni. Er machte im Web schon früher mitSpam von sich reden: Durch sein Unternehmen Sosirtas delinquere non potest GmbH wurde ebenfalls Software beworben. Offenbar lief das Geschäft aber nicht gerade prächtig; heute befindet sich die Sosirtas in Liquidation.

Wie weitere Recherchen zeigen, besteht zwischen Ahishalis PC-IT und diversen weiteren Firmen aus München eine enge Geschäftsbeziehung; so auch mit der G.I.B. Verlag GmbH. Die Deutschen bieten genau dieselbe Ware an wie jene, die man über Spam-E-Mails bei der PC-IT bezieht. Der Münchner Geschäftsführer der G.I.B. bekräftigte gegenüber dem TA, dass sich jedermann aus dem Versand austragen könne und danach garantiert nie mehr etwas von seinen «Sonderangeboten» höre.

Warum ist Mail-Müll Spam?

Eigentlich steht Spam für Dosenfleisch (Spiced Ham) – ein Markenname, der bereits 1936 entstand. Heute versteht man unter Spam vor allem E-Mail-Müll.

Spam als Begriff für unverlangte E-Mails geht aufs Konto der britischen Komödiantentruppe Monty Python (Bild rechts). In einem Sketch der Engländer wird das Wort «Spam» als Synonym für eine unnötig häufige Wiederholung gebraucht: In einem Bistro besteht die Speisekarte nur aus Spam-Gerichten, im Sketch wird «Spam» fast hundertmal verwendet. Da etliche Computerprofis grosse Fans von Monty Python waren, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie die aufkommenden Nerv-E-Mails als Spam bezeichneten.

© Tages-Anzeiger; 14.04.2008