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Was hinter dem Tauschbörsen-Streit steckt

Monday, November 14th, 2005

In der Roten Fabrik findet zurzeit eine Vortragsreihe zu den drängendsten Fragen des digitalen Zeitalters statt. 

Von Christian Bütikofer

Tauschbörsen von eMule bis Bittorrent sind in aller Munde. Kein Monat vergeht ohne Nachrichten über Massenklagen der Musik- oder Filmindustrie gegen Privatpersonen. Und vor einiger Zeit wurde das juristische Spezialgebiet Urheberrecht (Copyright), das während mehr als hundert Jahren nur Spezialisten hinter dem Ofen hervorzulocken vermochte, plötzlich zum Gegenstand öffentlicher Debatten.

Stehen wir mit dem Wandel von der analogen zur digitalen Gesellschaft vor einer fundamentalen Wandlung des über hundertjährigen Copyright-Begriffs? Die Vortragsreihe «Digitale Allmend» geht in der Roten Fabrik dieser und anderen Fragen zum Leben in der digitalen Gesellschaft nach.

Wie die Historikerin Monika Domann von der Universität Zürich an einer «Digitale Allmend»-Veranstaltung ausführte, hat der Konflikt zwischen Musikkopierern im Internet und der Unterhaltungsindustrie tiefere Gründe, als man gemeinhin annimmt. Die Urheberrechte sind nicht erstals Folge des Computerzeitalters umstritten.

Zankapfel Musikdosen

Schon der erste internationale Urheberrechtsvertrag, die so genannte Berner Konvention, wurde vom Nationalrat nur auf internationalen Druck hin ratifiziert – denn im Jura existierte eine exportkräftige Musikdosenindustrie. Mit den Musikdosen (auch Spieldosen oder Spieluhren genannt) wurde eine Melodie mechanisch reproduziert, und dies passte ausländischen Urheberrechtsverwertern ganz und gar nicht. Die Schweiz stand deshalb, und auch wegen wilden Kopierens deutscher Pharmaprodukte, international als Pirateninsel in Verruf. Um zu Handelsverträgen zu kommen, trat die Schweiz dann doch dem ersten internationalen Urheberrechtsvertrag von Bern bei, mit entsprechenden Folgen für die einheimische Spieldosenindustrie.

Fotografie und Urheberrecht

Domann zeigte in ihrem Vortrag weiter auf, wie der gängige Urheberrechtsbegriff von neuen technischen Entwicklungen immer wieder herausgefordert wurde. Den Anfang machte die Fotografie.

Der Urheberrechtsschutz vor der Fotografie war damals dezidiert an menschliche Tätigkeiten gebunden und schloss so genannte mechanische Tätigkeiten vom Copyright aus. Doch mit der Fotografie wurden Werke geschaffen, die ganz wesentlich mit mechanischen Hilfsmitteln hergestellt wurden. Das ursprüngliche Urheberrechtskonzept wurde fundamental herausgefordert – genau wie heute durch die per Computer hergestellten und konsumierten Werke (Software, 3-D-Grafik, Samples, Computermusik).

Ein weiterer Referent, Felix Stalder, Dozent für Medienökonomie an der Hochschule für Kunst und Gestaltung Zürich, stellte im Rahmen der «Digitalen Allmend» vor allem eine These zur Diskussion: Der Konflikt um die Organisation des Wissens (dazu ist das Urheberrecht zentral) wird das 21. Jahrhundert ähnlich prägen, wie der Konflikt um die Vorherrschaft der Wirtschaftsordnung (Kapitalismus oder Planwirtschaft) das 20. Jahrhundert prägte: Bauern demonstrieren gegen Monsanto in Indien (Gentechnik), Bürger gegen die Pharmaindustrie in Südafrika (Gesundheit), Programmierer leisten Lobbyarbeit in Brüssel, um Softwarepatente zu verhindern (TA 27. Juni 2005), die Musikindustrie organisiert eine Klagewelle gegen ihre eigenen Kunden.

Wer soll das Wissen kontrollieren?

Hinter all diesen Auseinandersetzungen sieht Felix Stalder die zentrale Frage: Wie soll im Wissenszeitalter die Produktion von Wissen und Kultur organisiert werden?

Laut Stalder stehen sich dabei zwei grundsätzlich verschiedene Ansichten gegenüber: Die eine beruht auf der Einschränkung des Zugangs zu Wissen, um es damit in ein knappes Gut zu verwandeln, das auf dem freien Markt gehandelt werden kann. Diese Ansicht wird durch das aktuelle Urheberrechtsverständnis repräsentiert, das vor allem die Interessen multinationaler Firmen berücksichtigt und im Falle von Filmen und Musik für den Konsumenten anhand von Kopierschutz bemerkt wird. Diese Sicht basiert auf ideellen Konzepten des 18. Jahrhunderts und geht davon aus, dass Wissen und Kultur eine riesige Sammlung von unabhängigen Einzelleistungen (Werken) sind.

Die andere Ansicht beruht auf dem offenen Zugang zu Wissen, um seine Produktion kooperativ zu organisieren und die Distribution so effizient als möglich zu gestalten. Diese Denkart wird zu einem grossen Teil von der Creative-Commons- (TA 13. Juni 2005) und Open-Source-Bewegung bevorzugt. Ihre bekanntesten Produkte sind Linux, Firefox oder Open Office. Open-Source-Software kann von jedermann verändert werden, und man ist verpflichtet, Veränderungen an der Software anderen auch wieder zugänglich zu machen. Die Anhänger dieser Sicht gehen davon aus, dass Wissen und Kultur eine primär kollektive Ressource sind. Ein Schriftsteller liest Bücher, wird zusätzlich von anderen kulturellen Werken beeinflusst und stellt erst dann ein eigenes Werk her – es gibt kein richtig «unabhängiges» Werk. Genau so wie Open-Source-Programmierer Software entwickeln.

In der Roten Fabrik gibt es keine endgültigen Antworten auf viele dieser Fragen. Die «Digitale Allmend» ermöglicht aber eine öffentliche Diskussion – auch im Netz: Jeder Vortrag liegt unter www.allmend.ch gratis als MP3-Datei bereit. Mitte November finden die nächsten Vorträge statt. Themen sind Podcasting und die Zukunft von Musikproduktion und Musikdistribution im Zeitalter des Internets.

Nächste Veranstaltung: 17. November: Kultur in der digitalen Allmend – Podcasting, Creative Commons und Musik (Clubraum Rote Fabrik, 20 Uhr).

© Tages-Anzeiger; 14.11.2005