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Dubiose Chefs treiben Spitalgelder ein

Monday, October 31st, 2005

Die Luzerner Behörden ermitteln gegen Schweizer Inkassofirmen. Zu deren Kunden gehören auch Spitäler im Kanton Zürich.

Von Christian Bütikofer

In Hamburg fing alles an. Damals war Meinolf Lüdenbach noch ein kleiner Fisch – ein einfacher Mitarbeiter der Adressbuchfirma Intercable-Verlag. Heute ist er Multimillionär. Sein Vermögen verdankt Lüdenbach dem Verkauf von Einträgen in Firmenverzeichnissen. Diese erwecken bei der Kundschaft den Eindruck, gratis zu sein. In Wahrheit kosten sie Hunderte von Euro. Wer nicht zahlen will, bei dem treiben Lüdenbachs eigene Inkassogesellschaften das Geld rigoros ein.

Heute steht Lüdenbach einem Firmenimperium vor, das auf der ganzen Welt Niederlassungen hat und global agiert. Jede Filiale faxt täglich die frischen Finanzzahlen an Lüdenbachs heutiges Domizil in Barcelona. Gegen drei dieser Firmen, die Inkassogesellschaften Premium Recovery aus Cham ZG, Ovag International aus Meggen LU sowie den Adressbuchschwindel-Verlag Novachannel aus Luzern, reichte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) diesen Juli Strafanzeige ein, wie der «Tages-Anzeiger» aufgedeckt hat (TA vom 7., 10. und 24. September).

Besonders dick im Geschäft ist die 1991 inder Schweiz gegründete Ovag. Sie unterhält in den USA, in Südafrika und in England Zweigstellen. Das britische Ovag-Büro schmückt sich mit einem ehemaligen Sicherheitschef der Waadtländer Kantonalbank, einem britischen Ex-Geheimdienstler und weiterem Ex-Sicherheitspersonal. Auf der Lohnliste findet man auch Bob Stewart. «Bosnia Bob» war lange Zeit Oberkommandierender der Nato-Truppen in Bosnien während des Balkankriegs.

Seit Februar 2003 ist die Bundesanwaltschaft im Besitz einer reich dokumentierten Anzeige eines deutschen Anwalts wegen gewerbsmässigen Betrugs. Die Praktiken der Ovag werden darin mehrmals erwähnt. Im Oktober 2003 landete das Dossier auch bei der Polizei in Luzern. Geschehen ist indes nichts – die Hausdurchsuchungen diesen Juli fanden nicht wegen der deutschen Strafanzeige statt, sondern auf Grund der Initiative des Seco. «Es wäre mir weitaus wohler, wenn die Polizei die Sache intensiv untersuchen könnte», schreibt der deutsche Anwalt den Schweizer Behörden. Er wusste, warum, denn man schnüffelte ihm nach: Eine Bekannte wurde plötzlich von einem Ovag-Agenten «interviewt» – in Lettland.

Zürcher Spitäler Lüdenbach-Kunden

Während die Ovag mit ihrer Abteilung «Observance 1» jahrelang Geld für die irreführenden Adressbucheintrag-Verträge einkassierte, bevor dazu 2003 die Premium Recovery gegründet wurde, machte sich Abteilung «Observance 2» daran, in einen anderen Geschäftszweig zu investieren: weltweites Inkasso, vor allem für Spitäler.

Die Strategie ging offenbar auf: In den USA zählt die Ovag die allerbesten und grössten Spitalketten aus Kalifornien, Texas und Florida zu ihren Kunden. Laut verschiedenen Ovag-Kennern stehen oder standen neben den Finanzanbietern Citibank und Diners Club (beide England) unter anderen auch die amerikanischen Spitäler New York Presbyterian, Columbia Presbyterian, Johns Hopkins, Tenet Healthcare Group, California Pacific, Cedars-Sinai Beverly Hills, Children’s Hospital Boston, HCA Tampa Bay und Orange Park, M. D. Anderson, Orlando Regional Healthcare System oder Massachusetts General Hospital auf der Kundenliste.

Auch in der Schweiz hat die Ovag Kunden. Etliche Kantonsspitäler haben mit ihr gearbeitet, so jenes von Winterthur und in der Vergangenheit auch das Uni-Spital Zürich. Während Lüdenbach die Schweiz mit seinen Verlagen weltweit in Verruf bringt, verdient er hier gleichzeitig an Unternehmen der öffentlichen Hand.

In Lüdenbach-Firmen trifft man immer wieder auf Figuren mit bunter Vergangenheit. Sie wechseln meist intern im Firmenkonglomerat. So sprang auch Frank E. Dohms aufs Karussell auf: Nach einem kurzen Gastspiel bei Novachannel mauserte er sich zum Geschäftsführer des Ovag-Geflechts. Recherchen in Deutschland zeigen, dass Dohms in diversen Pleiteunternehmen eine Rolle spielte; so auch bei Topware. Die ist den Rechtsanwälten der Deutschen Telekom noch lebhaft in Erinnerung. Denn Topware warf in den Neunzigerjahren mit kopierten Daten die Telefon-CD «D-Info» als Konkurrenz zum Telekom-Original für einen Spottpreis auf den Markt. Es folgten jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen mit der Telekom, bis Topware dieses Geschäft einstellen musste. Im Zuge dieser Wirren wurde ein damaliger Topware-Treuhänder wegen diverser Wirtschaftsdelikte zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Dohms wiederum landete einige Jahre darauf bei Lüdenbach und lebt heute in Meggen LU.

Ein anderer Lüdenbach-Günstling ist der Hobby-Springreiter Michael Röwe. Er war bereits in den Achtzigern im Intercable-Verlag Deutschland und bei Intercable Schweiz mit dabei. Danach machte er sich mit dem Pfyffer-Verlag aus Zug selbstständig, den er Ende 1990 nach knapp zwei Jahren in den Konkurs ritt. Er kehrte zurück in Lüdenbachs Schoss: 1991 wurde er Chef der Ovag, seine damalige Frau prüfte die Bücher, heute ist Röwe Leiter von Novachannel.

Konzentrierte Klagewelle

Auch jetzt, da die Luzerner Polizei Novachannel auseinander nimmt, scheut sich Röwe nicht, seine Kritiker, die die Internetseite www.stopecg.org betreiben, mit der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Wragge & Co. durch massive Schadenersatzforderungen anzugreifen. Zwei weitere lüdenbachsche Verlage – der European City Guide (ECG) aus Spanien und Construct Data aus Österreich – versuchen seitder vergangenen Woche ebenfalls, in einer konzentrierten Aktion dieselben Kritiker mit Hilfe der Anwaltskanzleien Wiloughby & Partners und Field Fisher Waterhouse aus dem Verkehr zu ziehen. Derweil treibt die Chamer Premium Recovery, der hier ebenfalls Ungemach droht, weiterhin Gelder für Schwindelverträge ein, wie wenn nichts geschehen wäre.

Die Ovag, Novachannel und ECG haben nicht nur illustre Chefs, auch das Bezahlen eigener Rechnungen scheinen die Unternehmensleiter recht locker zu nehmen: Ein Anwalt der US-amerikanischen Kanzlei Gallop Johnson & Neumann legte seine Trademark-Mandate für diese Unternehmen nieder, weil er über längere Zeit kein Honorar überwiesen bekam und auf seine Schreiben nicht reagiert wurde. Das ist so nachzulesen im Patentamt der Vereinigten Staaten. Sein Pech war wohl, dass diese Kanzlei im Namen des Lüdenbach-Unternehmens ECG gegen den Betreiber der Website www.stopecg.org 2003 in England eine Klage anstrengte und verlor. Auch sie hatte zum Ziel, Kritik im Internet zum Verstummen zu bringen.

© Tages-Anzeiger; 31.10.2005