Archive for September, 2005

Adressenhändler ist ein alter Bekannter

Saturday, September 24th, 2005

Seit Juli ermittelt die Kripo Luzern gegen seine dubiosen Adressbuchfirmen. Recherchen zeigen nun: Meinolf Lüdenbach ist viel länger im Geschäft, als die Behörden vermuteten.

Von Christian Bütikofer

Fürs tägliche Geschäft schob Lüdenbach schon immer andere vor. Er selber versteckte sich jahrelang hinter seiner Maiwolf Holding in St. Gallen. Mit dieser Firma wurden in der Schweiz und im Ausland seit 1991 diverse Unternehmen gegründet, die sich vorwiegend auf weltweiten Adressbuchschwindel und das anschliessende länderübergreifende Inkasso konzentrieren. Der Name Lüdenbach tauchte jahrelang nirgends auf.

Im vergangenen Juli beschlagnahmte die Polizei auf Grund einer Anzeige des Bundes bei etlichen Maiwolf-Firmen die Geschäftsakten. Der Verdacht: unlauterer Wettbewerb im grossen Stil. Die Beamten wussten bis vor zwei Wochen nicht, dass sie es mit dem in Vallvidrera bei Barcelona lebenden Meinolf Lüdenbach zu tun haben (TA vom 7. und 10. September). Weitere Recherchen zeigen jetzt: Er tummelte sich in diesem Umfeld schon weit vor 1991.

Lüdenbach gründet schon im Jahre 1982 in Barcelona die Firma Merwil – damals noch unter seiner Hamburger Adresse. Die Firma erhält praktisch ihr gesamtes Kapital vom ebenfalls 1982 gegründeten IGV Intertrade Guide Verlag mit Sitz in Balzers, Liechtenstein.

Obwohl in Liechtenstein domiziliert, wird im Handelsregister von Barcelona die IGV als Schweizer Unternehmen deklariert. Meinolf Lüdenbach übernimmt in der Merwil sofort das Ruder als Geschäftsführer, zieht nach Barcelona und gibt wenig später Hans-Dieter S. weit gehende Befugnisse zum Geschäften. Es geht nicht lange, da benennt sich die Merwil in IGV Merwil um.

Dieses Firmenkonstrukt gibt Aufschlüsse über Lüdenbachs aktuelles Geschäftsgebaren unter der Maiwolf Holding. Die IGV geht in den 80er-Jahren mit dubiosen Methoden auf Adressenfang, auch in der Schweiz: Die Einträge für deren Adressbuch «PTC Yellow Pages» kosten fast 1000 Franken pro Jahr, die Vertragslaufzeit beträgt 5 Jahre, IGV-Vertreter versuchen «Kunden» unter Zeitdruck zum Unterschreiben zu bewegen, die Firmen operieren länderübergreifend.

Und auch eine erste Inkassofirma entsteht. So gründet der Liechtensteiner Treuhänder und Springpferd-Mäzen Silvio Vogt neben der IGV Liechtenstein 1983 auch die Executiv. Sie verteilt heute Leuten aus dem Maiwolf-Umfeld grosszügige Darlehen.

Neben Silvio Vogt und seinem Juracta Treuunternehmen trifft man auf eine weitere Person, die bis heute für Maiwolf-Firmen Dienste leistet: Gust Eugster, Treuhänder aus Appenzell. Er gründete 1987 einen Ableger in der Schweiz, den IGV Intertrade Guide Verlag in Appenzell.

1988 wird Hans-Dieter S. Geschäftsführer der IGV Liechtenstein, und im gleichen Jahr entsteht die Intercable in Hünenberg ZG. Dies ist Lüdenbachs Schweizer Zwischenfirma, um im Adressenhandel mitzumischen, bevor er mit den Aktivitäten der Maiwolf Holding durchstartet.

1996 wird die IGV Merwil in Barcelona liquidiert – das Geld fliesst zurück nach Liechtenstein und landet bei Hans-Dieter S. Seine und Meinolf Lüdenbachs Wege haben sich inzwischen getrennt; im seltsamen Adressbuchgeschäft sind aber beide weiterhin tätig.

© Tages-Anzeiger; 24.09.2005

Der Mann hinter dem globalen Adressbuch-Schwindel

Saturday, September 10th, 2005

Er wird die graue Eminenz genannt, denn er steuert das «Unternehmen Adressbuchschwindel». Recherchen zeigen: Eine weitere Firma steht unter seinem Einfluss.

Von Christian Bütikofer

Ist es Eitelkeit oder norddeutscher Humor? Der gebürtige Hamburger und leidenschaftliche Besucher von Stierkämpfen, Meinolf Lüdenbach, benennt die zwei wichtigsten Schweizer Firmen für den Aufbau seiner Adressbuchschwindel-Industrie abgewandelt nach seinem Vornamen: Maiwolf Holding (in St. Gallen) und Maiwolf Management (in Zug). Gesteuert wird die Holding von Barcelona aus, Lüdenbachs heutigem Domizil.

Die Maiwolf-Töchter Novachannel, Premium Recovery und Ovag International sind durch ihr Geschäftsgebaren nach Jahren erstmals ins Visier der Schweizer Justiz geraten (TA vom Mittwoch): Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) reichte gegen sie Strafanzeige wegen unlauteren Wettbewerbs ein.

Weitere Firma aus dem Kanton Zug

Meinolf Lüdenbachs Firmen betreiben von der Schweiz aus fragwürdige Geschäftspraktiken mit Einträgen in Firmenregistern. Die entsprechenden Antragsformulare erwecken zumeist den Eindruck, der Eintrag sei kostenlos. Doch mit dem Ausfüllen und Unterzeichnen wird ein mehrjähriger Insertionsvertrag geschlossen. Die Kosten von oft knapp 1000 Euro pro Jahr für den Eintrag stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Wer nicht zahlt, bekommt sofort Besuch von Lüdenbachs eigenen Inkassounternehmen.

Wahrscheinlich dürften sich die Untersuchungen bald auf eine weitere der vielen Firmen des Lüdenbach-Konglomerats konzentrieren: den Intercable-Verlag aus Hünenberg, Zug. An gleicher Adresse befindet sich auch die Maiwolf Management. Intercable-Chef Adrian Wittmer rapportiert ebenfalls in Lüdenbachs Hauptquartier nach Spanien. Bevor Wittmer bei der Intercable das Szepter übernahm, war Adam Krbalek fürs Geschäft besorgt – ihn findet man heute bei der Novachannel Deutschland wieder, während Gust Eugster wie in der Novachannel Schweiz auch hier im Verwaltungsrat sitzt und mit seiner Datarevisa die Bücher prüft.

Verurteilter Treuhänder als Gründer

Der Intercable-Verlag ist nach TA-Recherchen die älteste bekannte Schweizer Adressbuchschwindel-Firma Lüdenbachs. Wie die Novachannel ist Intercable weltweit aktiv – Spezialgebiet scheint Osteuropa zu sein. Und wie Novachannel mit teuersten Anwälten so versucht auch der Intercable-Verlag, im Ausland mit seltsamen Methoden Geschäftsleute, die sich wehren, vor den Richter zu zerren.

Dem TA ist ein Fall in Tschechien bekannt, bei dem einem dortigen Gericht ein unvollständig übersetzter «Vertrag» zwischen dem Intercable-Verlag und einem tschechischen Gewerbler präsentiert wurde. Ausgelassen ist unter anderem die Passage «Free Listing» – also der Hinweis auf den angeblichen Gratiseintrag.

Wer Dubioses plant, der trifft sich unter Seinesgleichen. Es ist wohl kein Zufall, dass ein Zuger Treuhänder, der 2000 wegen diverser Delikte zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt wurde, bei der Gründung der Intercable Pate stand.

© Tages-Anzeiger; 10.09.2005

Dubiose Angebote aus Luzern

Wednesday, September 7th, 2005

Weltweit betreiben eine Adressbuchfirma und zwei Inkassounternehmen seltsame Geschäfte aus der Schweiz – seit Jahren. Nun gabs Besuch von der Polizei.

Von Christian Bütikofer

Die Polizei klopfte bei beiden um 8 Uhr an. Michael Röwe, Geschäftsführer der Firma Novachannel, und Alexander Zweigart, Boss der Firma Premium Recovery, mussten den Luzerner Untersuchungsbehörden am 5. Juli sämtliche Geschäftsakten ihrer Firmen abliefern. Die Justiz verdächtigt die Unternehmen unlauterer Wirtschaftsmethoden: Röwes Novachannel verschickt Formulare für Adressbücher, die vorgeben, gratis zu sein. Im klein Gedruckten verstecken sich horrende Eintragskosten. Zweigarts Premium Recovery sorgt dann bei Hereingefallenen mit massivem Druck und haltlosen Gerichtsdrohungen fürs Inkasso. Beide operieren weltweit.

Was aussieht wie das ausgeklügelte Geschäft zweier gewitzter Figuren, täuscht. Sie sind Teil einer regelrechten Adressbuchschwindelindustrie, die mindestens seit 17 Jahren aus der Schweiz heraus planmässig betrieben wird. Neben den hier des unlauteren Wettbewerbs angeschuldigten Firmen Novachannel, Premium Recovery und OVAG International existieren im In- und Ausland x weitere Unternehmen. Zusammengehalten werden viele von ihnen durch die Maiwolf Holding.

Umsatteln aufs Pornogeschäft

Diese Holding wird durch Rechtsanwalt Heinz Mäusli vertreten, ein Freimaurer, der schon mal einen Rechtsextremen und den Arzt Walter Fischbacher verteidigte, der rassistische Schriften verbreitete.

Es hat lange gedauert, bis die beiden Deutschen Röwe und Zweigart aus Hamburg hier den Behörden bekannt wurden. Mindestens seit 1991 hält sich Röwe in der Schweiz geschäftlich im Adressbuchschwindel-Umfeld auf; Zweigart ist hier ebenfalls schon lange mit dabei. Das Handwerk für ihr heutiges Treiben lernten sie im Luzerner Inkassounternehmen OVAG International, das ebenfalls jahrelang und weltweit massiven Druck auf Hereingefallene der Adressbuchschwindelfirmen ausübte.

Ende 2001 verlässt Röwe die OVAG und wird Chef der Novachannel. Die Mission: Einstieg ins Pornogeschäft mit Unterstützung deutscher Programmierer aus Bayern. Für die gründet man nach der Novachannel-Entstehung eine weitere Firma: die Eye Net Medienagentur. Beide gibts im Doppelpack: In Deutschland und der Schweiz existieren sowohl eine Firma namens Novachannel als auch Eye Net.

In Novachannel Deutschland ist der Luzerner Diamantenhändler Adam Krbalek Geschäftsführer. Er war einer der Hauptdrahtzieher der Firma Heim-Arbeit Index, die sich aufs Ausnehmen Arbeitsloser spezialisierte. Die Firma suggerierte Jobsuchenden Stellen und kassierte stattdessen vor allem Gebühren ab. Neben Novachannel Deutschland leistete Krbalek für weitere Maiwolf-Firmen immer wieder langjährige Dienste.

Besinnung auf alte «Tugenden»

Ende 2003 entsteht die Premium Recovery. Auch Alexander Zweigart verlässt die OVAG und setzt alles daran, dass seine Funktion im neuen Inkassounternehmen nicht bekannt wird. Doch ein internes Dokument, das dem TA vorliegt, zeigt, dass Zweigart alle Fäden der Premium in der Hand hält. Premium Recovery übernimmt von nun an alle Inkassofälle der OVAG, die Maiwolf-Adressbuchverlage betreffen.

Die Pornogeschäfte laufen schlecht bei Novachannel, und so erinnert man sich in Luzern wieder der alten «Tugenden»: Adressbuchschwindel. Bald schon verschickt Röwes Novachannel neue Formulare im gleichen alten Stil.

Gleichzeitig ging die Firma rabiat gegen Privatpersonen vor, die sich im Internet kritisch über das Novachannel-Geschäftsgebahren äusserten. In der Schweiz wurde eine Person auf Schadenersatz von 150 000 Franken angeklagt. Dies obwohl das unseriöse Geschäftsgebaren von Novachannel von der Schweizerischen Lauterkeitskommission zweifelsfrei festgestellt wurde.

Darlehen aus Liechtenstein

Immer wieder wenns um Dienstleistungen für Maiwolf-Holding-Firmen geht, taucht der Name Gust Eugster auf. Er nimmt Verwaltungsratsmandate an und stellt mit der Datarevisa, bei der er auch die Finger im Spiel hat, die Revisionsstelle. Guido August Eugster ist ein ganz alter Hase im Adressverzeichnisgeschäft: Bevor die Datarevisa ein Treuhandunternehmen wurde, faxte sie in den Neunzigerjahren unter dem Namen Datafax Appenzell weltweit dubiose Formulare an Firmen.

Eugster bringt Verbindungen nach Liechtenstein mit, und auch dort geschehen seltsame Dinge: Die Executiv aus Vaduz gewährt Maiwolf-Leuten grosszügige Darlehen. In den Bilanzen ist ein «Mäusli/Chvalovsky» genanntes Darlehen für 2,5 Millionen Franken vorhanden. Auch findet sich «Maiwolf Holding» mit 200 000 Franken aufgeführt, und «Röwe» bescheidet sich mit 90 000 Franken. Auch auf die Frontmänner der Executiv trifft man bei Recherchen über Maiwolf-Firmen am Laufmeter.

© Tages-Anzeiger; 07.09.2005