Archive for April, 2005

Der Prediger des Video-Wunders

Monday, April 18th, 2005

Er will die Multimediawelt für immer verändern. Doch die zweifelt ob seinen Visionen. In Deutschland abgeblitzt, nimmt Uwe Prochnow in der Schweiz einen neuen Anlauf.

Von Christian Bütikofer

«Das ist doch der Wahnsinn!» Es regnet in Fehraltorf. Uwe Prochnow redet sich gerade warm in den Räumen der Montana Audio Systems GmbH. Beim Schweizer Geschäftspartner Reza Oskoui stellt der 32-jährige deutsche Tüftler Prochnow «sein völlig neues Videokomprimierungsverfahren» vor. Er hat die Anwesenden sofort im Griff, erzählt von seinem ersten Porsche und seinem ersten Patent in jungen Jahren.

Die Pressemappe spricht von der «Industrierevolution des 3. Jahrtausends». «Das technische Hintergrundwissen», sagt Prochnow, «habe ich mir während sieben Jahren im Ausland angeeignet. Unter anderem war ich bei zwei Satelliten-Broadcastern in den USA.»

Ein Millionengeschäft

Die Welt, die Prochnow revolutionieren will, ist die Welt der bewegten Bilder. Jeder trifft sie täglich an. Per digitale Fernsehübertragung, Kinofilm, Video on demand im Internet oder beim DVD-Film im Heimkino. Überall setzen die Hersteller Videokompression (Codec) ein. Den Industriestandard setzt die Moving Picture Experts Group (MPEG). Wer eine bessere Komprimierungstechnologie anbietet als jene der MPEG-Gemeinde, holt sich Ruhm und Ehre. Wer die Industrie dann noch dazu bringt, die Technologie zu lizenzieren, dem winken Millionen.

Prochnow ist überzeugt, besser zu sein als die MPEG. Zwanzigmal besser. Und er will dies mit einem völlig anderen Ansatz als das MPEG-Gremium. Statt wie bisher digitale Bilder in Blöcke aufzuteilen und dann nach dem MPEG-Standard zu komprimieren, will er den Inhalt der Filmbilder «ganzheitlich betrachten».

Prochnow erfasst die bewegten Bilder mit einer Objekterkennungs-Software. Danach wird das Bild vektorisiert. In einem dritten Schritt komprimiert Prochnows Codec die Daten «mit einem neuronalen Netz». Dadurch benötige er nur einen Bruchteil der üblichen Bandbreiten. Uwe Prochnow verspricht das perfekte Komprimierungsverfahren: «Wir jagen Videos ohne grosse Qualitätsverluste durch gewöhnliche Telefonleitungen.»

Multimediawunder

Aber Prochnow war nicht nur wegen seines patentierten Codec in Fehraltorf. Er bringt der Schweiz «das Mediacenter des 3. Jahrtausends»: Die Multimediabox nennt er Allcanview. «Er enthält bereits einen Softwareteil des neuen Bildverfahrens», sagt Prochnow. «Das ist möglich, weil unser Codec aus einem Software- und einem Hardwareteil besteht. Dank dieser Technik liefert er auch das beste Bild im Markt.»

Der Allcanview ist fürs Internet gedacht, beherrscht HDTV, Dolby Digital, Satellitenempfang, Netzwerk, ISDN, hat USB- und Fire-Wire-Anschlüsse, ist die leistungsstärkste Spielekonsole, ermöglicht Videokonferenzen, steuert Storen und Heizung. Das Mediacenter kann einfach alles. Der Allcanview kostet 9000 Euro. Das Gehäuse ist chic.

Prochnow führt seinem Publikum die technischen Finessen vor, braucht Fachbegriffe, zeichnet Skizzen – die Materie ist komplex. Prochnow ist ein gewandter Redner. Und er weiss: Bilder sagen mehr als Worte. Der Allcanview wird vorgeführt im Showroom. Mit Filmen wie «Terminator 3», «Star Wars» und «The Matrix». Prochnow macht Vergleiche: normales Bild, Allcanview-Bild. «Sehen Sie den Unterschied?» Prochnow zeigt ihn, das Publikum sieht ihn. «Ist doch einfach unglaublich, nicht wahr?» «Ja, genau, ja», vollzieht das Publikum nach.

Leonardo Chiariglione sitzt nicht im Publikum, er lebt im Norden von Italien. Chiariglione ist einer der Väter von MPEG. Und Uwe Prochnow lässt ihn völlig kalt. «Schon so viele Male habe ich Nachrichten von Wunder-Codecs gehört, die MPEG um Längen schlagen sollen. Kein Einziger hielt, was er versprach.» Der Italiener will keine Bilder, er will technische Beweise.

«Ich traue mich nicht mehr, unseren Kunden diese Maschine anzubieten.» Das sagt Leonhard Schwarte, Geschäftsführer von Auditorium aus Hamm. Sein Laden gehört zum Verband G8 Hifi der grossen Elektronikfachgeschäfte Deutschlands. So wie Schwarte äusserten sich drei weitere vom TA kontaktierten Hi-Fi-Händler. Der Allcanview hatte sich innerhalb eines Jahres den deutschen Markt verscherzt. Prochnows Firma Atvisican AG kämpfte mit Lieferproblemen, ihr Produkt Allcanview mit Softwarefehlern. Jetzt bringt ihn Prochnow in die Schweiz.

Im Februar 2004 ging die Drefa Media Holding GmbH mit Prochnows Atvisican einen Vertriebs- und Produktionsvertrag für den Allcanview ein. Die Drefa gehört dem MDR, dem Mitteldeutschen Rundfunk. Die Drefa-Spitze erhoffte sich, für den MDR Prochnows revolutionären Codec verwenden zu können. Nur drei Monate später endete die Geschäftsbeziehung mit Atvisican peinlich – bis heute besteht zu diesem Thema nach aussen eine absolute Kommunikationssperre.

Nachdem die Drefa ausgestiegen war, befand sich Atvisican finanziell am Boden. Uwe Prochnow brauchte neues Kapital. Im August 2004 wurde er in Baar fündig. Die ATC Asset Technology Control AG besitzt nun alle Rechte und Lizenzen der Atvisican AG. Dafür zahlte die ATC ein einmaliges Entgelt von 3,5 Millionen Euro.

Gravierende Vorwürfe

«In meiner ganzen Zeit bei Atvisican sah ich den neuartigen Codec kein einziges Mal» erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter. Bis 2004 war er dabei. Er beschuldigt das Unternehmen: «Keiner der Allcanviews, die zu meiner Zeit verkauft wurden, war fürs Internet mit einer Firewall geschützt oder hatte einen Virenscanner». Prochnow verwahrt sich gegen diese Anwürfe: «Das entspricht absolut nicht den Tatsachen. Wir hatten ZoneAlarm installiert und als Virenscanner AntiVir.» Das sind Gratisprogramme.

Mitte 2004 verliessen alle Techniker gleichzeitig das Unternehmen Atvisican. Mit ihnen ging nahezu die ganze Belegschaft. Übrig blieben Putzkraft und Telefonempfang.

Bis heute lizenzierte keine Firma Prochnows Codec. Das soll sich Ende April ändern. Dann fliegt Uwe Prochnow ein weiteres Mal in die USA zu einem Grossen der Halbleiterindustrie. Dort will er die Techniker mit jenen Fakten überzeugen, von denen er seit mehr als einem Jahr redet.

Reza Oskoui glaubt fest an seinen Partner. «Eben erst ist eine Offerte von Toshiba eingetroffen», weiss er und doppelt gleich nach: «Es geht um Milliarden!»

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